Religion : Macht Glauben glücklich?

Ein Gespräch mit Heinrich Bedford-Strohm, der jetzt in Bayern für das Amt des evangelischen Landesbischofs kandidiert.

DIE ZEIT : Herr Bedford-Strohm, neulich, auf einer Tagung deutscher Theologen, haben alle außer Ihnen das Wort Gott peinlich vermieden. Haben Akademiker Angst vor Gott?

Heinrich Bedford-Strohm : Vielleicht gibt es tatsächlich eine Tendenz bei Universitätstheologen, dieses fromme Wort zu vermeiden. Die Kraft der Theologie hängt aber nicht davon ab, ob Gott erwähnt wird, sondern ob es gelingt, ihn ins Gespräch mit der heutigen Zeit zu bringen. Trotzdem ist es nicht gut, das Wort Gott zu scheuen, um in der Wissenschaft keinen Anstoß zu erregen.

ZEIT: Sie selbst haben sowohl praktische als auch theoretische Erfahrung mit Christentum, Sie waren erst Pfarrer, dann Professor, und jetzt kandidieren Sie fürs Bischofsamt. Wie passt das zusammen?

Bedford-Strohm: Theologie lebt von der Innen- und der Außenperspektive. Sie muss nachvollziehen können, was Menschen meinen, wenn sie von Gott reden, aber Religion auch kritisch infrage stellen. Kritik ist der größte Dienst, den Theologie der Kirche erweisen kann, denn das hilft ihr, sich zu bewegen und zu erneuern.

ZEIT : Wann hat Theologie zuletzt eine entscheidende Zukunftsfrage formuliert?

Bedford-Strohm: Als es um unser Verhältnis zur Schöpfung ging. Lange Zeit dachten wir, der Mensch habe das Recht, sich der Natur zu bemächtigen. Theologie hat mithilfe der Ökologiebewegung herausgearbeitet, dass das, was in der Bibel Herrschaft über die Erde heißt, nichts anderes bedeutet als Pflege der Natur. Das Wort Herrscher ist im Alten Testament nie losgelöst von der Aufgabe des Königs, für die Schwachen zu sorgen und sie zu schützen. Das kann man auch auf die Natur übertragen. Herrschen über die Erde heißt Haushalten. Diese Einsicht trug sicher dazu bei, dass viele Christen sich heute besonders für die Bewahrung der Natur einsetzen.

ZEIT: Wie hat Theologie selbst sich verändert?

Bedford-Strohm : Ein gutes Beispiel ist unsere Auffassung von Sünde. Früher war sie stark moralistisch. Wer bestimmte Benimmregeln der bürgerlichen Moral verletzte, hatte gesündigt. Insbesondere die feministische Theologie konnte aber zeigen, dass Sünde auch das sich Versperren des Menschen gegenüber den Lebensquellen bedeutet. Der Sinn der Rede von der Sünde darf nicht sein, das Selbstbewusstsein zu unterminieren. Im Gebot der Nächstenliebe steckt auch die Selbstliebe.

ZEIT : Haben so destruktive Aspekte des Christentums wie etwa die sprichwörtliche Strafpredigt letztlich auch zur Kirchenkrise geführt?

Bedford-Strohm : Viele Menschen, die sich der Kirche entfremdet haben, kennen sicher die Erfahrung, dass christlicher Glauben ihnen Lebensquellen verschlossen hat. Sie haben Bilder von Kirche im Kopf, die abschreckend sind. Aber viele entdecken die Kirche auch neu. Vergangenes Jahr hat die Zahl der evangelischen Kircheneintritte in Bayern um 57 Prozent zugenommen.

ZEIT : Sind das katholische Überläufer?

Bedford-Strohm : Das ist schwer zu sagen, weil es darüber keine Zahlen gibt. Aber offenbar entscheiden sich Menschen frei und bewusst für Kirche – ein Phänomen, das wir in der pluralistischen Gesellschaft zunehmend beobachten. Sie entdecken die Kraft des Christentums neu.

