Italien Warum ist die Mafia so mächtig?

Italien ist uns fremd geworden. Eine Serie zur Erklärung eines rätselhaften Landes

Ein italienischer Carabinieri präsentiert die Maschinenpistole eines Mafia-Führers.

Ein italienischer Carabinieri präsentiert die Maschinenpistole eines Mafia-Führers.

Innerhalb jeder Organisation gibt es Gruppen, die in gewissen Momenten und auf unterschiedlichen Gebieten stärker sind als die anderen. Die kalabrische ’Ndrangheta ist sicherlich eine der mächtigsten Mafia-Organisationen der Welt, in deren Innerem jene Clans den Ton angeben, die auf dem Gebirgszug des Aspromonte beheimatet sind, in San Luca, Africo und Platì. In der neapolitanischen Camorra sind die Clans aus Casal di Principe, aus Secondigliano und aus der Kleinstadt Marano di Napoli besonders stark, auf Sizilien haben nach wie vor die Gruppen aus Palermo und Catania eine Vormachtstellung. Apulien ist heute zweigeteilt – im Norden herrschen die Clans der Camorra, im Süden die ’ndrine (Familien) der ’Ndrangheta.

Die apulische Sacra Corona Unita gilt als jüngste Mafia-Organisation Italiens, nach einer Zeit der Auflösung hat sie sich komplett neu formiert. Die Banden in unserem Land mögen unterschiedlich strukturiert sein, aber eines haben alle Mafia-Organisationen gemeinsam: Sie sterben nie ganz aus. In einem großen Verband kann es vielleicht vorkommen, dass eine Familie ausgelöscht wird, aber niemals die Organisation selbst.

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Roberto Saviano
Roberto Saviano

geboren 1979, ist ein italienischer Autor und Journalist. In Gomorrha (2006) schrieb er über das organisierte Verbrechen und wird seitdem von der Mafia bedroht.

In den vergangenen Jahren hat sich der Eindruck verstärkt, die sizilianische Mafia Cosa Nostra sei geschwächt, während die ’Ndrangheta eine immer stärkere Position einnehme. Das liegt vor allem daran, dass das Augenmerk und der ganze Einsatz der Staatsmacht sich nach den spektakulären Mafia-Morden an den Richtern Giovanni Falcone und Paolo Borsellino auf Cosa Nostra richteten. Im Gegensatz zu anderen Organisationen hat die sizilianische Mafia stets direkt die staatlichen Institutionen attackiert, weil sie sich selbst als Gegenstaat begreift. Wer aber einen prominenten Richter oder Staatsanwalt ermordet, erregt sogar internationale Aufmerksamkeit, auf jeden Fall provoziert er eine starke Reaktion des Staates. ’Ndrangheta und Camorra operieren deshalb ganz anders.

Wenn etwas schiefläuft, dann sind die Männer der ’Ndrangheta auf dem Plan

Die ’Ndrangheta beherrscht eine äußerst isolierte Region. Man kann ihr Herrschaftsgebiet in Kalabrien nur mit dem Auto erreichen, und selbst das ist ziemlich schwierig. Nicht zuletzt deshalb, weil die ’Ndrangheta seit mehr als 40 Jahren den Ausbau der Autobahn von Salerno nach Reggio Calabria verhindert. Die Geschichte dieser Autobahn verliert sich in den schwarzen Löchern der italienischen Politik und in den nebulösen Beziehungen zwischen Politikern, Unternehmern und Organisierter Kriminalität. In jedem Fall führt die Isolierung Kalabriens und der vollkommene Ausfall jeglicher Investitionen, die nicht an den zaghaften Tourismus der Sommermonate gebunden sind, dazu, dass dieser Landstrich der ’Ndrangheta nahezu uneingeschränkt zur Verfügung steht. Und gerade die Tatsache, dass dieses Herrschaftsgebiet so arm und rückständig ist, hat die ’Ndrangheta reich und mächtig gemacht.

Ich selbst bin in einer Gegend aufgewachsen, in der die Camorra Jahresumsätze im zweistelligen Milliardenbereich erzielte. Und doch waren die Straßen bei uns löchrig und unsicher, und nach einem einzigen Regenguss funktionierte die Kanalisation nicht mehr. Es gab keine Kindergärten und keine Fußballplätze, es gab überhaupt gar nichts. Oft habe ich mich gefragt, warum die Mafia nicht ein Prozent ihrer riesigen Gewinne in ihr Herrschaftsgebiet investiert. Einfach, um ihr eigenes Reich ein wenig lebenswerter, weniger verzweifelt zu machen. Aber das ist eine naive Frage, denn wenn es wirklich so etwas wie Lebensqualität geben würde, dann könnten die Menschen mehr verlangen. Heute kann ein Boss für 2500 Euro einen Mord in Auftrag geben, manchmal auch für sehr viel weniger. Wenn aber die Menschen in meiner Heimat eine funktionierende Umgebung, so etwas wie Freizeitgestaltung, kurzum ein einfacheres Leben hätten, dann wäre es ziemlich schwierig, einen Killer zu finden, der für diesen Preis ein derart großes Risiko eingehen würde. Ein noch so bescheidener Wohlstand würde dazu führen, dass man die Bedingungen der Organisation nicht mehr widerspruchslos akzeptiert. Ganz abgesehen davon, dass man mit einer Investition in das Allgemeinwohl auch die eigenen oder auch nur potenziellen Feinde füttern würde.

