Rettungskräfte sammeln sich am Ort des Anschlags in Jerusalem. © Marina Passos/AFP/Getty Images

Tel Aviv/Jerusalem. Es fühlt sich merkwürdig an, in diesen Tagen durch Israel zu reisen. Um das Land herum verändert sich eine ganze Region, Mubarak ist entmachtet, in Syrien sterben Demonstranten, in Jordanien gab es Proteste. In Tel Aviv, nur 100 Kilometer von Ägypten und 200 Kilometer von Syrien entfernt, beginnt die Badesaison. Es liegt eine Ruhe über dem Land, d ie auch der Bombenanschlag in der vorigen Woche am Busbahnhof in Jerusalem nicht zerstört zu haben scheint. Eine Frau starb, mehr als 20 Menschen wurden verletzt, die radikale Palästinenserorganisation Islamischer Dschihad übernahm zwar nicht die Verantwortung, begrüßte aber sofort das Attentat. Es war der erste Anschlag auf einen Bus in Jerusalem seit 2004.

Doch die Ruhe ist trügerisch, sie lässt die Verunsicherung nicht sichtbar werden. Israel wartet. Die Fragen, die die Ereignisse der letzten Wochen aufgeworfen haben, kann niemand beantworten: Kommen in Ägypten die Muslimbrüder an die Macht? Bleibt es an der syrischen Grenze ruhig? Kann Israel nur überleben, wenn es von Diktaturen umgeben ist? Kehrt der Terror zurück?

Yossi Sarid ist ratlos, zum ersten Mal in seinem Leben. Er ist 70 Jahre alt, er gehörte immer zu den scharfen Denkern Israels und war nie um eine Meinung verlegen. »Ich habe mich auch oft geirrt«, sagt er, »aber ich war mir immer sicher, zu wissen, was passieren würde. Doch jetzt weiß ich nicht, was ich denken soll. Ich habe Angst.« Sarid lebt mit seiner Frau im Norden von Tel Aviv im siebten Stock, über die Dächer hinweg sieht er das Meer. Der frühere Minister war bis 2003 Vorsitzender der linken Partei Meretz. 2006 zog er sich aus der Politik zurück. Sarid braucht keine Fantasie, um sich vorzustellen, wie es wäre, wenn der Krieg an mehreren Fronten ausbräche: Er hat 1967 im Sechstagekrieg in Ostjerusalem gekämpft und 1973 im Jom-Kippur-Krieg auf dem Sinai.

»Früher war unsere Armee stark, weil die Gesellschaft stark war und die Regierung«, sagt er. Heute sei die Gesellschaft vor allem gleichgültig. Und Benjamin Netanjahu, der Ministerpräsident? »Er existiert nicht. Er tut so, als sei er ein Ministerpräsident, er spricht wie einer und bewegt seine Hände staatsmännisch. Aber nach zwei Jahren hat er nicht den kleinsten Schritt in irgendeine Richtung gemacht.« Israel steht still. Den arabischen Revolutionen kann das Land nur zuschauen, den Palästinensern gegenüber will es nicht handeln. »Wir stecken fest«, sagt Sarid, »in den vergangenen zwei Jahren war es relativ ruhig, also sah Netanjahu keinen Grund, etwas zu ändern. Und jetzt dienen ihm die unklaren Zeiten ebenfalls als Ausrede.«

Mit seiner Taktik, von Frieden zu reden und Siedlungen zu bauen, hat Netanjahu Israel in Europa und den USA isoliert . Ende Februar, hat die Zeitung Ha’aretz berichtet, soll Angela Merkel Netanjahu am Telefon angefahren haben, er habe keinen einzigen Schritt in Richtung Frieden unternommen. Im Lande beschimpfen Kritiker die Regierung vor allem wegen Netanjahus Außenminister Avigdor Lieberman, des Vorsitzenden der rechtsextremen Partei Yisrael Beitenu, als faschistisch und rassistisch, umgekehrt wird ihnen Antisemitismus unterstellt. »Liebermans Einfluss«, sagt Sarid, »gefährdet die Demokratie. Es könnte passieren, dass wir am Ende ein bisschen mehr so sind, wie unsere Nachbarn es waren, und unsere Nachbarn dafür ein bisschen mehr wie wir.«

Wie auch immer sich die Verhältnisse in den arabischen Staaten erneuern werden, die Ängste der Israelis sind die alten . »Was hat sich denn schon geändert? Unsere Nachbarn sind gegen uns, das war auch vorher so«, sagt eine Frau in einem Eiscafé am Hafen von Tel Aviv. »Die Frage, was aus uns wird, wenn dies oder das passiert – die haben wir uns schon so oft gestellt«, sagt ein Mann an der Kasse von Ikea in Rischon LeZion. Und auf dem Markt in Jerusalem, wo man die Explosion der Bombe vor einer Woche hören konnte, sagt ein Händler: »In ein paar Wochen ist das vergessen.« Noch lehnen an der Bushaltestelle ein paar Hundert Meter weiter zwei Trauerkränze.

Sonntagabend, im Foyer des Tel-Aviv-Museums ist das Licht gedämpft, Kronleuchter hängen von der Decke, an den Wänden ist golden schimmernder Stoff drapiert. Zwischen Männern in dunklen Anzügen und Frauen in Abendgarderobe drängen sich Kellner mit asiatischen Häppchen auf den Tabletts. Ein Jazz-Gospelchor singt »Celebrate good times, come on!«, und das passiert auch gerade: Der Wirtschaftsinformationsdienst Dun and Bradstreet hat zu seiner jährlichen Gala eingeladen, die israelische Wirtschaft feiert sich selbst.