Pharmazie Bodenlos enttäuscht
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Das ostafrikanische Fass ohne Boden

Die Aga-Khan-Stiftung, die der Weltbank angegliederte International Finance Corporation (IFC) und der New Yorker Acumen Fund beteiligten sich mit Millionenbeträgen an der Firma. Diese drei Entwicklungshilfeorganisationen hatten ebenfalls hochfliegende Pläne. In einem Spendenaufruf des Acumen Fund hieß es, selbst Einheimische ohne landwirtschaftliche Kenntnisse könnten mit dem medizinisch so wichtigen Erntegut auf kleinen Parzellen viermal so viel Geld verdienen wie mit Mais. Sie luden westliche Journalisten zu Besuchen vor Ort ein. Die meisten Reporter waren begeistert von dem »Leuchtturmprojekt«.

Doch bald brach in Meshuries Dorf Streit aus. Die Bauern erzielten nicht die versprochenen Preise. Sie schoben ihm die Schuld zu und fühlten sich von ihm verraten. Einer nach dem anderen wandte sich wieder gewohnten Ackerfrüchten zu. Auf den Hügeln, die von Einjährigem Beifuß ergrünen sollten, steht heute wieder Mais. Aber Meshurie konnte nichts dafür. Der Weltmarktpreis für Artemisinin-Extrakt war drastisch eingebrochen, von 1200 auf 170 Dollar.

Eine Flugstunde nördlich von Meshuries kleinem Berghof blickt Erwin Protzen vom dritten Stockwerk der riesigen Extraktionsanlage in Athi River über ein Feld, das vollgestellt ist mit rostigen Tonnen. Er will gar nicht daran denken, wie viele Dollar in diesen Fässern lagern. Dollar in Form von Artemisinin, allerdings verklebt in Wachs.

Protzen, in München geborener Maschinenbauingenieur, ist technischer Direktor des Unternehmens. Er erklärt, in chinesischen Artemisinin-Extraktionsanlagen blieben sieben Prozent des Wirkstoffs im Wachs hängen. Eine Versuchsanlage in der Schweiz drückte den Verlust auf ein Prozent. Doch hier sind es 45 Prozent. Wenn nur jemand einen Gedankenblitz hätte, wie man es herauslösen könnte! »Etwas stimmt mit unserem Rohstoff nicht«, grübelt er. »Das müssen wir knacken.«

Das Wachs ist nicht sein einziges Problem. Protzen hatte bereits Ende der neunziger Jahre mit seinem Freund und späteren Mitdirektor Charles Gasston auf dessen Farm in Tansania Artemisia angebaut. Das Experiment war vielversprechend verlaufen. Die Ernte hatte vier bis sechs Tonnen pro Hektar erbracht, der Artimisiningehalt des Blattwerks erreichte 1,5 Prozent. Darauf bauten sie ihren Geschäftsplan auf.

Die Kleinbauern erreichen freilich nur Erträge von einer Tonne pro Hektar mit einem Wirkstoffgehalt unter einem Prozent. Der Anbau der Artemisia-Pflanze ist nicht so einfach, wie die Entwicklungshilfeorganisationen sich das vorstellten. Sie hatten die Beteiligung von Kleinbauern zur Bedingung gemacht. Der erhoffte Geldregen sollte nicht nur über Großfarmer niedergehen. »Eine charmante Idee«, erheitert sich Protzen. Und wird sarkastisch: »Unwahrscheinlich charmant.«

Seine Firma lieferte Novartis nicht im Entferntesten die vereinbarte Menge. Sie produzierte in drei Jahren kaum 25 Tonnen, weniger als die Hälfte einer Jahreskapazität. Der Baseler Konzern war auch mit der Reinheit und Farbe des gelieferten Stoffs nicht zufrieden. 2009 stellte Advanced Bio Extracts den Betrieb ein. Novartis verzichtete auf Regressansprüche und schrieb den Kredit für ABE 2010 ab.

Jetzt sitzen die Direktoren in ihren Büros und telefonieren verzweifelt in der Welt herum. Sie benötigten innerhalb der nächsten Wochen 1,5 Millionen Dollar, erzählen sie jedem, der ihnen zuhört. Dann seien sie überm Berg. Niemand bezweifelt ihre Beschwörungen, dass es dringenden Bedarf für Artemisinin gibt. Novartis presst mittlerweile 1,3 Milliarden Tabletten Coartem im Jahr. Das Malariamittel erreicht einen größeren Patientenkreis als irgendein anderes Produkt des Konzerns. Doch der Rohstoff kommt aus China und Vietnam. Kein Anleger ist mehr bereit, Geld in das ostafrikanische Fass ohne Boden zu werfen.

