Die Einsicht, dass sein Leben Klärungsbedarf für ihn bereithält, verdankt Yuriy Gurzhy einem melancholischen Schwarzarbeiter aus dem Kaukasus. Bis zu seinem vierzigsten Lebensjahr war der Mann nicht aus seinem Bergdorf herausgekommen, jetzt jobbte er ohne Pass in der Bäckerei seines Bruders und schwärmte jedem, der es hören wollte, von einer Kassette mit jüdischer Musik vor. Als er die Zaubermusik eines Tages mitbrachte, war die Überraschung groß: Aus scheppernden Boxen erklang die Stimme Leonard Cohens.

Nicht dass Yuriy Gurzhy damals auf der Suche gewesen wäre. In den Jahren, nachdem er die Ukraine verlassen hatte, ging es um das Ankommen in Deutschland, mit allem, was dazu gehört. Und doch war es ausgerechnet dieser freundliche, etwas grobschlächtige Mensch aus einer zurückgelassenen Welt, der den Stein ins Rollen brachte. Er begann, sich an seinen Großvater zu erinnern, der ihm Platten von den Barry Sisters vorgespielt hatte, um ihm hinter dem Rücken des Vaters zuzuflüstern, so klinge jüdische Musik. »Solche Geschichten«, sagt Yuriy Gurzhy, »mit solchen Geschichten hat es angefangen.«

Berlin an einem Spätwintermorgen: Wenn Gurzhy, ein bulliger Mittdreißiger, davon erzählt, wie er zum Herausgeber einer CD namens Shtetl Superstars wurde, spielen Entscheidungen die geringste Rolle. Es geht um Zufälle, Anstöße, untergründige Verbindungen. Um das Jahr 2000 herum war er längst ein anerkannter Bandleader und DJ, die Russendisko-Abende, die er mit Wladimir Kaminer veranstaltete, gehörten zu den Kultveranstaltungen des Berliner Nachtlebens – und ziehen bis heute ihr Publikum. »Insofern hat das alles ganz gut geklappt«, sagt er in einem Deutsch, dem die östliche Färbung nur noch leicht anzumerken ist. Die Frage aber, was jüdische Musik sein könnte, ist er nicht mehr losgeworden.


So zufällig er zu seinem Thema kam, so hartnäckig ist es zu ihm zurückgekehrt: per E-Mail, telefonisch oder am Küchentisch der Wohnung im Prenzlauer Berg, in der er mit Frau, Kind und ständig wechselnden Gästen lebt. In langen, oft heftig geführten Diskussionen hat er versucht, der Sache auf den Grund zu gehen, er hat sogar eine diplomierte Musikwissenschaftlerin zurate gezogen, die ihm zur Antwort gab, jüdische Musik, das sei Musik, die textlich oder musikalisch Erfahrungen des jüdischen Volkes thematisiert, doch was soll das bedeuten, wenn Juden sich über die ganze Welt verstreut haben? Was jüdische Musik ist, weiß Yuriy Gurzhy bis heute nicht. Was er weiß, ist, dass Definitionen nicht weiterhelfen.

Jüdische Musik, das ist etwas, das ferner zurücktönt, je näher man hinhört. Wer darunter vor allem Klezmer versteht, übersieht die diversen Spielarten, die sich in den letzten Jahren herausgebildet haben, von chassidischem Punk bis hin zu Glamrock aus Tel Aviv. Und wer Bob Dylan für das Judentum reklamiert, scheitert daran wie alle anderen, die diesen großen Flüchtigen auf irgendetwas festnageln wollten. Nicht einmal den Juden selbst ist die jüdische Musik vorbehalten: Inzwischen stammen einige der besten Klezmermusiker aus Deutschland , während man in Israel alles Mögliche hört, nur nicht das, was in Europa als »authentische jüdische Musik« aufgeführt wird. Was es gibt, sind Themen und Traditionen, die in unterschiedlicher Ausprägung in von Juden gemachter Musik anklingen und die man vielleicht besser versteht, wenn die eigene Kindheit darin nachhallt.

Es ist ein Verständigungsprozess, den Gurzhy und Mitherausgeber Lemez Lovas im Namen einer jungen Generation jüdischer Musiker losgetreten haben. Neu daran ist, dass es sich nicht mehr um ein jüdisches Selbstgespräch handelt: Jeder, der Beine zum Tanzen und eine Portion Verstand mitbringt, ist zur Teilnahme aufgerufen. Neu daran ist auch, dass die Verhandlungen mit offenem Ausgang geführt werden: Was der jüdische Beitrag zu einer Welt globaler Mischungen sein könnte, gilt es erst noch herauszufinden. Gerade der Umstand, dass das Jüdische am Jüdischsein weder ethnisch noch national noch soziologisch klar bestimmbar ist, führt zu einer verblüffend simplen Erkenntnis: Jüdische Musik ist zunächst einmal einfach Musik. Sie gefällt, oder sie gefällt nicht, im Zweifelsfall fragen Sie Ihren Arzt oder befreundeten Schwarzarbeiter.

Einer, der ungern vor bestuhlten Hallen spielt, ist Daniel Kahn . Als er vor sechs Jahren aus Detroit nach Berlin kam, waren seine Gefühle gemischt: so viel Geschichte, vom Grunewald bis hin zum Görlitzer Park. Wenn ihn heute etwas unwillig macht, dann die Tatsache, dass das deutsch-jüdische Verhältnis von Zwangsritualen bestimmt wird. Ständig will jemand wissen, welche schlechten Erfahrungen er gerade gemacht hat, noch machen wird oder demnächst zu machen befürchtet. Dabei sind die Erfahrungen weitestgehend gut. Wenn er in der U-Bahn Nazis begegnet, regt sich kurzfristig der Wunsch, Zahnreihen einzuschlagen, ansonsten aber ist Deutschland, nun ja: vergleichsweise harmlos.