Religion Macht Glauben glücklich?

Ein Gespräch mit Heinrich Bedford-Strohm, der jetzt in Bayern für das Amt des evangelischen Landesbischofs kandidiert.

DIE ZEIT : Herr Bedford-Strohm, neulich, auf einer Tagung deutscher Theologen, haben alle außer Ihnen das Wort Gott peinlich vermieden. Haben Akademiker Angst vor Gott?

Heinrich Bedford-Strohm : Vielleicht gibt es tatsächlich eine Tendenz bei Universitätstheologen, dieses fromme Wort zu vermeiden. Die Kraft der Theologie hängt aber nicht davon ab, ob Gott erwähnt wird, sondern ob es gelingt, ihn ins Gespräch mit der heutigen Zeit zu bringen. Trotzdem ist es nicht gut, das Wort Gott zu scheuen, um in der Wissenschaft keinen Anstoß zu erregen.

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ZEIT: Sie selbst haben sowohl praktische als auch theoretische Erfahrung mit Christentum, Sie waren erst Pfarrer, dann Professor, und jetzt kandidieren Sie fürs Bischofsamt. Wie passt das zusammen?

Bedford-Strohm: Theologie lebt von der Innen- und der Außenperspektive. Sie muss nachvollziehen können, was Menschen meinen, wenn sie von Gott reden, aber Religion auch kritisch infrage stellen. Kritik ist der größte Dienst, den Theologie der Kirche erweisen kann, denn das hilft ihr, sich zu bewegen und zu erneuern.

ZEIT : Wann hat Theologie zuletzt eine entscheidende Zukunftsfrage formuliert?

Bedford-Strohm: Als es um unser Verhältnis zur Schöpfung ging. Lange Zeit dachten wir, der Mensch habe das Recht, sich der Natur zu bemächtigen. Theologie hat mithilfe der Ökologiebewegung herausgearbeitet, dass das, was in der Bibel Herrschaft über die Erde heißt, nichts anderes bedeutet als Pflege der Natur. Das Wort Herrscher ist im Alten Testament nie losgelöst von der Aufgabe des Königs, für die Schwachen zu sorgen und sie zu schützen. Das kann man auch auf die Natur übertragen. Herrschen über die Erde heißt Haushalten. Diese Einsicht trug sicher dazu bei, dass viele Christen sich heute besonders für die Bewahrung der Natur einsetzen.

Heinrich Bedford-Strohm

Heinrich Bedford-Strohm gehört zu den profiliertesten deutschen Theologen der jüngeren Generation. Der Protestant, 51, ist ein Schüler Wolfgang Hubers. Er beschäftigte sich mit Theorien der Gerechtigkeit, lehrte Sozialethik und ist Professor für Systematische Theologie in Bamberg und Stellenbosch, Südafrika. Bedford-Strohm steht für eine klare Debatte über die Zukunft des Christentums. Er initiierte den ersten Studiengang öffentliche Theologie und befasst sich vor allem mit der Frage, was Kirche in der modernen Gesellschaft bewirken kann. Er ist einer der Kandidaten für das Amt des evangelischen Landesbischofs in Bayern, der kommende Woche gewählt wird.

ZEIT: Wie hat Theologie selbst sich verändert?

Bedford-Strohm : Ein gutes Beispiel ist unsere Auffassung von Sünde. Früher war sie stark moralistisch. Wer bestimmte Benimmregeln der bürgerlichen Moral verletzte, hatte gesündigt. Insbesondere die feministische Theologie konnte aber zeigen, dass Sünde auch das sich Versperren des Menschen gegenüber den Lebensquellen bedeutet. Der Sinn der Rede von der Sünde darf nicht sein, das Selbstbewusstsein zu unterminieren. Im Gebot der Nächstenliebe steckt auch die Selbstliebe.

ZEIT : Haben so destruktive Aspekte des Christentums wie etwa die sprichwörtliche Strafpredigt letztlich auch zur Kirchenkrise geführt?

Bedford-Strohm : Viele Menschen, die sich der Kirche entfremdet haben, kennen sicher die Erfahrung, dass christlicher Glauben ihnen Lebensquellen verschlossen hat. Sie haben Bilder von Kirche im Kopf, die abschreckend sind. Aber viele entdecken die Kirche auch neu. Vergangenes Jahr hat die Zahl der evangelischen Kircheneintritte in Bayern um 57 Prozent zugenommen.

ZEIT : Sind das katholische Überläufer?

Bedford-Strohm : Das ist schwer zu sagen, weil es darüber keine Zahlen gibt. Aber offenbar entscheiden sich Menschen frei und bewusst für Kirche – ein Phänomen, das wir in der pluralistischen Gesellschaft zunehmend beobachten. Sie entdecken die Kraft des Christentums neu.