Gewinnbringender ist es, einem Gefolgsmann großzügig Geld zu schenken, wenn dessen Kind gerade Probleme hat. Lieber deinen Leuten etwas geben als allen, das gilt auch in Kalabrien, und das ist die wahre Stärke der Mafia: Sie lassen ihr Territorium im Elend verkommen, und sie setzen dort das Gesetz des Schweigens durch, die Diktatur absoluter Zurückhaltung, die Regel des einfachen Lebens und des Verzichts. Man könnte sich fragen, wie derart rückständige Männer illegale Weltunternehmen dirigieren können. Aus dieser Frage spricht die Naivität derer, die das System der Mafia nicht kennen.

Die ’Ndrangheta hat beste Kontakte nach Südamerika, weil sie mit ihrer Zuverlässigkeit das Vertrauen der Drogenhändler erobern konnte. Die Regeln aus dem Aspromonte gelten in der ganzen Welt, in Australien und Neuseeland wie in Kanada und Europa, weil bei Problemen innerhalb eines Geschäfts mit der ’Ndrangheta immer die Männer des Aspromonte gefragt sind. Wenn eine Tonne Kokain schlechter bezahlt wird oder gar nicht, wenn dieses Kokain beschlagnahmt wird, wenn überhaupt irgendetwas schiefläuft, dann sind die Männer der ’Ndrangheta auf dem Plan – in Italien oder sonst wo auf der Welt. Wer mit der ’Ndrangheta ein Geschäft macht, der weiß, dass die ’Ndrangheta auch die Probleme löst. Immer.

Gleichzeitig sind die ’Ndranghetisti in ihrem isolierten Herrschaftsgebiet so gut wie unauffindbar. Und die ’Ndrangheta baut auf die Blutsverwandtschaft, das macht sie gewissermaßen zur aristokratischsten aller Mafia-Organisationen. Die Camorra hingegen ist absolut »bürgerlich«, bei ihr kann auch Karriere machen, wer kein Sohn eines Camorrista ist. Deshalb verfügt die Camorra, die vor allem mit öffentlichen Bauaufträgen reich geworden ist, über unendlich viel mehr Gefolgsleute als die ’Ndrangheta. Die genaue Zahl ist naturgemäß schwer zu schätzen, aber wir wissen, dass die Camorra über ihre »Soldaten« hinaus auf rund 100.000 Menschen zählen kann, Minderjährige eingerechnet. Die ’Ndrangheta kommt wahrscheinlich nur auf die Hälfte.

Leser-Kommentare
  1. Es tut mir ja ein wenig Leid, Herr Saviano, aber als Deutscher bin ich echt stolz darauf, dass wir nicht(!) in der Lage sind, solch absurde, archaische Gruppen zu bilden wie die 'Ndrangheta. Oder, besser gesagt, ich hoffe, Sie haben Recht mit Ihrer Behauptung, dass wir Deutschen dazu nicht in der Lage sind.
    Denn diese Gruppen sind genau das, wogegen wir in den letzten 150 Jahren gekämpft haben, wegen der wir 2 Weltkriege erlebt haben. Menschen, bei denen es mir schwerfällt, diese als solche zu bezeichnen. Denn es fehlt ihnen Menschlichkeit, Mitleid und Liebe. Alles ist Fassade, Geld und Macht, die mit kriminellen Mitteln um jeden Preis zu erhalten versucht wird.
    Ich hoffe daher, dass wir nicht dazulernen in dem Sinne, wie sie hier die Fähigkeit der Kalabrier beschreiben.
    Oder, wieder besser gesagt, ich hoffe, dass die Kalabrier lernen, dass es keine gute Fähigkeit ist, Gruppen bilden zu können, deren Leben nur aus Mord, Totschlag und Drogen besteht. Das Wort Respekt vermeide ich hier absichtlich. Denn ich halte es keineswegs für Respektvoll, wenn jemand nur so lange überlebt wie er in der Lage ist, andere rechtzeitig tot zu schlagen.

