NationalsozialismusTreue, Rache, Triumph

Raphael Gross fragt, ob die Nationalsozialisten durch ein besonderes Moralempfinden verbunden waren. von Ulrich Herbert

Adolf Hitler im September 1933

Adolf Hitler im September 1933  |  © Hulton Archive/Getty Images

In den vergangenen Jahren hat sich das Interesse an der Geschichte der NS-Diktatur auf bemerkenswerte Weise verschoben. Nicht mehr die Frage nach dem Ausmaß an Repression gegenüber der deutschen Bevölkerung steht im Vordergrund, sondern die Frage, warum das Regime, vor allem in der Zeit von etwa 1936 bis 1943, von einer so breiten Zustimmung getragen wurde. Mehrere plausible Antworten werden diskutiert. Auf der einen Seite verweist man auf die materiellen Interessen, auf die durch die Ausplünderung der besetzten Länder ermöglichten hohen Sozialleistungen für die deutsche Bevölkerung etwa oder auf das große Ausmaß persönlicher Bereicherung im Zuge der »Arisierungen«. Zum anderen wurde das Ausmaß der politisch-ideologischen Zustimmung zum Regime betont, anzutreffen insbesondere in der jungen Intelligenz des NS-Staates. Des Weiteren schaut man stärker auf die Entstehung der nationalsozialistischen »Volksgemeinschaft« durch die Gewöhnung an die Alltagspraxis im rassistischen Staat, vor allem gegenüber den Juden sowie gegenüber den Millionen ausländischen Zwangsarbeitern im »Reich«. Dabei wiederum stellt sich erneut die Kontinuitätsfrage: Bestanden diese Kräfte der Bindung an das NS-Regime nach 1945 weiter – und wenn ja, wie beeinflusste das die Bundesrepublik?

Hier setzt auch Raphael Gross mit seinem Buch über nationalsozialistische Moral an. Er geht davon aus, dass der hohe Grad an Zustimmung zum Regime durch eine »Analyse der geteilten moralischen Gefühle in der NS-Gesellschaft« erforscht werden könne und dass so auch »das Fortwirken des Nationalsozialismus über die politische und ideologische Niederlage des Jahres 1945 hinaus« erklärbar werde. Gross, Direktor des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt und Autor einer Studie über Carl Schmitt und die Juden, hat zu diesem Themenkomplex bereits Aufsätze publiziert, die er nun in einem interessanten, wenngleich nicht ganz kohärenten Sammelband vorlegt.

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Dabei liegt die erste Provokation natürlich in der Begrifflichkeit: Moral im Nationalsozialismus? Gross unterscheidet dabei zwischen der universellen Moral, die für alle Menschen gleichermaßen gültig sei, und der »partikularen« Moral, die sich nur auf bestimmte Menschengruppen beziehe und andere ausschließe. Eine solche partikulare Moral habe auch der Nationalsozialismus besessen. Nun wird nicht ganz klar, was wir mit diesem Begriff gewinnen. Gross verwendet ihn neben zahlreichen anderen – »moralische Gefühle«, »Normen und Werte«, »moralische Urteile« oder auch »moralisches Verhalten«. Das bleibt unscharf. Gemeint ist ein Ensemble von Werthaltungen, Normen und politisch-ideologischen Überzeugungen, welche nicht rein verstandes- oder vernunftbezogen, sondern im Affekt gelagert sind und sich durch politischen Wandel nicht oder doch nur langsam verändern.

Gross erläutert solche Werthaltungen und Gefühle anhand zahlreicher Fallbeispiele, etwa anhand des Films Der Untergang (2004) über Hitlers letzte Tage im Führerbunker und der darin vorkommenden Figur des Dr. Schenck. Schenck tritt als positive Identifikationsfigur auf, weil er sich gegen Hitlers Entschluss wendet, das deutsche Volk mit ihm untergehen zu lassen, und stattdessen deutsche Verwundete rettet. »Die Treue gegenüber dem deutschen Volk oder der Verrat an ihm bildet im Film die moralische Grenze zwischen gut und böse«, schreibt Gross dazu. Treue aber meine ein Loyalitätsgefühl gegenüber dem eigenen, dem deutschen Volk – nicht aber gegenüber den Opfern der Deutschen; immerhin war der historische SS-Obersturmbannführer Schenck im KZ Mauthausen verantwortlich für grausame Ernährungsversuche mit KZ-Häftlingen. Auf diese Weise, so Gross, führe aber subkutan die Treue zum eigenen Volk – im »blutsmäßigen« Sinne – zur Identifikation des Zuschauers, der gar nicht merke, welches »moralische Gefühl« hier bei ihm hervorgerufen werde.

