Pubs in London"Ein Aroma von Feudel"

Autor Matthias Politycki hat sich durch Pubs in London getrunken von Burkhard Straßmann

Der Londoner Pub The Harp ist Pub des Jahres 2011.

Der Londoner Pub The Harp ist Pub des Jahres 2011.  |  © Oli Scarff/Getty Images

DIE ZEIT: In Ihrem neuen Buch schildern Sie in Versform eine Kneipentour durch die britische Hauptstadt. Ist London für Helden – The Ale Trail ein Reiseführer? Oder eine Warnung?

Matthias Politycki: Wenn man Sinn für Humor hat, ist es auf jeden Fall eine Art Reiseführer. Es ist ja auch eine Karte drin, sodass man den Ale Trail tatsächlich nachgehen kann. Man entdeckt dabei einen Aspekt von London, der in normalen Reiseführern nicht vorkommt: das Nichtsehenswürdige, das umso aussagekräftiger sein kann. Ein paar der Pubs sind aber auch touristisch relevant – wie The Ten Bells, wo mehrere Opfer von Jack The Ripper verkehrten.

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ZEIT: Auf Ihrer Tour treffen Sie hauptsächlich auf Klischees – lärmende Einheimische, miserables Bier, entsetzliches Essen – und das notorische German bashing , das »Hau-die-Deutschen«.

Matthias Politycki
Matthias Politycki

Matthias Politycki, 55, lebte 2009 als Gastautor in London. Sein Buch London für Helden. The Ale Trail – Expedition ins Bierreich ist im Verlag Hoffmann und Campe erschienen. Hamburg 2011; 96 S., 18,– € , als Hörbuch, gelesen von Peter Lohmeyer, erschienen bei Antje Kunstmann, 14,90 €

Politycki: Klischees sind kürzestmögliche – und damit stets verfälschende – Zusammenfassungen von Erfahrung; ein Funken Wahrheit steckt leider trotzdem meist darin. Wir sind ja mitten im East End, dort ist London längst nicht so weltoffen wie etwa im West End. Man muss freilich eine Weile in der Stadt leben, um damit konfrontiert zu werden – und sei’s in Form einer Bierwerbung, die seit Jahren über German bashing funktioniert.

ZEIT: Für Sie schmeckt das Bier aus dieser Werbung nach »abgeschossenen Stukas«.

Politycki: Schon allein deshalb, weil das Bier »Spitfire« heißt, wie das britische Jagdflugzeug. Wenn man dann noch auf den Slogan »No Nazi aftertaste« stößt, geht’s bei einer harmlosen Kneipentour kurz auch mal ans Eingemachte. Was dann über das Bier im Glas gesagt wird, hat wenig mit dem tatsächlichen Geschmackserlebnis zu tun; und es wird auch nicht durch tausend andere Erlebnisse neutralisiert, in denen ein neuer, vorurteilsfreier Umgang mit Deutschen spürbar ist.

ZEIT: Und wie schmecken »alte Feudel«, an die Sie das Royal London Ale im Abgang erinnert?

Politycki: Mich und meine Mittrinker. Sie haben viel von ihrem Witz in dieses Buch hineingegeben. Im Übrigen bin ich ja kein Bierpapst, und London für Helden ist kein Sachbuch, sondern ein satirisch überzeichneter Passionsweg. Vielleicht war es einfach mal an der Zeit, dass man sich auch als Deutscher über die Engländer lustig macht. Schließlich liebe ich sie ja, abgesehen von ihrer Braukunst.

ZEIT: Ist es Ihnen denn mittlerweile gelungen, sich näher heranzutrinken an die fremde Kultur?

Politycki: Zumindest kann mich nicht mal mehr ein Triple Chocolate Stout aus der Ruhe bringen. Vor allem aber freue ich mich über die Pubs an sich, besonders die aus viktorianischer Zeit mit ihren geschliffenen Spiegeln und alten Polstermöbeln. Wer in solch wunderbaren Räumlichkeiten trinken darf, dem ist jedes Bier recht, selbst das englische. Die Pubs sind willig, doch das Bier ist schwach.

Das Interview führteBurkhard Strassmann.

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Leserkommentare
  1. gehört zum Besten und Lustigsten, was es gibt. Jedenfalls die von Carling Black Label.

    Im einem Spot gewinnen sogar die Deutschen...

    PS: Wie das Zeug schmeckt? Keine Ahnung.

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    Carling ist ein Lager und von daher wird das auch jeder Deutsche gut runterbekommen. Pervers wird es erst wen man mit Ale anfängt, um das es hier eigentlich geht. Allerdings nehme ich dem Autor übel, dass er das tatsächlich Bier nennt!

  2. Carling ist ein Lager und von daher wird das auch jeder Deutsche gut runterbekommen. Pervers wird es erst wen man mit Ale anfängt, um das es hier eigentlich geht. Allerdings nehme ich dem Autor übel, dass er das tatsächlich Bier nennt!

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Englische Bierwerbung"
  3. ... ist für jeden Bierkenner eine Offenbarung. Aber das bekommt man nicht in London, wo 99,99% der Pubs „Cat's Pee“ ausschenken und für horrendes Geld über den Tresen schieben. Ein gepflegtes Real Ale in einem gemütlichen Dorfwirtshaus in den Yorkshire Dales, per Handpumpe aus dem Felsenkeller, wo es perfekt temperiert lagert, nach oben ins Glas gepumpt, wo es sich nach ein paar Minuten von „Schaum pur“ zu einer bernsteinstrahlenden Pint mit sahneartiger, halbzölliger Schaumhaube „settled“. An einem kristallklaren Aprilmorgen gibt's einfach nichts Schöneres, als den ersten Schluck ... – dazu ein Kanten Bauernbrot, ein Stück Wensleydale oder Stilton (oder beides) und ein kräftiger Schlag (hausgemachtes) Ploughman's Pickle ... – das Glück ist perfekt. Man muß es allerdings zu finden wissen ;-)

    Und wenn man's gefunden hat, vor den "faddeevs" dieser Welt geheimhalten ;-))

    Eine Leserempfehlung
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    man sowas finden kann:

    "Oz and James Drink to Britain"

    Gute Dinge sollte man nicht geheimhalten.

  4. man sowas finden kann:

    "Oz and James Drink to Britain"

    Gute Dinge sollte man nicht geheimhalten.

    Antwort auf "Real Ale ..."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    So gute Dinge sollte man nicht geheimhalten. Man muß sie geheimhalten.

  5. So gute Dinge sollte man nicht geheimhalten. Man muß sie geheimhalten.

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  • Schlagworte London | Bier | Glas | Humor | Jack the Ripper | Klischee
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