PharmazieBodenlos enttäuscht

Ostafrika soll Pflanzen für ein Malaria-Medikament liefern – so die Idee der Pharmaindustrie. Weil die Qualität der Erträge nicht stimmte, scheiterte das Projekt. von 

Loishye Meshurie blickt über Felder, die er mit Einjährigem Beifuß bepflanzt hat. Sein acht Hektar großer Hof liegt am Ende eines steilen Schotterweges auf den Vorhügeln des Mount Meru im Norden Tansanias. Auf seinen Äckern, 1500 Meter hoch gelegen, gedeiht das ursprünglich aus Asien und Europa stammende Kraut wie ein heimisches Gewächs. Er baut es seit fünf Jahren an. Es hat ihm nichts als Scherereien eingebracht.

Dabei gilt die Pflanze, wissenschaftlich Artemisia annua genannt, als eine der aufregendsten pharmakologischen Entdeckungen der vergangenen Jahrzehnte. Sie liefert Artemisinin , ein weißes Pulver, aus dem der Schweizer Pharmakonzern Novartis einen der beiden Grundstoffe des erfolgreichen Malaria-Mittels Coartem gewinnt. Coartem ist auch gegen mehrfachresistente Formen der tropischen Infektionskrankheit hochwirksam. Die Geschichte vom Siegeszug der Arznei und dem Missgeschick des Kleinbauern Meshurie ist ein Lehrstück über den Fluch der guten Tat, über große Pläne und die manchmal wirre Umsetzung medizinischen Fortschritts.

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Im Mai 2001 traf Novartis-Chef Daniel Vasella die damalige Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Bro Harlem Brundtland in Genf. Er verpflichtete sich, den Preis seines 1999 auf den Markt gekommenen Medikaments in Entwicklungsländern von 3,60 auf 2,40 Dollar pro Behandlung zu reduzieren. Seit 2005 liefert Novartis es sogar zum Selbstkostenpreis in von Malaria betroffene Länder.

Die WHO erklärte Artemisinin-basierte Kombinationstherapien, kurz ACTs, zur Malaria-Therapie erster Wahl. Die Nachfrage nach dem pflanzlichen Bestandteil, so schätzte der Baseler Pharmakonzern, werde auf mehrere Hundert Millionen Behandlungen pro Jahr ansteigen. »Um dieses Volumen zu produzieren«, hieß es in einer Pressemitteilung, »werden enorme Mengen benötigt.«

Wechselfieber

Malaria ist neben Aids und Tuberkulose eine der drei größten Geißeln der Entwicklungsländer. Jährlich erkranken daran 250 Millionen Menschen, 90 Prozent davon in Afrika. Insgesamt 863000 Infizierte starben 2008 an den von Mücken übertragenen Erregern.

Die Roll Back Malaria Partnership, eine von WHO, Unicef, UNDP und der Weltbank gegründete Initiative, koordiniert einen Generalangriff gegen die Krankheit: Mithilfe von Moskitonetzen, Medikamenten und DDT sank allein in Sambia die Zahl der Fälle um 70 Prozent.

Der Weltmarktpreis schoss auf 1200 US-Dollar für ein Kilo des begehrten Pulvers hoch. Hochqualitatives, in der Schweiz gezogenes Saatgut wurde mit dem doppelten Wert von Gold aufgewogen. Bis dahin hatten chinesische Hersteller den Grundstoff aus wild wachsendem Kraut gewonnen. Das reichte nicht mehr aus. Ein Artemisinin-Rausch bahnte sich an. Fünf schillernde Persönlichkeiten mit langer Afrikaerfahrung, eine deutsch-britisch-schweizerische Seilschaft, trugen im Handelsregister der Kanalinsel Jersey eine Firma namens Advanced Bio Extracts (ABE) ein.

Ihr Ziel: den landwirtschaftlichen Anbau des asternartigen Korbblütlergewächses in Ostafrika voranzutreiben und die Errichtung einer Anlage zur Extraktion des weißen Goldes in dem Industriegebiet Athi River, südöstlich der kenianischen Hauptstadt Nairobi.

Novartis räumte der Firma ABE einen Kredit über 14 Millionen Dollar ein, um den Markt gegen Klimarisiken abzusichern und »Produktionskapazitäten möglichst schnell zu erhöhen«. Der Baseler Konzern versprach den Firmengründern die Abnahme von zehn Tonnen pro Jahr. Daraus wurden bald zwanzig, dann sechzig Tonnen. Den Neulingen im Pharmageschäft liefen die Augen über. Einer steckte sein gesamtes Privatvermögen in das Vorhaben. Was ursprünglich eine überschaubare Investition sein sollte, wuchs sich zu einem unübersichtlichen Firmengeflecht aus mit Tochterunternehmen in Uganda, Tansania und Kenia.

Zuerst mussten die in ihren Träumen bereits zum Geldadel aufgestiegenen Geschäftsleute das Rohmaterial beschaffen. Sie rekrutierten Tausende Kleinbauern in den drei Ländern. Darunter Loishye Meshurie. Der Bergbauer übernahm die Rolle eines Musterbetriebs. Er beriet seine Nachbarn und koordinierte ihre Ernte, er zog Saatgut auf und belieferte sie mit Schösslingen.