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Kommentare

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Ohne Frage

hat der Mensch ein tiefes Bedürfnis nach Spiritualität. Wenn man sich jedoch die Entwicklungen in Deutschland ansieht (Islam) wird der beste Weg sein, die Religion immer weiter aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen. Es ist nunmal so, dass über Art. 3 I GG und Art. 4 GG jeder Mensch das Recht hat, seine Religion zu leben. Ein Ersatz kann eine verbreitete Kultur von sozialem Zusammenhalt (vermittelt durch die Schulen) sein, der ohne religiöse Aspekte auskommt.

Um den ständig wachenden Konflikt um Kopftücher, Kirchen, Minarette usw. zu vermeiden sollte die Linie einfach sein: Religion ist absolute Privatsache und hat im öffentlichen Leben nichts verloren. Das sollte für alle gleichermaßen gelten. Niemand sollte sich verschleiern oder öffentlich beten dürfen, wenn er damit andere Menschen zur Beachtung seiner Wertmaßstäbe zwingt (z.B. das versperren von Wegen o.ä.). Die Religion führt vielleicht oft zum privaten Glück, zum öffentlichen "Glück" trägt sie meistens jedoch nicht bei.

Allmachtsphantasien

Lieber Snauzbaut,

zunächst einmal braucht kein religiöser Mensch bei Ihnen darum zu betteln, dass er seine Grundrechte wahrnehmen darf, wie bspw. das Recht seine Religion zu praktizieren. Mag sein, dass atheistische Allmachtsphantasien es gerne anders hätten, aber so weit sind wir noch nicht...

Selbes gilt auch für den Religionsunterricht, wenn Sie Ihr GG nämlich drei Artikel weiter lesen, gelangen Sie zum Art. 7 GG. Apropos "Weg versperren": Wenn mir Demonstranten den Weg versperren, schaffe ich auch nicht gleich das Versammlungsrecht ab.

Wenn Sie überdies meinen, dass zur Konfliktvermeidung Verbote das Mittel sind, neige ich dazu, so vermessen zu sein, dass ich eine Prophezeiung wage: Sie werden sich irren. Nicht mehr offen und fair (!) ausgetragene Konflikte, werden Ihnen irgendwann um die Ohren fliegen.
Man könnte es ja auch mal mit einem interkulturellen oder interreligiösen Diskurs probieren. Aber vielleicht hat der Atheist ja hier so wenig mit einzubringen, dass er lieber pauschal verbieten muss?

Schließlich noch eines: Wenn ihr Dorfpfarrer eine Pfeife war, ist das bedauerlich. Die mosersche "Gottesvergiftung" haben zum Großteil Pfarrer besorgt. Aber ich akzeptiere nicht, dass Ihr Dorfpfarrer Grundlage eines Urteils über den Glauben oder den Glaubenden generell sein soll - ich messe auch nicht die Demokratie am unfähigen Politiker XY.

Herzlichst
aR

was Sie sagen klingt plausibel

nur habe ich es nicht so dargestellt, wie Sie es behaupten.

Ich sehe nur die aktuellen Zustände, einen immer präsenteren Islam und die damit verbundenen Probleme.

Und bevor hier immer extremere Religionsfanatiker Boden fassen, bin ich lieber für eine generelle Abschaffung.

Mit der christlichen Religion habe ich keine großen Probleme, aber mit dem Islam.

Da jeder sich halt auf seine Grundrechte berufen kann, funktioniert keine andere Lösung als eine generelle Abschaffung für alle aus dem öffentlichen Raum, wenn man sich dem Vorwurf der Ungleichbehandlung nicht aussetzen will.

Da unser Bundespräsident den Islam als Teil Deutschlands sieht, wird es Zeit, etwas entgegen zu wirken, denn wie ich haben viele andere Menschen keine Lust auf den Islam in Deutschland.

Islam in Deutschland

Lieber Snauzbaut,

mit Verlaub - ich bleibe anderer Meinung. Verbote verdecken das Konfliktpotenzial eher, als dass sie es lösen können.

