Mehr als zwei Jahrzehnte gab es im Umgang mit der Leiharbeit nur eine Tendenz: Die gesetzlichen Vorschriften wurden immer weiter gelockert. Von 1985 an durfte ein Unternehmen einen Zeitarbeiter nicht mehr nur für 3, sondern für 6 Monate beschäftigen. Einige Jahre später verlängerte der Gesetzgeber diese Frist zunächst auf 9, dann auf 12 und zuletzt auf 24 Monate – bis sie 2003 zusammen mit weiteren Beschränkungen ganz wegfiel. Vier verschiedene Koalitionsregierungen waren an dieser fortschreitenden Liberalisierung des Verleihgewerbes beteiligt, darunter auch eine SPD-geführte. Doch jetzt, nach 25 Jahren, hat eine Trendwende eingesetzt. Erstmals bekommt die Branche neue Schranken gesetzt.

Zu Recht. Es ist Zeit für Korrekturen.

Künftig, das beschloss der Bundestag vergangene Woche, soll auch für die Arbeitnehmerüberlassung ein gesetzlich verankerter Mindestlohn gelten. Er dürfte anknüpfend an Tarifverträge 7,79 Euro pro Stunde im Westen und 6,89 Euro im Osten betragen. Damit müssen dann in mehr als einem Dutzend Wirtschaftszweige – vom Wachgewerbe bis zur Gebäudereinigung – Mindestlöhne gezahlt werden. Sie decken einen Großteil der typischen Niedriglohnsektoren ab. In der Zeitarbeit ist künftig außerdem eine Praxis untersagt, die durch die Drogeriekette Schlecker bekannt wurde : Firmen entlassen Mitarbeiter, nur um sie anschließend als schlechter bezahlte Leiharbeiter wieder einzustellen. Dieses Drehtürmodell ist jetzt verboten.

Das sind Schritte in die richtige Richtung, denn sie unterbinden einen Missbrauch. Zeitarbeit hat ihre Berechtigung, wenn sie genutzt wird, um vorübergehende Auftragsspitzen abzufangen. Aber sie darf kein Instrument zur Umgehung von Tarifvereinbarungen sein. Es wäre deshalb besser gewesen, die Koalition hätte auch schärfere Vorschriften zum Equal Pay verabschiedet – zur gleichen Bezahlung von Leiharbeitern und Stammpersonal .

Gleicher Lohn sollte nach einer Einarbeitungszeit Pflicht sein, damit Leiharbeiter nicht dauerhaft als Billigkräfte eingesetzt werden. Arbeitsmarktforscher haben vorgeschlagen, die Entlohnung der Leihbeschäftigten innerhalb von sechs Monaten schrittweise an die des Stammpersonals anzugleichen. Das wäre ein Kompromiss – zwischen dem Wunsch nach Gerechtigkeit und dem ebenso berechtigten Ziel, Arbeitslosen die Chance auf einen Einstieg in den Arbeitsmarkt nicht zu verbauen.

Die schwarz-gelbe Koalition hat sich zu dieser weitergehenden Regulierung (noch) nicht durchgerungen. Doch die Zeitarbeitsbranche , die inzwischen fast eine Million Menschen beschäftigt, bleibt unter Beobachtung.

Das liegt auch an einem Stimmungswandel, den selbst Union und FDP nicht ignorieren können. Noch vor wenigen Jahren galt die Maxime: Hauptsache, Jobs – wir brauchen Arbeit, egal, zu welchen Bedingungen . Die Massenarbeitslosigkeit stieg damals dramatisch, den Sozialkassen drohte der Kollaps. Vor diesem Hintergrund versuchte die Politik kurz nach der Jahrtausendwende mit einer ganzen Serie von Reformen, den Arbeitsmarkt wiederzubeleben – eben auch mit der Deregulierung der Zeitarbeit.

Inzwischen aber sieht die Lage wesentlich besser aus. Heute zahlen, was einige Experten für nahezu unmöglich gehalten hatten, wieder knapp zwei Millionen mehr Menschen in die Sozialversicherungen ein als auf dem Tiefpunkt der Arbeitsmarktkrise im Jahr 2005. Zu diesen Einzahlern gehören auch die Zeitarbeiter. Die Zahl der Arbeitslosen ist – nach Berücksichtigung aller statistischen Tricks – spiegelbildlich um fast zwei Millionen gesunken. Zumindest im Süden der Republik werden Arbeitskräfte knapp.

Gleichzeitig wuchs zwischen 2001 und 2006 aber der Niedriglohnsektor, und es gibt seither mehr prekäre Beschäftigung . Da ist es unausweichlich, dass sich die Perspektive langsam verschiebt: Die Qualität der Arbeit rückt wieder stärker in den Fokus. Nicht bei denen, die schon immer für oder gegen Deregulierung waren, ihre Sicht hat sich nicht verändert. Aber bei der politischen Mitte.

Kluge Politik macht deshalb nicht alle Reformen der vergangenen Jahre rückgängig. Zumal die Arbeitslosigkeit zwar deutlich niedriger, aber nicht verschwunden ist. Kluge Politik reagiert aber auf Fehlentwicklungen und nimmt Kurskorrekturen vor. Die bleiben nötig, auch in der Zeitarbeit. Die Branche hat jetzt einen Aufschub bekommen, um selbst ein Equal-Pay-Modell in ihre Tarife einzubauen. Gelingt ihr das nicht, folgt die nächste Schranke.