Gross führt dieses Empfinden fortwirkender Zugehörigkeit zur Volksgemeinschaft noch anhand weiterer Beispiele vor, etwa des NS-Unterhaltungsfilms Hotel Sacher, der Biografie der Hitler-Sekretärin Traudl Junge sowie, in einem besonders gelungenen Stück, des juristischen Umgangs der Spruchkammern der Nachkriegszeit mit dem SS-Richter Konrad Morgen und Kurt Gerstein, der das westliche Ausland früh über die Massentötungen von Juden mit Gas informiert hatte. Dabei geht es jeweils um den Nachweis, dass hier vor und nach 1945 auf dem Wege moralischer Gefühle unterschwellige Identifikationen mit Nation oder Volksgemeinschaft gestiftet werden.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf rassistische Kommentare. Danke. Die Redaktion/se

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    "Man hätte sämtliche Inhalte des Dritten Reiches verbannen sollen und totschweigen. Bei Strafe verbieten darüber zu sprechen."

    Das wäre auch bei so manchem Kommentar angebracht..

    "Man hätte sämtliche Inhalte des Dritten Reiches verbannen sollen und totschweigen. Bei Strafe verbieten darüber zu sprechen."

    Bei den meisten ist doch der täglich neu aufgewärmte Überfall Deutschlands auf Europa, auf die Welt, ja auf die Menschlichkeit das ideale Mittel, um Schamgefühle zu erzeugen und in der Gegenwart mit den Deutschen machen zu können, was sich sonst kein Volk auf diesem Planeten auch nur annähernd gefallen lassen würde. Dass auch das Dritte Reich eine Vorgeschichte hatte, die nicht nur die Deutschen belastet, kriegt der Normalkonsument gar nicht mehr mit.

    Und dass ein paar Leute beim Schauen der Originalaufnahmen nen Ständer kriegen, wird dabei einkalkuliert und ist wahrscheinlich vernachlässigbar.

    Bitte achten Sie auf einen sachlichen Diskussionston. Die Redaktion/cs

    In welcher Diktatur wollen Sie das verwirklichen?

    "Man hätte sämtliche Inhalte des Dritten Reiches verbannen sollen und totschweigen"
    Genau das hat man bis in die Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts versucht und es ist nicht gelungen. Es gibt mehr Leute in Deutschland, die wissen was Faschismus ist und wie menschenfeindlich dieses System ist. Widerstandsgruppen, wie z.B. die Edelweisspiraten sollten viel mehr thematisiert werden und deren Geschichte gibt Ihnen vieleicht Hinweise auf die Gesellschaft der damaligen Zeit.

  2. "Man hätte sämtliche Inhalte des Dritten Reiches verbannen sollen und totschweigen. Bei Strafe verbieten darüber zu sprechen."

    Das wäre auch bei so manchem Kommentar angebracht..

    Antwort auf "[...]"
  3. "Man hätte sämtliche Inhalte des Dritten Reiches verbannen sollen und totschweigen. Bei Strafe verbieten darüber zu sprechen."

    Bei den meisten ist doch der täglich neu aufgewärmte Überfall Deutschlands auf Europa, auf die Welt, ja auf die Menschlichkeit das ideale Mittel, um Schamgefühle zu erzeugen und in der Gegenwart mit den Deutschen machen zu können, was sich sonst kein Volk auf diesem Planeten auch nur annähernd gefallen lassen würde. Dass auch das Dritte Reich eine Vorgeschichte hatte, die nicht nur die Deutschen belastet, kriegt der Normalkonsument gar nicht mehr mit.

    Und dass ein paar Leute beim Schauen der Originalaufnahmen nen Ständer kriegen, wird dabei einkalkuliert und ist wahrscheinlich vernachlässigbar.