Zunächst sind wir uneingeschränkt einer Meinung in der Ablehnung von fanatischem Extremismus. Ich meine aber, dass die bundesdeutsche Rechtsordnung ausreicht, das friedliche Miteinander in einer pluralen Gesellschaft zu gewährleisten.

Dass heißt für Sie und mich, wir müssen mit Kopftüchern und Minaretten leben. Dass heißt aber auch für Befürworter der Zwangsheirat § 240,4 StGB - fünf Jahre (übrigens auch für Orthodoxe, aber das ist ein anderes Thema).

Da Sie den Islam in Deutschland ansprechen. Diese Debatte ist m.E. eine eigene Erörterung wert.

In unserem Kontext so viel von mir

Da bald ein Universitätsislam im Rahmen der Lehrerausbildung in Deutschland entsteht, erhoffe ich mir, dass der Islam bald eine deutsche Identität ausbildet, die ich in der Tat vermisse. In der Wechselwirkung mit der lokalen Kultur (und damit auch der Moderne), schafft er es vielleicht, sich ein eigenes mitteleuropäisches Profil zu geben, das es so noch nicht gibt.
Das wäre für Sie und mich ein Gewinn. Für alle Religionsfanatiker wäre dieser emanzipierte Islam ein Gräuel.

Bei allem anderen, was bisweilen Ängste hervorruft, werde ich aber oft den Eindruck nicht los, dass hier gelegentlich 'der Islam' gefürchtet wird, weil man selbst sich seiner kulturellen Identität nicht sicher ist (das sage ich generell - und münze das hier nicht auf Sie!).

Herzlichst

aR

das sehe ich pragmatischer

Ich bin der grundlegenden Ansicht, dass der Islam im Grunde nicht verfassungskonform interpretiert werden kann und zwar aus folgenden Gründen:

- er ist streng dogmatisch
- die Anhänger des Islam neigen häufig zur isolierten Lebensweise
- das Weltbild ist tendenziell so ausgelegt, dass klassische Rollenstrukturen als Ziel angestrebt werden (Frau als Familienbehüterin, männliche Dominanz)
- der Islam kann Extremisten als Basis für ihr Handeln dienen, da er durchaus bei wörtlicher Auslegung radikal interpretiert werden kann

Schon historisch hat sich der Konflikt zwischen dem Islam und Christentum entwickelt und damit befinden wir uns heute an den "Ausläufern" dieses Konflikts. Deutschland wurde vollständig ohne islamischen Einfluss erfolgreich, während der Islam ohne westlichen Einfluss keinen Fortschritt zulässt (siehe Iran).

Und noch eine Tatsache spricht für meine These: die am besten integrierten Migranten sind keine aktiven Anhänger des Islam.

religiöse Gemeinschaften und Gesellschaft

Lieber Snauzbaut,

nun einmal abgesehen, von der Frage wie es historisch im deutsch-islamischen Verhältnis zuging (die erste Moschee in Deutschland datiert übrigens ins Jahr 1779 in Schwetzingen):

Zum großen Teil gebe ich Ihnen auch Recht, wennschon mir auf Anhieb gefühlte 49 christliche und 7 jüdische Gruppen einfallen, auf die Ihre Gravamina auch zutreffen.

Der Punkt ist, dass - zumindest meiner Auffassung nach - die Öffnung einer religiösen Gemeinschaft hin zur Gesellschaft und ihren Werte und Normen nicht gelingt, wenn man diese Gruppe vom Diskurs ausschließt.

Der von Ihnen angesprochene Islam hat meinethalben hier auch eine "Bringschuld", aber ich denke, dass er ihr gerade mit dem entstehenden Universitätsislam auch gerecht wird. Da werden Liberalisierungen und Modernisierungen nicht ausbleiben.

Es gibt gesellschaftliche Werte, die uns beiden schlechterdings unverhandelbar sind - etwa das angesprochene Gleichberechtigungsideal. Mit solchen Standards muss sich freilich auch der Islam auseinandersetzen. Auseinandersetzung setzt allerdings einen Diskurs voraus.

