Mundgeruch ist ein altes Thema, aber es stinkt den Betroffenen auch heutzutage. Die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde will es nun salonfähig machen.

Das Problem ist irgendwo in Frau Schmidt. Wo, weiß sie nicht, aber etwas muss faul sein, es stinkt aus ihrem Mund. Frau Schmidt kann es nicht riechen, ihr Mann Bernd schon. Erst merkte er es beim Küssen, dann beim Sprechen. Da sagte er: »Bitte mach was dagegen!« Das war vor eineinhalb Jahren.

Frau Schmidt ist eine gepflegte Mittfünfzigerin mit Föhnfrisur. Sie will ihren echten Namen unter keinen Umständen in der Zeitung lesen, weil ihr das Problem peinlich ist. Sie nahm an, irgendwann würde es von allein verschwinden. Aber es blieb: Halitosis auf Medizinisch, vulgo Mundgeruch.

Die Münsteraner Zahnärztin Anna Maria Kettner behandelt Menschen wie Frau Schmidt in einer Mundgeruch-Sprechstunde. Die Idee einer systematischen Suche nach den Ursachen des Gestanks stammt aus den USA. In Deutschland schnüffelte der Arzt Rainer Seemann als Erster an offenen Mündern, das war 1999 an der Berliner Charité. Seemann ist so was wie der deutsche Pionier für Mundgeruchfragen. Inzwischen gibt es die Sprechstunden bundesweit, vor allem in größeren Städten wie Hamburg, München oder Düsseldorf.

Die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde hat einen »Arbeitskreis für frischen Atem« gegründet und einen »Halitosistag« erfunden . Sie will das Thema »enttabuisieren und kommunizieren«, es salonfähig machen. Wer derzeit mit Zahnmedizinern spricht, bekommt den Eindruck, das Thema Mundgeruch sei auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft.

»Natürlich ist Mundgeruch nicht neu, das Problem ist so alt wie die Menschheit«, sagt Benjamin Ehmke, Direktor der Poliklinik für Parodontologie in Münster. Schon die Römer kauten aromatische Kräuter gegen fiesen Odem, der Sonnenkönig Ludwig XIV. verbreitete elenden Gestank. Auch Adolf Hitlers Mund entströmte fauliges Gas. Er ernährte sich schlecht und litt unter Parodontitis.

Mundgeruch ist ein altes Thema, aber es stinkt den Betroffenen auch heutzutage. »Es ist eine echte Volkskrankheit«, sagt Ehmke. Experten schätzen, dass zwischen 20 und 40 Prozent der Deutschen Mundgeruch haben. Trotz Halitosistag gilt Mundgeruch noch immer als ekelhaft, mehr als je zuvor. Die Angst davor wachse, weil Image und Auftreten wichtiger geworden seien, sagt Ehmke. »Der Druck zur Perfektion ist hoch.« Menschen, die auf perfekte Erscheinung Wert legen, vom Make-up bis zur Bügelfalte, möchten nicht aus dem Mund riechen. Sie lassen sich die Nase korrigieren und würden gerne auch gut wirken, wenn sie den Mund öffnen. Ehmke sagt: »Wir machen Menschen wieder sozialkompatibel«.

Ein frischer Atem ist längst zum Thema der Lifestyle-Medizin geworden. Nach dem Bleichen der Zähne, den Botoxspritzen gegen Falten ist nun die Oralhygiene vor allem in den USA ein Riesengeschäft. Dort werden jedes Jahr etwa eine Milliarde Dollar für deodorierende Mundspülungen ausgegeben. Fieberhaft bürsten Menschen sich morgens die Zunge, weil sie glauben, dadurch etwas angenehmer zu riechen (eine Methode, von der nicht sicher ist, ob sie hält, was sie verspricht). Das alles übertüncht nur die Probleme, die Ursachen bleiben.

Gründe für den oralen Mief gibt es viele. In 85 Prozent aller Fälle liegt das Problem in der Mundhöhle selbst, nicht im Magen. Rund 10 Milliarden Bakterien bevölkern den menschlichen Mundraum, setzen sich auf und zwischen den Zähnen, in Zungenfalten und Backentaschen fest – und sondern Gase ab. In manchen Fällen sind Medikamente am unschönen Duft schuld, etwa Antidepressiva oder Antihistamine, die den Speichelfluss hemmen. Außerhalb des Mundes können Aussackungen in der Speiseröhre, Diabetes, Lebererkrankungen, Gastritis, Abszesse in der Lunge oder zerfallende Tumore Geruch entstehen lassen.

Der ultimative Geruchstest: Die Ärztin lässt sich anhauchen

Frau Schmidt will wissen, woher ihr Mundgeruch kommt. Zahnärztin Kettner setzt sie vor ein Halimeter, ein Gerät, so groß wie ein Schuhkarton. Es misst die Konzentration von Schwefelmolekülen im Atem. Frau Schmidt macht den Rücken gerade und die Augen zu, dreimal saugt das Gerät mit einem »Pfffff« ihren Atem über einen Strohhalm ein. Auf dem Bildschirm erscheinen Kurven. »299 ppb«, murmelt Doktor Kettner.

Ppb steht für parts per billion, zu Deutsch Teile pro Milliarde. Es schweben also nachweisbar Schwefelmoleküle im Atem von Frau Schmidt: das faule Eiergas Schwefelwasserstoff, Dimethylsulfid, ein Zersetzungsprodukt von Kohl und Gemüse, der starke Stinkstoff Methylmercaptan und Cadaverin, ein Verwesungsgas. Sie entstehen, wenn Bakterien Eiweiße abbauen, die schwefelhaltige Aminosäure-Moleküle wie Cystein, Cystin und Methionin enthalten. In Frau Schmidts Mund müssen reichlich Bakterien hausen.