In den vergangenen Jahren hat sich das Interesse an der Geschichte der NS-Diktatur auf bemerkenswerte Weise verschoben. Nicht mehr die Frage nach dem Ausmaß an Repression gegenüber der deutschen Bevölkerung steht im Vordergrund, sondern die Frage, warum das Regime, vor allem in der Zeit von etwa 1936 bis 1943, von einer so breiten Zustimmung getragen wurde. Mehrere plausible Antworten werden diskutiert. Auf der einen Seite verweist man auf die materiellen Interessen, auf die durch die Ausplünderung der besetzten Länder ermöglichten hohen Sozialleistungen für die deutsche Bevölkerung etwa oder auf das große Ausmaß persönlicher Bereicherung im Zuge der »Arisierungen«. Zum anderen wurde das Ausmaß der politisch-ideologischen Zustimmung zum Regime betont, anzutreffen insbesondere in der jungen Intelligenz des NS-Staates. Des Weiteren schaut man stärker auf die Entstehung der nationalsozialistischen »Volksgemeinschaft« durch die Gewöhnung an die Alltagspraxis im rassistischen Staat, vor allem gegenüber den Juden sowie gegenüber den Millionen ausländischen Zwangsarbeitern im »Reich«. Dabei wiederum stellt sich erneut die Kontinuitätsfrage: Bestanden diese Kräfte der Bindung an das NS-Regime nach 1945 weiter – und wenn ja, wie beeinflusste das die Bundesrepublik?

Hier setzt auch Raphael Gross mit seinem Buch über nationalsozialistische Moral an. Er geht davon aus, dass der hohe Grad an Zustimmung zum Regime durch eine »Analyse der geteilten moralischen Gefühle in der NS-Gesellschaft« erforscht werden könne und dass so auch »das Fortwirken des Nationalsozialismus über die politische und ideologische Niederlage des Jahres 1945 hinaus« erklärbar werde. Gross, Direktor des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt und Autor einer Studie über Carl Schmitt und die Juden, hat zu diesem Themenkomplex bereits Aufsätze publiziert, die er nun in einem interessanten, wenngleich nicht ganz kohärenten Sammelband vorlegt.

Dabei liegt die erste Provokation natürlich in der Begrifflichkeit: Moral im Nationalsozialismus? Gross unterscheidet dabei zwischen der universellen Moral, die für alle Menschen gleichermaßen gültig sei, und der »partikularen« Moral, die sich nur auf bestimmte Menschengruppen beziehe und andere ausschließe. Eine solche partikulare Moral habe auch der Nationalsozialismus besessen. Nun wird nicht ganz klar, was wir mit diesem Begriff gewinnen. Gross verwendet ihn neben zahlreichen anderen – »moralische Gefühle«, »Normen und Werte«, »moralische Urteile« oder auch »moralisches Verhalten«. Das bleibt unscharf. Gemeint ist ein Ensemble von Werthaltungen, Normen und politisch-ideologischen Überzeugungen, welche nicht rein verstandes- oder vernunftbezogen, sondern im Affekt gelagert sind und sich durch politischen Wandel nicht oder doch nur langsam verändern.

Gross erläutert solche Werthaltungen und Gefühle anhand zahlreicher Fallbeispiele, etwa anhand des Films Der Untergang (2004) über Hitlers letzte Tage im Führerbunker und der darin vorkommenden Figur des Dr. Schenck. Schenck tritt als positive Identifikationsfigur auf, weil er sich gegen Hitlers Entschluss wendet, das deutsche Volk mit ihm untergehen zu lassen, und stattdessen deutsche Verwundete rettet. »Die Treue gegenüber dem deutschen Volk oder der Verrat an ihm bildet im Film die moralische Grenze zwischen gut und böse«, schreibt Gross dazu. Treue aber meine ein Loyalitätsgefühl gegenüber dem eigenen, dem deutschen Volk – nicht aber gegenüber den Opfern der Deutschen; immerhin war der historische SS-Obersturmbannführer Schenck im KZ Mauthausen verantwortlich für grausame Ernährungsversuche mit KZ-Häftlingen. Auf diese Weise, so Gross, führe aber subkutan die Treue zum eigenen Volk – im »blutsmäßigen« Sinne – zur Identifikation des Zuschauers, der gar nicht merke, welches »moralische Gefühl« hier bei ihm hervorgerufen werde.

Gross führt dieses Empfinden fortwirkender Zugehörigkeit zur Volksgemeinschaft noch anhand weiterer Beispiele vor, etwa des NS-Unterhaltungsfilms Hotel Sacher, der Biografie der Hitler-Sekretärin Traudl Junge sowie, in einem besonders gelungenen Stück, des juristischen Umgangs der Spruchkammern der Nachkriegszeit mit dem SS-Richter Konrad Morgen und Kurt Gerstein, der das westliche Ausland früh über die Massentötungen von Juden mit Gas informiert hatte. Dabei geht es jeweils um den Nachweis, dass hier vor und nach 1945 auf dem Wege moralischer Gefühle unterschwellige Identifikationen mit Nation oder Volksgemeinschaft gestiftet werden.