Das zeigt übrigens auch das Christentum: Nachdem das Christentum mit Schleiermacher die Aufklärung rezipiert hat, vergingen noch 100 Jahre bis Troeltsch eine fundierte Widerlegung des christlichen Absolutheitsanspruches formulierte, und nach weiteren 50 Jahren klärte Barth die Demokratiefrage theologisch.

Aber wir leben heute - Gott sei's gedankt - in einer schnelleren Zeit. ;-)

LG

aR

Religion bedeutet ...

sich selber zu belügen.
Einigen Menschen ist diese Lebenslüge eine Hilfe, anderen nicht.
Vor einiger Zeit hatte ich in der S-Bahn ein Gespräch mit einer Nonne, welche mir erzählen wollte, dass es einen Gott gibt vor dem ALLE Menschen gleich wertvoll sind. Also der Massenmörder gleich viel wert, als der Arzt, der Kinderschänder(ob Geistlicher oder nicht) gleich viel wert als der Wohltäter.
Nein, es gibt Menschen die mehr wert sind, als andere.
Religionen sind verbrecherisch und polemisch, vorallem wenn sie einfluss auf Politk nehmen, auf christliche Parteien, etc.
Ich habe Angst vor Religion und den Einfluss von Religion.
Dschihad! Dschihad!
Ich habe Angst vor dem unwissenschaftlichen und irrationalen Einfluss, auf weltpolitische Fragen, Fragen zu Medizin und Fortpflanzungslehre. Ja, mir mach das alles Angst. John Lennon hatte Recht, als er von einer Welt ohne Religion geträumt hat. Denn Religionen sind die größeren Zeitbomben als AKWs, Klimawandel, Ressourcenknappheit, ...

Bitte stellen Sie einen konkreten Bezug zum Thema heraus. Danke. Die Redaktion/er

so sieht das aus

meiner Meinung nach ist Religion auch oft ein bequemer Ausweg, um den eigenen Kopf und das eigene Gewissen nicht zu sehr zu belasten. Es ist schließlich schön einfach und beruhigend, wenn "die Kirche" das auch so sieht und man entspannt jede Woche in der "Gemeinschaft der Heiligen" in der Kirche sitzt.

Das ist sicherlich für viele Menschen ein Wert ansich, aber Religon birgt in der Konsequenz am Ende immer die Gefahr, VERANTWORTUNG abzudeligieren. Daher ist ein innerlicher Glaube mit richtig/falsch Maßstäben wohl besser als eine Glaubensdogmatik im Sinne von "Hey Kind, Du warst Sonntag nicht in der Messe, warum nicht (alles so erlebt vom Dorfpfarrer).

Nicht die Religion...

...ist die Wurzel des Übels, sondern der Mensch. Kreationisten und Ultraorthodoxe sind nicht Programm der Bibel, sondern widerspenstige Hardliner der religiösen Bewegnung. Reine Kritik ist immer fragwürdig, da sie erfordert einen absoluten Standpunkt. Aber wie können die Menschen einen absoluten Standpunkt haben, wenn sie sich noch nicht einmal selber kennen?

Ich bin nicht religiös, aber wenn Religion die Idee von transzendenter Gerechtigkeit und Gleichheit aufrecht erhält, bin ich ihr größter Verfechter!

Der Zusammenhang ist ein Anderer imo

Ich formuliere absichtlich etwas provokant: Nicht Religiosität macht glücklich, sondern Dummheit (hier: Abwesenheit/Mangel von Intellekt, Bildung, Intelligenz).

Mit steigender Intelligenz sinkt nach Professor Richard Lynn die Religiosität (Psychologe, emeritiert, siehe http://www.heise.de/tp/bl...). Dass dumme Menschen glücklicher sind, ist sicher für Viele ein Erfahrungswert (für mich jedenfalls) - da braucht man kein Einstein sein um 1 und 1 zusammen zählen zu können.

(Glücklicherweise?) ist die Dummheit auf dem Vormarsch. Jahrzentelange Kürzungen von Bildungsetats sei Dank!

Nö, so wird das nix.