Wie konnte es zu dem Pharmadesaster kommen? War das, was Novartis ein »Partnerschaftsmodell mit strategischen Zulieferern« nannte, nichts weiter als unredliches Abwälzen des Geschäftsrisikos auf andere? Konnte die Zusammenarbeit zwischen Stiftungen, die sozialpolitisch wirken wollen, und privaten Anlegern, denen es um den Profit geht, gar nicht funktionieren? Oder ist der Niedergang des Betriebs Managementfehlern und unvorhersehbaren Umständen geschuldet?

Protzen ist sauer auf Novartis und den Chef Vasella, der seiner Meinung nach der WHO-Direktorin Brundtland vorschnell eine Ausweitung der Produktion versprochen habe, was zu einer totalen Marktüberhitzung geführt habe. Er und seine Mitdirektoren, redet er sich ein, müssten nun die Suppe auslöffeln.

Novartis schiebt die Schuld auf Protzen und seine Kollegen, die vertragliche Abmachungen nicht eingehalten hätten. Die in den Fall verwickelten Entwicklungshilfeorganisationen, Entwicklungshilfebanken und Stiftungen halten sich öffentlich bedeckt. Sie fürchten ein Public-Relation-Desaster. Entweder die Anklage, auf Glücksritter hereingefallen zu sein und Spendengelder sinnlos verbraten zu haben. Oder die Schelte, wegen schäbiger 1,5 Millionen Dollar die Gesundheit Hunderttausender Afrikaner aufs Spiel zu setzen. Wer redet, tut das nur hinter vorgehaltener Hand.

Ein biotechnisches Labor an der kalifornischen Universität Berkeley hat mittlerweile mit Unterstützung der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung ein Verfahren zur synthetischen Herstellung von Artemisinin entwickelt. Das Patent steht zunächst dem französischen Pharmakonzern Sanofi-Aventis und nach der Zulassung durch Gesundheitsbehörden allen interessierten Herstellern lizenzfrei zur Verfügung. Die Produktion soll bereits nächstes Jahr anlaufen. Dann dürfte sich der Artemesia-Anbau in Ostafrika vermutlich erübrigen. Und Loishye Meshurie bleibt gar nichts anderes übrig, als seinen Lebensunterhalt wieder mit Mais und Karotten zu bestreiten.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • ldn
    • 04.04.2011 um 7:22 Uhr

    Nachdem man Spenden kassiert hat, lässt man Millionen von Menschen sterben weil das Projekt die erhoffte Erträge nicht brachte. Als Entwicklungshilfe getarnt wird das Ganze sowieso einem afrikanischen Land auf dem Rücken gebunden. Aaaaaaaah zynische Welt...

  1. ..hab ich es verpasst, aber ich weiss jetzt immer noch nicht warum der Stoff aus Vietnam gut ist und der aus Ostafrika nicht.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der Gehalt an Wirkstoff in einer Pflanze hængt sehr stark von der durchschnittlichen Sonneneinstrahlung, den Bodenverhæltnissen, den Temperaturen und dem Wasser ab, ganz zu schweigen vom Faktor Mensch. Das erklært auch warum Wein aus der Gegend um Bordeaux anders schmeckt als Wein aus Suedtirol. Ich gebe dem Beitrag vor mir recht. Mit vielen Kleinbauern ist eine definierte Qualitaet schwer moeglich. Ebenso ist es sehr verwegen zu glauben, eine Produktion aus Asien eins zu eins auf Afrika zu uebertragen. Mag ein Grund fuer das Scheitern vieler Entwicklungsprojekte sein. Ich finde aber das die Idee an sich weiter verfolgt werden sollte. Man geht nun mal nicht auf den Tennisplatz und schlægt sofort ein Ass.