Leserkommentare
    • ldn
    • 04. April 2011 7:22 Uhr

    Nachdem man Spenden kassiert hat, lässt man Millionen von Menschen sterben weil das Projekt die erhoffte Erträge nicht brachte. Als Entwicklungshilfe getarnt wird das Ganze sowieso einem afrikanischen Land auf dem Rücken gebunden. Aaaaaaaah zynische Welt...

  1. ..hab ich es verpasst, aber ich weiss jetzt immer noch nicht warum der Stoff aus Vietnam gut ist und der aus Ostafrika nicht.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der Gehalt an Wirkstoff in einer Pflanze hængt sehr stark von der durchschnittlichen Sonneneinstrahlung, den Bodenverhæltnissen, den Temperaturen und dem Wasser ab, ganz zu schweigen vom Faktor Mensch. Das erklært auch warum Wein aus der Gegend um Bordeaux anders schmeckt als Wein aus Suedtirol. Ich gebe dem Beitrag vor mir recht. Mit vielen Kleinbauern ist eine definierte Qualitaet schwer moeglich. Ebenso ist es sehr verwegen zu glauben, eine Produktion aus Asien eins zu eins auf Afrika zu uebertragen. Mag ein Grund fuer das Scheitern vieler Entwicklungsprojekte sein. Ich finde aber das die Idee an sich weiter verfolgt werden sollte. Man geht nun mal nicht auf den Tennisplatz und schlægt sofort ein Ass.

    • Atan
    • 04. April 2011 8:39 Uhr

    aber wer sich auch nur ein kleines bisschen mit den Ansprüchen an den Arzneipflanzenanbau auskennt, hätte sich überlegen können, dass es schlicht unmöglich ist, mit zig tausenden von schlecht ausgebildeten Kleinproduzenten eine definierte Qualität zu erzeugen. Der Organisationsaufbau wäre gigantisch, zudem erwecken zeitweilige "Mondpreise" von Substanzen natürlich unrealistische Begehrlichkeiten, weil sich auf solchen profitablen Märkten plötzlich viele Akteure finden, von den viele besseres know-how und eine bessere Kapitalausstattung finden.
    Vielleicht wären konstante Erträge für ein paar zuverlässige "Großfarmer" in dem Fall nachhaltiger gewesen als die enttäuschten Hoffnungen vieler Kleinbauern.

    Eine Leserempfehlung
  2. Der Gehalt an Wirkstoff in einer Pflanze hængt sehr stark von der durchschnittlichen Sonneneinstrahlung, den Bodenverhæltnissen, den Temperaturen und dem Wasser ab, ganz zu schweigen vom Faktor Mensch. Das erklært auch warum Wein aus der Gegend um Bordeaux anders schmeckt als Wein aus Suedtirol. Ich gebe dem Beitrag vor mir recht. Mit vielen Kleinbauern ist eine definierte Qualitaet schwer moeglich. Ebenso ist es sehr verwegen zu glauben, eine Produktion aus Asien eins zu eins auf Afrika zu uebertragen. Mag ein Grund fuer das Scheitern vieler Entwicklungsprojekte sein. Ich finde aber das die Idee an sich weiter verfolgt werden sollte. Man geht nun mal nicht auf den Tennisplatz und schlægt sofort ein Ass.

    Antwort auf "Vielleicht.."
  3. Der Autor müsste noch weiterschreiben: Und Loishye darf dann wieder unendlich viel Mais und Karotten anbauen, um sich die dann teuren Artemisin-Kombinationspräparate kaufen zu können.
    Und der Autor müsste auch ehrlicherweise schreiben: Es gibt eine Initiative namens anamed, die seit Anbeginn einen anderen Weg gegangen ist: Nämlich Eigenverantwortung der Afrikaner zu fördern! In 1200 anamed Projekten in 75 Ländern zeigen Einheimische, dass es auch anders geht: Malaria zu besiegen ohne DDT und ohne Industrie, nämlich durch den Anbau von Artemisia annua anamed zum Eigenverbrauch. Manche Journalisten haben diese Hilfe zur Selbsthilfe gewürdigt, andere, z.B. Harro Albrecht in DIE ZEIT vom 27.8.09 darüber gespottet !!!!

    Denn nicht Monopräparate sind der richtige Weg! Würde Artemisia annua nur Artemisinin enthalten, wäre sie schon längst ausgestorben! Die Pflanze war schlauer als die Industrie: Sie hat ein ganzes Arsenal von Waffen gebildet, um sich gegen die Übermacht der Pflanzenfeinde zu wappnen…und diese Kombination können wir heute gegen Malaria verwenden! Denn im Artemisia annua Gesamtextrakt sind 10 gegen Malaria wirksame Stoffe enthalten
    1.Artemetin
    2. Artemisinin
    3. Ascaridole
    4. Casticin
    5. Chrysosplenetin
    6. Chrysosplenol-D
    7. Cirsilineol
    8.Eupatorin
    9. Oleanolic-Acid
    10. Quercetin
    Jeder Leser ist eingeladen, die Pflanze selbst anzubauen und den Gesamtextrakt selbst herzustellen und gegen Malaria zu verwenden. Mehr dazu unter www.anamed.net

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