Die Idee, daß Religion auch nur annährend etwas mit intellektuellem Minderwuchs zu tun hätte, ist seit der Aufklärung zwar weit verbreitet, allerdings ebenso kurz gegriffen.
Die Erfindung der Religiosität bzw. Spiritualität war im Gegenteil eine der höchsten intellektuellen Leistugen des "beginnenden" homo sapiens. Transzendenz, Erklärungen über Diesseits und Jenseits, Erklärungen darüber, wie Welt zustandekommt, funktioniert und vergeht: was soll daran "dumm" sein? Religion hatte von Anfang an etwas mit Sicherheiten und einem "Wissen" zu tun, das ebenso "wahr" zu sein schien wie unsere heutige Überzeugung, Empirie wäre "wahr".
Heutzutage hat man sicherlich andere Modelle davon, wie Welt funktioniert: sie sind jedoch ebenso ideologisch-verbrämt (wie man an den Kommentaren ja bemerkt) wie die Argumente religiöser Fundamentalisten. Kein Wunder: auch diese Modelle bieten Halt - wie Religionen.
"Mensch sein heißt religiös sein" (M. Eliade). Wobei "religiös sein" nix mit "Religion", sondern mit "Glauben" zu tun hat.

vehikel

"Die Erfindung der Religiosität..."

da haben sie sich wohl nur etwas unglücklich ausgedrückt. wer sollte denn religion ERFUNDEN haben? doch etwas anderes: mit der "vier-säfte-lehre" ist die medizin jahrhunderte lang sehr gut zurechtgekommen. daß bedeutet jedoch nicht, daß es sinnvoll wäre, sie heute noch anzuwenden. ebenso sehe ich das mit der religion. jahrtausende lang gab es keine adäquaten erklärungen der welt. da waren die religionen ein gutes vehikel zum transport von ethik, moral und "wissenschaft". auch als pädagogische veranstaltung war religion ganz gut zu gebrauchen. doch die zeiten ändern sich - gottgewollt (?)
aber wer es halt mag und damit niemanden belästigt - bitteschön.

Wieso kommen Sie auf die Idee,

die 4-Säfte-Lehre fände heute keine Anwendung mehr? Die Medizin ist voll von genau diesen Prinzipien - die "Säfte" heißen nur nicht mehr "grüne" oder "schwarze" Galle, sondern "Transmitter" oder ähnlich, es sind jedoch lediglich Metamorphosen dieser "alten" Vorstellungen, daß da was im Ungleichgewicht ist. Um es nochmals zu sagen: man muß schon etwas kreativer sein und durch die Worte hindurch den impliziten Sinn suchen, den diese Worte transportieren.
Und natürlich wurde Religion erfunden - was denn sonst. Oder denken Sie, sie wäre vom Himmel gefallen? Dann wären Sie religiöser, als Ihr Beitrag vermuten läßt.

kreativ

"die "Säfte" heißen nur nicht mehr "grüne" oder "schwarze" Galle, sondern "Transmitter" oder ähnlich"

genau das meine ich. man muß sich die wirklichkeit nur ein wenig zurechtbiegen. genau so, wie man sich die bibel zurechtbiegt (sie nennen es vielleicht kreativität). transmitter haben mit den "säften" nun wirklich nichts gemein. es sei denn, sie meinen, die modelle haben sich verfeinert und sind genauer geworden. da wären wir d´accord. das bedeutet aber me., zur erklärung von körperfunktionen/der welt kommen wir heute ohne nebulöse beschreibungen/gott aus. doch da sind wir wohl nicht mehr d´accord.

intellektuelle leistung

"Die Erfindung der Religiosität bzw. Spiritualität war im Gegenteil eine der höchsten intellektuellen Leistugen des "beginnenden" homo sapiens."

wer sagt das - sie?

ich denke religiösität ist im gegenteil ein relikt aus der intellektuellen brabbelphase des menschen. spiritualität hingegen ist sicher eine gabe die besonders den menschen auszeichnet, wobei ich es den tieren im prinzip nicht absprechen möchte, aber tiere kommen laut bibel ja eh nicht in den himmel, die sind eh nur beiwerk oder?

und übrigens an ein buch zu glauben das 1000x umgeschrieben wurde und an einen großen "papa" nach menschlichem vorbild zu glauben halte ich nicht gerade für eine intellektuelle glanzleistung.