    Der Gehalt an Wirkstoff in einer Pflanze hængt sehr stark von der durchschnittlichen Sonneneinstrahlung, den Bodenverhæltnissen, den Temperaturen und dem Wasser ab, ganz zu schweigen vom Faktor Mensch. Das erklært auch warum Wein aus der Gegend um Bordeaux anders schmeckt als Wein aus Suedtirol. Ich gebe dem Beitrag vor mir recht. Mit vielen Kleinbauern ist eine definierte Qualitaet schwer moeglich. Ebenso ist es sehr verwegen zu glauben, eine Produktion aus Asien eins zu eins auf Afrika zu uebertragen. Mag ein Grund fuer das Scheitern vieler Entwicklungsprojekte sein. Ich finde aber das die Idee an sich weiter verfolgt werden sollte. Man geht nun mal nicht auf den Tennisplatz und schlægt sofort ein Ass.

    • Atan
    • 04.04.2011 um 8:39 Uhr

    aber wer sich auch nur ein kleines bisschen mit den Ansprüchen an den Arzneipflanzenanbau auskennt, hätte sich überlegen können, dass es schlicht unmöglich ist, mit zig tausenden von schlecht ausgebildeten Kleinproduzenten eine definierte Qualität zu erzeugen. Der Organisationsaufbau wäre gigantisch, zudem erwecken zeitweilige "Mondpreise" von Substanzen natürlich unrealistische Begehrlichkeiten, weil sich auf solchen profitablen Märkten plötzlich viele Akteure finden, von den viele besseres know-how und eine bessere Kapitalausstattung finden.
    Vielleicht wären konstante Erträge für ein paar zuverlässige "Großfarmer" in dem Fall nachhaltiger gewesen als die enttäuschten Hoffnungen vieler Kleinbauern.

    Eine Leser-Empfehlung
  2. Der Gehalt an Wirkstoff in einer Pflanze hængt sehr stark von der durchschnittlichen Sonneneinstrahlung, den Bodenverhæltnissen, den Temperaturen und dem Wasser ab, ganz zu schweigen vom Faktor Mensch. Das erklært auch warum Wein aus der Gegend um Bordeaux anders schmeckt als Wein aus Suedtirol. Ich gebe dem Beitrag vor mir recht. Mit vielen Kleinbauern ist eine definierte Qualitaet schwer moeglich. Ebenso ist es sehr verwegen zu glauben, eine Produktion aus Asien eins zu eins auf Afrika zu uebertragen. Mag ein Grund fuer das Scheitern vieler Entwicklungsprojekte sein. Ich finde aber das die Idee an sich weiter verfolgt werden sollte. Man geht nun mal nicht auf den Tennisplatz und schlægt sofort ein Ass.

    Antwort auf "Vielleicht.."
  3. Der Autor müsste noch weiterschreiben: Und Loishye darf dann wieder unendlich viel Mais und Karotten anbauen, um sich die dann teuren Artemisin-Kombinationspräparate kaufen zu können.
    Und der Autor müsste auch ehrlicherweise schreiben: Es gibt eine Initiative namens anamed, die seit Anbeginn einen anderen Weg gegangen ist: Nämlich Eigenverantwortung der Afrikaner zu fördern! In 1200 anamed Projekten in 75 Ländern zeigen Einheimische, dass es auch anders geht: Malaria zu besiegen ohne DDT und ohne Industrie, nämlich durch den Anbau von Artemisia annua anamed zum Eigenverbrauch. Manche Journalisten haben diese Hilfe zur Selbsthilfe gewürdigt, andere, z.B. Harro Albrecht in DIE ZEIT vom 27.8.09 darüber gespottet !!!!

    Denn nicht Monopräparate sind der richtige Weg! Würde Artemisia annua nur Artemisinin enthalten, wäre sie schon längst ausgestorben! Die Pflanze war schlauer als die Industrie: Sie hat ein ganzes Arsenal von Waffen gebildet, um sich gegen die Übermacht der Pflanzenfeinde zu wappnen…und diese Kombination können wir heute gegen Malaria verwenden! Denn im Artemisia annua Gesamtextrakt sind 10 gegen Malaria wirksame Stoffe enthalten
    1.Artemetin
    2. Artemisinin
    3. Ascaridole
    4. Casticin
    5. Chrysosplenetin
    6. Chrysosplenol-D
    7. Cirsilineol
    8.Eupatorin
    9. Oleanolic-Acid
    10. Quercetin
    Jeder Leser ist eingeladen, die Pflanze selbst anzubauen und den Gesamtextrakt selbst herzustellen und gegen Malaria zu verwenden. Mehr dazu unter www.anamed.net

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