Leser-Kommentare
  1. ich habe mich rein interessehalber mal mit dem buddhismus beschäftigt und viel darüber gelesen. dabei habe ich bemerkt, dass ich eigentlich schon lange ohne es zu wissen danach lebe! ich bin als atheist ohne konfrontation mit religionen aufgewachsen, aber von meinen Eltern moralisch und ethisch gut erzogen worden. wer einen gesunden menschenverstand hat und das soziale und gesellschaftliche umfeld stimmt, braucht keine religionen.........nur lebensweisheiten im miteiander an welche mann/frau sich halten kann!

  2. Lieber aR,

    es mag ein Jeder nach seiner Facon danach trachten, glücklich zu werden.
    Die Religionskritik meint, es besser zu wissen, weil sie heute die Gewaltlosigkeit vertritt.
    Das war nicht immer so. In kommunistischen und nationalen Diktaturen wurden auch Menschen ihrer Gläubigkeit wegen verfolgt.
    Religion oder nicht - RESPEKT macht glücklich! Respekt erlaubt uns, mit Anderen vorurteilsfrei, vernünftig und humanitär umzugehen. Respekt gegenüber Anderen setzt Selbstachtung voraus.

    Freundschaftlich

    Peterra

    • snoek
    • 05.04.2011 um 12:23 Uhr
    91. .....

    Ich finde es bedauerlich, dass das Interview so ein reflexartiges Aufgebaren bei Ihnen auslöst. Sie müssen sehr negative Erfahungen gemacht haben. Ihre Einwände sind nicht von der Hand zu weisen. Aber gerade die Aussagen Herrn Bedford-Strohms machen doch Hoffnung die verstaubten Dogmen des Christentums aufzubrechen.

    Antwort auf "Religion bedeutet ..."
  3. Lieber Mitbürger2,

    dass ist nicht mein Punkt. Sie fällen aufgrund geschichtlicher Ereignisse ein Werturteil. Das Argument, das in diesem Forum generell gerne angeführt wird, lautet doch: Aufgrund der Gewaltgeschichte ist das Christentum als moralisch diskreditiert anzusehen.

    In dieser Form vorgebracht, ist es doch naheliegend die ach so moralischen Beurteiler zu fragen, nach ihrer Konsequenz zu fragen.

    Daher zu Ihren Punkten:
    a) Sie sollen sich nicht Ihren Geburtsort aussuchen, sondern Ihre Staatsangehörigkeit. Das ist die Parallele. Beide Institutionen, Glaubens- und Staatsgemeinschaft, sind mit einer Gewaltgeschichte belastet. Bei beiden entscheiden SIE über ihre Zugehörigkeit.

    Das führt mich zu Ihrem Punkt d): Danach ist Staatsangehörigkeit verbunden mit gewissen Rechten, Kirchenzugehörigkeit nicht. Mag sein, aber es weicht aus.

    Die Frage ist nicht, was SIE von einer Institution bekommen, um Sie moralisch zu beurteilen. Die Frage lautet vielmehr: Wie konsequent sind Sie in Ihrer moralischen Urteilsfindung? Wenn Ihr Maßstab eine konsequente Moral sein soll, dann richten Sie auch bitte konsequent und nicht nur dort, wo es Ihrem Vorurteil behagt.

    (Das bezieht sich auch auf Ziffer g - denn auch "der Staat" hat bspw. die Demokratie bis 1919 bekämpft. [Ich differenziere hier übrigens genauso wie sie mit "der Kirche")

    ....

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    Antwort auf
  4. Ziffer c und f gehen schnell: ich bin nicht römisch-katholisch, war es nie und werde - sub conditione jacobea - es wohl auch nicht werden. Ich bin hier der falsche Ansprechpartner.

    Außerdem wird oben ein Evangelischer interviewt. Gestern wurde der oben Interviewte Bedford-Strohm im 6. Wahlgang gewählt - mehr Demokratie kann man sich nicht wünschen.

    b) ist eine eigene Debatte - Gottesbeweise & die Kritik an selbigen kann ich aber auch, so ist es nicht.

    Zu e: Jede Staatsleistung an die Kirchen kann meinetwegen sofort nach den im GG festgeschriebenen Regeln abgeschafft werden: Also mit Entschädigung für die Enteignungen der Kirche, und unter Berücksichtigung des Säkularisierungsverbots (alles Art. 140 GG mit WRV). Kurzum: Da es teurer ist, für ca. ein Drittel des heutigen Bundesgebietes zu entschädigen, fahren Sie und ich günstiger.

    Zu h (=f2): Sexuellen Missbrauch finde ich schrecklich, wie Sie. Das Decken von Straftätern ebenso.

    Wenn Sie aus den erwähnten Verbrechen moralische Urteile ableiten, frage ich aber mal, ob Sie dann aus denselben Gründen die Reformpädagogik (Odenwaldschule) ablehnen.

    Noch einmal: Meine Kritik lautet nicht: Sie fällen ein moralisches Werturteil über Gewaltgeschichte/Kindesmissbrauch (Ihr Bsp.).