Ganz so einfach

ist das alles leider doch nicht. Was "erklären" denn Transmitter? Das bißchen Reizweiterleitung? Wie das Ganze als Komplex funktioniert, von diesem Modell sind wir noch Lichtjahre entfernt (3 Ärzte, 5 Meinungen - gaaanz alter Spruch).
Aber wir "glauben" eben heute lieber an Transmitter - warum auch nicht, solange es den Pharmafirmen hilft.
(Wissenschaftliche) Modelle von Wirklichkeit haben nichts mit Wahrheit oder ähnlichem zu tun, sie generieren jedoch eine Wirklichkeit - eben das macht Religion ebenfalls. Beide sind Produkte menschlicher "Kreativität" und beide bieten Halteformen, indem sie - scheinbar - Welt erklären. Und beide schließen jeweils andere Erklärungsmuster aus.
Über die "Glaubenskriege" innerhalb der Wissenschaft muß man, denke ich, nichts weiter sagen (vgl. z.B. Kuhn über die "Revolutionen" in der Wissenschaft). Das Dumme dabei ist allerdings, daß wir immer auch direkt oder indirekt davon betroffen sind, weil sich auch die Politik hilfesuchend an die Wissenschaft wendet, um zu Entscheidungen zu kommen. Wie sehr die jeweiligen Resultate Wirklichkeit verbiegen, sieht man an der Sicherheitsdebatte über die KKWs. Natürlich ist das Religion - wie würden Sie das nennen?

transmitter

"Aber wir "glauben" eben heute lieber an Transmitter..."
ausdrücklich nein! "transmitter" scheinen aber eine bessere erklärung von körperfunktionen zu sein, als "säfte".

"von diesem Modell sind wir noch Lichtjahre entfernt ..."
doch wir nähern uns ständig an - asymptotisch (das nennen manche gott).

"Modelle von Wirklichkeit haben nichts mit Wahrheit oder ähnlichem zu tun..."
daher der name MODELL.

"... sie generieren jedoch eine Wirklichkeit..."
genau das tun sie eben nicht. sie versuchen die wirklichkeit zu beschreiben und faßbar zu machen - genau wie religion das versucht.

"Wie sehr die jeweiligen Resultate Wirklichkeit verbiegen, sieht man an der Sicherheitsdebatte über die KKWs. Natürlich ist das Religion - wie würden Sie das nennen?"
da werfen sie wissenschaft, religion, ökonomie und egoismus in einen topf. "die wissenschaft" weiß seit jahrzehnten, daß kkw nicht beherrschbar sind. die techniker waren der meinung daß doch, die industrie hat aus eigennutz auf die techniker gehört und die politik ist wie immer indifferent.

Ja, jetzt scheint sich

allmählich die Idee bemerkbar zu machen, daß Religion eben keine "einfache" Sache ist.
Und selbstverständlich generiert Wissenschaft Wirklichkeit - die "self fulfilling prophecy" ist in der Pädagogik ein alter Hut und kann sehr gut auf Wissenschaft selbst angewandt werden: sie "entdeckt" das, was sie entdecken möchte (und was in diesem Augenblick als passend erscheint). Indem ich Wirklichkeit beschreibe, verändere ich sie bereits - in einer kleinen Abwandlung von Heisenberg.
Natürlich gibt es nach wie vor Wissenschaftler, die an die Beherrschbarkeit von KKWs glauben und das auch empirisch-physikalisch-technisch "beweisen" können - wie Sie selbst geschrieben haben, macht das einen ganz bestimmten Sinn.
Scheinbar kommen wir um diese vemaledeiten Parallelen zwischen Religion und Wissenschaft nicht herum.
Ach ja, die "Erfinder" der Religion: waren vielleicht die Schweizer ... . :-)

rechenstäbchen

"... sie "entdeckt" das, was sie entdecken möchte (und was in diesem Augenblick als passend erscheint)."
das verwechseln sie jetzt mit religion. wenn sie zu einem rechenstäbchen ein anderes rechenstäbchen legen, liegen dann zwei rechenstäbchen. das kann man mögen oder nicht - es ist so. oder wenn der apfel sich nicht mehr am baum hält, fällt er zu boden. das mag lästig sein, ist aber nicht zu ändern. herr newton hat das nicht gewollt, er hat es festgestellt und sich weiter gefragt, warum das so ist. da kommen wir dann wieder auf die asymptote.