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    ...das war ein bisschen humoristisch vom Autor gemeint, oder unterstellst du ihm tatsächlich, er würde sich solche Gruppen wünschen? Gar der globalen Konkurrenz zuliebe fordern, wegen der wir auch Großkonzerne züchten und auf Steuern verzichten?

    Ich denke nein.

    ...bei uns gibts es dafür die oberschicht, banken und politiker der bürgerlichen parteien. es ist ein ähnliches prinzip dahinter - nur komplett anders umgesetzt.

    ...das war ein bisschen humoristisch vom Autor gemeint, oder unterstellst du ihm tatsächlich, er würde sich solche Gruppen wünschen? Gar der globalen Konkurrenz zuliebe fordern, wegen der wir auch Großkonzerne züchten und auf Steuern verzichten?

    Ich denke nein.

    ...bei uns gibts es dafür die oberschicht, banken und politiker der bürgerlichen parteien. es ist ein ähnliches prinzip dahinter - nur komplett anders umgesetzt.

  2. "Diese Art von Opfer hat für jemanden, der aus einer nicht vollkommen verzweifelten Gegend kommt, gar keinen Sinn."

    ...so simpel wie noch was. Wegzugprämie und Garantiejob für jeden jungen Menschen. Staatliche Sozialhilfe, so dass sich niemand mehr der Mafia andienen MUSS. Da ist das Geld sinnvoller investiert, als in einen Dauerkrieg und die Kriminellen verweichlichen, so wie die in D und müssen nur noch geerntet werden :-)

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    • cernia
    • 04.04.2011 um 19:40 Uhr
    • cernia
    • 04.04.2011 um 19:40 Uhr
  3. ...das war ein bisschen humoristisch vom Autor gemeint, oder unterstellst du ihm tatsächlich, er würde sich solche Gruppen wünschen? Gar der globalen Konkurrenz zuliebe fordern, wegen der wir auch Großkonzerne züchten und auf Steuern verzichten?

    Ich denke nein.

  4. ...bei uns gibts es dafür die oberschicht, banken und politiker der bürgerlichen parteien. es ist ein ähnliches prinzip dahinter - nur komplett anders umgesetzt.

  5. Das ist weder eine Kritik noch ist es humoristisch gemeint.
    Saviano stellt es lediglich fest.
    Anders gesagt: es gibt genügend deutsche Kriminelle die gern eine mafiöse Struktur aufbauen würden, das gelingt ihnen aber nicht, weil das soziale Gefüge dafür ungeeignet ist (anders als in Süditalien, wo Armut und Elend weit verbreitet sind).

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    • dietah
    • 04.04.2011 um 18:08 Uhr

    Ach. Moment.
    Ich hatte mich immer gefragt, worauf diese neokonservative Politik denn nun im Grunde überhaupt ziele. Wirr, unlogisch und destruktiv. Völlig unverständlich. Jedeweder Machtgewinn (Sicherheitsgesetze) erkauft durch soziale Instabilität (Wirtschaftspolitik) und völlige Missachtung der Mitbürger (Schmarotzerdiffamierung). Also eine Strategie die so grundsympathisch, einleuchtend und erfolgswarscheinlich wie ein Brückentroll daherkommt.

    "Wenn aber die Menschen in meiner Heimat eine funktionierende Umgebung, so etwas wie Freizeitgestaltung, kurzum ein einfacheres Leben hätten, [...]Ein noch so bescheidener Wohlstand würde dazu führen, dass man die Bedingungen der Organisation nicht mehr widerspruchslos akzeptiert. Ganz abgesehen davon, dass man mit einer Investition in das Allgemeinwohl auch die eigenen oder auch nur potenziellen Feinde füttern würde. Gewinnbringender ist es, einem Gefolgsmann großzügig Geld zu schenken, wenn dessen Kind gerade Probleme hat."

    In der politischen Spähre nennt man das dann wohl: Leistungsträger, Excellenz Cluster, Elite.
    Und das alles aus der Furcht heraus potentielle Feinde zu füttern?
    Unsere Nachfahren werden wirklich ein paar ernsthafte Probleme bekommen diese spezielle historische Epoche in irgendeiner Weise zu interpretieren.

    • cernia
    • 04.04.2011 um 19:40 Uhr
    • cernia
    • 04.04.2011 um 19:46 Uhr

    wäre es vielleicht in D. Aber in ITALIEN funktioniert das nicht: von wegen Garantie-Job für junge Leute!
    Sozialhilfe und Wegzugsprämie, das gibt es alles nicht. Deswegen stimmt der wunderbar traurige hoffnungslose Satz von Saviano: "...wer aus einer vollkommen verzweifelten Gegend kommt...." das ist damit gemeint.

    C.

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