    Meine Kritik lautet: Sie fällen begründet mit Gewaltgeschichte/Kindesmissbrauch ein Werturteil über den Glaubenden und seine Kirche im Allgemeinen.

    Zur Stellvertreterfrage s.o.: Fragen Sie einen Katholiken, für mich ist seit Luther hierzu alles gesagt!

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    Antwort auf
  5. (...)

    Ist dann die historische Arbeiterbewegung auch illegitim und zu verachten? Wie sieht denn mit deren Dichtung (Fachwort: "Kampflieder") aus?

    "Rührt die Trommel! Fällt die Bajonette! / Vorwärts, marsch! Der Sieg ist unser Lohn! [...] Wir kämpfen und sterben für dich: Freiheit!" ('Spaniens Himmel' - Antifaschistisches Kampflied)

    "In tiefer Brust des Zornes Glut, / die hält uns warm trotz alledem! [...] So füllt denn nur der Mörser Schlund / mit Eisen, Blei und alledem" ('Trotz alledem' - Lied der Demokraten 1848)

    Oder die sog. "Deutsche Arbeiter-Marseillaise" von Audorf: "Schließt die Phalanx in dichten Reihen! / Je höher uns umrauscht die Flut, / je mehr mit der Begeisterung Glut / dem heiligen Kampfe uns zu weihen"

    (Ein leichtes, die entsprechenden Parallelen für den nicht-linken Bereich des politischen Spektrums anzuführen - der Einfachheit halber bleibe ich "links").

    Soll ich aufgrund dieser Zitate nun ein Urteil fällen über Michael Sommer oder Sigmar Gabriel bzw. ihre Organisationen? Eine Distanzierung des heutigen DGB oder der heutigen SPD dafür steht ja noch aus.

    Sie finden das schräg? Verzerrt? Ich auch.

    Denn mit dieser Karikierung missachte ich die historischen Umstände im 19. Jh., die Situation der Unterdrückung der Arbeiterbewegung, den Versuch ihrer Emanzipation gegen reaktionäre Beharrungskräfte usw. Auch missachte ich, dass die Sprache der Sichtung vor 150 Jahren eine andere war, als bei Erich Kästner.
    Aber so verstehe ich Ihr Argument.

    Herzlichst
    aR

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    Antwort auf
  6. Meine Hauptkritik an jeder organisierten monotheistischen Religionsgemeinschaft betrifft die Abgrenzung und dadurch Abwertung des Nichtanhängers.
    Eine Ideologie des einzig richtigen Heilsweges ist nicht friedensfördernd.

    Wie unduldsam Christen werden, wenn ihnen eine andere Religion wirklich auf die Pelle rückt, kann man an der teilweise ziemlich hitzigen Islamdebatte erkennen.

    Die verschiedenen Ideologien vertragen sich nicht miteinander und können sich nicht vermischen.

    Glauben kann unideologisch sein, wenn es keine starren Dogmen gibt und wenn die Ideen darüber, wie oder was Gott ist, als VOR-Stellungen erkannt werden, die niemals der Wirklichkeit entsprechen können, weil die Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen begrenzt und fehlerhaft ist.
    Wenn Menschen aber Gewissheiten suchen, wo es keine Beweise geben kann, werden sie von Religionsgemeinschaften beliefert, die Dogmen bieten und "letzte Antworten" geben.

    Macht ein Glaube, zu dem starke Zweifel gehören, glücklich oder sind es die Dogmen und Glaubensgewissheiten die glücklich machen, wenn sie nicht ernsthaft hinterfragt werden?

    Macht die eingrenzende Kirche das Leben gemütlich und glücklich oder das freie Glauben und Zweifeln zu dem auch die Akzeptanz der Einsamkeit gehört?

    Ein alternativer Weg zu Ruhe, Kraft und innerem Frieden ist die Meditation ohne Vorstellung, die keine Grenzen erzeugt durch "richtige" Bilder und "wahre" Offenbarungen des vorgestellten Bildes.

    • Shamaa
    • 05.04.2011 um 18:50 Uhr

    Alle Religionen sind menschliche Versuche, sich dem Göttlichen zu nähern. Und da es sich um Menschen handelt, die diese Wege gehen, sind menschliche Eigenschaften wie Macht, Gewalt, Fanatismus und Beliebigkeit immer mit dabei.
    Sich irgendwelche Textzeilen von irgendwem um die Ohren zu hauen ist sinnlos.

    Den göttlichen Funken, den jeder in uns trägt, zu bewahren, ist unsere Aufgabe. Wie sich Jeder dazu stellt, ist eine persönliche Entscheidung.

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    werden mehr und mehr, entfachen immer mehr Feuer und verbrennen sich selbst.

    Sollte es Gott geben, wird er sich noch viele schöne Feuerwerke anschauen können.

    werden mehr und mehr, entfachen immer mehr Feuer und verbrennen sich selbst.

    Sollte es Gott geben, wird er sich noch viele schöne Feuerwerke anschauen können.

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