"Indem ich Wirklichkeit beschreibe, verändere ich sie bereits ..."
na, zum glück ist das so. wir lernen daraus, der mensch verändert - nicht gott. der schaut bestenfalls zu.

"Ach ja, die "Erfinder" der Religion: waren vielleicht die Schweizer ... . :-)"
das habe ich mir nicht getraut :-))

Ich will ja nicht gleich

mit dem Kantschen Hammer kommen, aber es scheint doch wichtig zu sein, die Relativität von Erkenntnis hervorzuheben. Sowohl "Rechenstäbchen" als auch die Zahl "2" sind Zurechtmachungen der Welt. Ob es Zahlen überhaupt gibt, ist keine Frage, die die Mathematik beantworten kann (deshalb arbeiten die ja auch mit dem Konstrukt der Kardinalzahlen und mit einer Axiomatik). "Glaube" ich nicht an das erste Peano-Axiom, dann kann mir die ganze Mathematik den Buckel runterrutschen - ob das praktisch wäre, ist eine andere Frage.
Der deutsche Idealismus fragte danach, wie die Verhältnisse in die Köpfe kommen und setzte sich damit von dem beginnenden empirischen Materialismus ab, der sich ebenso dogmatisch präsentierte wie das, was er bekämpfte: die Religion.
Vielleicht nochmals zum Anfang: die These lautet, daß die Religion deshalb ein Jahrzehntausende dauerndes Erfolgsmodell war, weil sie die Welt (und Leben und Tod) erklärte und so angstreduzierend wirkte und die Menschen vom Zufall emanzipierte. Diese Aufgabe hat sein ca. 450 Jahren (ich beginne hier mal bei Descartes - es gäbe andere Möglichkeiten) die Wissenschaft übernommen - und sie erklärt nun die Welt (und Leben und Tod). Und sie beharrt ebenso wie (alle anderen) Religionen darauf, recht zu haben und "wahrhaftig" zu sein.
Warum es so schwer fällt, hier die Parallelen zu ziehen und zu bemerken, liegt daran, daß Wissenschaft schon längst "Staatsreligion" geworden ist: Zweifel kommen höchstens noch von der jeweiligen Opposition.

antwort auf "Ich will ja nicht gleich"

ok. alles läßt sich relativieren. es gibt auch die nichteuklidische mathematik. geschenkt.
wir werden so nicht weiterdebattieren können. das meine ich nicht zornig.
was bleibt ist die feststellung, daß es gottesgläubige menschen gibt, die mit dem gottesglauben glücklich sind, menschen, die ohne gottesglauben glücklich sind, und menschen die meinen, daß es egal ist, ob es einen gott gibt (zu diesen gehöre ich)und damit glücklich sind.
wichtig ist, daß wir uns nicht die schädel einschlagen und bis zu einem bestimmten punkt argumente austauschen können. ich danke ihnen für die freundliche debatte.

ach so, das kann ich mir nicht verkneifen: auch kant war nur ein mensch seiner zeit und seiner umwelt - also relativ.

nicht dumm

"welches nicht wörtlich genommen werden darf, ist schon sehr abenteuerlich. Egal bei welcher Religion, aber ständig wird gesagt, man müsse es anders verstehen als es dort steht. Klingt unlogisch, ist es auch."

das stimmt, ist schon ein geiles buch, jeder kann sich selber hinbiegen was drinsteht aber gesagt hat es dann BIG BOSS, wie genial, ich fange an zu verstehen … LOL