    Bitte achten Sie auf einen sachlichen Diskussionston. Die Redaktion/cs

    Antwort auf "[...]"
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    Ich kann Ihrem Posting nicht zustimmen:

    1. Klar hatte das 3. Reich eine Vorgeschichte, über die sich jeder, der es will, ganz leicht durch Lektüre guter Bücher oder das Ansehen guter Filme informieren kann. Aber diese Vorgeschichte enthebt nicht die damaligen Deutschen Ihrer Verantwortung.
    2. Sie schreiben zudem: "Bei den meisten ist doch der täglich neu aufgewärmte Überfall Deutschlands auf Europa, auf die Welt, ja auf die Menschlichkeit das ideale Mittel, um Schamgefühle zu erzeugen und in der Gegenwart mit den Deutschen machen zu können, was sich sonst kein Volk auf diesem Planeten auch nur annähernd gefallen lassen würde."
    Das halte ich für selbstmitleidig. Das arme geschundene Deutschland: eines der reichsten, angesehensten Länder der Welt...

  4. Was Anstand und Moral betrifft - ob nun von den Vertretern der Banken, den Politikern, seitens der Arbeitgeber und den Funktionären der Gewerkschaften - , da können wir ja getrost weiter dem rechten Spektrum genügend Freiraum lassen:

    Anstand und Moral gibt es heute nicht mehr, genauso wenig wie eine Vollbeschäftigung, den gleichen Lohn für gleiche Arbeit und eine gerechte Entlohnung entsprechend der Leistung und nicht nach sozialer Herkunft!

  5. Wie bitte, verstehe ich das richtig?

    "Nicht über den Bankraub beklagt sich die Familie, sondern über das schlechte Licht, in das sie durch den Onkel gestellt wurde, über die Schande, die er über sie brachte."

    Nein, der Bankraub ist es, den die moralisch aufrechte Familie verdammt und beklagt. Gott bewahre uns und unsere Familie vor einer Moral, wie man sie hier darzustellen versucht

  6. Ich kann Ihrem Posting nicht zustimmen:

    1. Klar hatte das 3. Reich eine Vorgeschichte, über die sich jeder, der es will, ganz leicht durch Lektüre guter Bücher oder das Ansehen guter Filme informieren kann. Aber diese Vorgeschichte enthebt nicht die damaligen Deutschen Ihrer Verantwortung.
    2. Sie schreiben zudem: "Bei den meisten ist doch der täglich neu aufgewärmte Überfall Deutschlands auf Europa, auf die Welt, ja auf die Menschlichkeit das ideale Mittel, um Schamgefühle zu erzeugen und in der Gegenwart mit den Deutschen machen zu können, was sich sonst kein Volk auf diesem Planeten auch nur annähernd gefallen lassen würde."
    Das halte ich für selbstmitleidig. Das arme geschundene Deutschland: eines der reichsten, angesehensten Länder der Welt...

    Antwort auf "Wieso das denn?"
  7. "Das halte ich für selbstmitleidig. Das arme geschundene Deutschland: eines der reichsten, angesehensten Länder der Welt..."

    Ja, wer immer zu allem ja und amen sagt und stets bezahlt, ist immer angesehen.

    Achten Sie bitte auf einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion/cs

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    "Ja, wer immer zu allem ja und amen sagt und stets bezahlt, ist immer angesehen."

    Zum Einen widerspricht sich ihre Antwort zum tatsächlichen Handeln der Deutschen durch ihre Regierung. Denken Sie nur an die jetzige und auch an die, die Vergangenheit betreffende, Auslandspoltik, auch unter wechselnden Regierungen. Da glaube ich, sehe ein "ja und Amen sagen" ganz anders aus, denn
    zum Anderen, hat sich Deutschland meines Erachtens jahrzenhtelang durch Enthaltungen und passiver Reaktion aus der Verantwortung gestohlen und , statt diese tatsächlich anzunehmen.
    Eine solch große und mit großen Fähigkeiten ausgestatte Gemeinschaft, wie die der Deutschen, ist meiner Meinung nach gar verpflichtet, Verantwortung in der Welt zu übernehmen, statt diese weiter zu leiten.
    Ihre Kritik, die Deutschen seien Ja-Sager, spiegelt in genau diese Opferhaltung wieder. Es klingt, als seien Sie der Meinung, dass das deutsche Volk doch durch das Ja-Sagen genug gelitten habe, was in meinen Augen ganz und gar nicht der Realität entspricht. Man hat sich eben ganz einfach aus der Affäre gezogen.

  8. Die frühe Geschichte der Bonner Republik beantwortet die Kontinuitätsfrage.

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  • Schlagworte Carl Schmitt | Kurt Gerstein | Nationalsozialismus | Paris
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