E. M. Cioran, geboren 1911 in Rasinari (Rumänien). Er starb 1995 in Paris © Suhrkamp Verlag

Ein junger rumänischer Intellektueller im Alter von 22 Jahren zieht im September 1933 zum Studium nach Deutschland. Er bleibt 22 Monate, reist ein wenig herum, bestaunt die junge Diktatur und schreibt über sie als Korrespondent für rumänische Zeitschriften. Was er mitzuteilen hat, ist nicht nur aus heutiger Sicht monströs. Die Artikel sind eine furiose Feier des Nationalsozialismus, mit denen der Rumäne seine Heimat zur Diktatur bekehren möchte.

Das Deutsche sei, schreibt er, ganz und gar großartig. Es konkurriere, wenn überhaupt, nur mit der indischen und griechischen Kultur. Kein Land habe mehr Genies hervorgebracht als Deutschland. In der Metaphysik und in der Musik seien die Deutschen in der Weltgeschichte unvergleichlich grandios. Während die Franzosen der verweichlichten Zivilisation verfielen, dem guten Geschmack und großem Höflichkeitstheater, bezwinge Deutschland die Welt durch »monumentale Innerlichkeit«.

Höchst bewunderungswürdig erscheint dem jungen Rumänen die Unbedingtheit der deutschen, ja eigentlich jeder Diktatur: Prächtig, wie mit wenigen forschen Schritten »das Recht verändert, die Religion umgewandelt, der Kunst eine andere Richtung« gegeben werde. Drei Viertel »der anerkannten Werte« seien brutal beseitigt worden! An der diktatorischen Herrschaftsform nehme der Bürger »mit mehr Seele teil als an einer schalen Demokratie mit ihren Illusionen von Volksvertretung.« Deutsche Lebenskraft und deutscher Elan triumphierten über »die toten Formen, den Legalismus und den Juridismus«. Die Gleichschaltung des Volkes sei zauberhaft: Überall, bei Versammlungen, in Zeitungen, im Rundfunk, bei Vorträgen, an der Universität, begegne man denselben Ansichten, denselben Ausdrücken und denselben Einstellungen.

Es gebe »keinen Politiker in der heutigen Welt, der mir größere Sympathie einflößte als Hitler«. Der Diktator habe, schreibt der Korrespondent im Einklang mit der NS-Propaganda, völlig zu Recht den sogenannten Röhm-Putsch niedergeschlagen. Hitlers Gesicht strahle prachtvoll »Energie und Traurigkeit« aus. Widerlich erscheint dem Journalisten indes die »Gefühlsduselei« der ausländischen Presse, die Hitler und den Nationalsozialismus kritisierten mit fehlgeleitetem Humanitarismus: »Was hat die Menschheit verloren, wenn einigen Schwachsinnigen das Leben genommen wurde?« Dem Nationalsozialismus habe, »um eine ernstzunehmende Bewegung zu sein, das Blut« gefehlt. »Eine Bewegung, eine Strömung muß schwarze Flecken und vor allem rote aufweisen, damit die Taten feierlicher, endgültiger, gefährlicher werden.« Der Korrespondent verspricht, er werde das ganze Leben lang wiederholen: »Nicht jeder Mensch verdient, frei zu sein. Das Vorurteil der Freiheit für alle ist eine Schande.«

Autor dieser weltanschaulich überaus entschiedenen Artikel ist Emil M. Cioran . Wenige Jahrzehnte später zählt er zu den bekanntesten und renommiertesten Philosophen und Schriftstellern französischer Sprache überhaupt. Nächste Woche wäre er 100 Jahre alt geworden, und der Suhrkamp Verlag »würdigt« ihn aus diesem Anlass ausgerechnet mit der Übersetzung seiner schwülstig-faschistischen Frühschriften, mit dem Blut-und-Boden-Kitsch, der Experten zwar bekannt, einer größeren Leserschaft aber bislang verborgen geblieben war.