Hyatt Hotel, Berlin. Er sitzt da schon: Jeans, Jackett, irgendetwas blau-weiß Gestreiftes drunter. 45 Minuten Interview. Die Pressefrau hatte gemahnt, er wolle bitte ausschließlich über Mode und Kunst reden. Michael Stipe, Held aller sensiblen jungen Männer und Hausfrauen, die den Pop gerne schwermütig haben. Den Sommer letzten Jahres hat er mit seiner Band in Berlin verbracht, um dort in den Hansa-Studios das neue Album aufzunehmen – man konnte Michael Stipe drei Monate lang auf Vernissagen und in Nachtclubs herumstehen sehen. Das neue REM-Album ist übrigens voll okay (so okay wie alle REM-Alben). Er setzt zum Beginn des Gesprächs ein gekonnt angeödetes und muffiges Gesicht auf: hängende Mundwinkel, hängende Augenlider. Der hat, auf wirklich sympathische Art, keinen Bock. Er nimmt es gleichmütig hin, dass dies ein etwas anderes Interview werden soll, mit vielen Fragen, vielen Antworten (»whatever«). Er erklärt: »Ich bin schlecht mit Einsame-Insel-Fragen. Sonst: kein Problem.« Der Popstar möchte erlöst werden von seiner Langeweile. Er möchte, bitte, unterhalten werden.

1. Wahre Geschichte, dass Sie das Steakrestaurant Grill Royal in Berlin nicht besonders mögen, während die anderen Mitglieder Ihrer Band dort sehr gerne zu Abend essen?

Das ist ja eine tolle Einstiegsfrage. Nächste Frage, bitte.

2. Jemals im Technoclub Berghain um zwölf Uhr mittags zum Tanzen gewesen?

Ja.

3. Strengt Sie das miese Berliner Wetter auch so an?

Nein. Es ist hier wärmer, als ich erwartet hatte.

4. Als ästhetisch reizvollen Ort, vermissen Sie die Berliner Mauer?

Nein.

5 . Ihr Kurzkommentar zum Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen des Künstlerduos Elmgreen & Dragset im Tiergarten?

Wunderschön. Überhaupt nicht kitschig. Schade, dass dieser gelungene Ort so versteckt in den Büschen liegt.

6. Ein Jammer, dass der Potsdamer Platz ein so brutal hässlicher Platz geworden ist?

Ich war in den neunziger Jahren zum letzten Mal dort. Damals sah es toll aus. Nachts arbeiteten die Baumaschinen im Flutlicht. Ich habe noch nie so viele Kräne an einem Ort gesehen.

7. Was sagt es über die Stadt Berlin, dass es hier im Gegensatz zu London und Paris mit der Spree nur einen schmalen Fluss gibt?

In New York haben wir gleich zwei Flüsse, den East River und den Hudson River. Da haben London und Paris keine Chance.

8 . Können Sie etwas Gutes über die Berlin Fashion Week sagen?

Ich habe im Sommer letzten Jahres mehrere Monate in Berlin verbracht – wir haben hier unser neues Album aufgenommen. An der Fashion Week, die zu dieser Zeit, glaube ich, auch stattfand, habe ich nicht teilgenommen.

9 . Ihr Lieblingsgemälde in der Alten Nationalgalerie?

Ich bin nie dort gewesen.

10. Ihre Lieblingsgalerie in Berlin-Mitte?

Die Kunst-Werke in der Auguststraße sind interessant.

 

11. Ihre Lieblingsgalerie in Kreuzberg?

Da fällt mir die Galerie MD 72 auf dem Mehringdamm ein. Kennen Sie diesen Alexander Schröder? Gute Leute, guter Ort. Dann gibt es Wolfgang Tillmans’ Galerie. Und, natürlich, Peres Projects in der Schlesischen Straße.

12. Ihr Kurzkommentar zu Christian Boros’ Kunstsammlung in der Reinhardtstraße?

Großartige Sammlung. Ich habe zwei Monate lang in einer Wohnung in unmittelbarer Nachbarschaft gewohnt.

13. Waren Sie Teil des Spotts und der Häme, mit denen Berlins Kunstszene auf die Eröffnung des Privatmuseums »me Collectors Room« des Mäzens Thomas Olbricht in der Auguststraße reagiert hat?

Ich habe von diesem Ort und diesem Mann nie etwas gehört.

14. Wie kommentieren Sie den Umzug der Kunstszene von Berlin-Mitte nach Kreuzberg und Neukölln?

Ich kann die Berlin-spezifischen Vorgänge nicht beurteilen. Aber ich kann erzählen, wie vergleichbare Bewegungen in New York stattfinden. Dort ziehen die Galerien von der 57. Straße nach Soho, von Soho nach Chelsea, und nun ziehen die Galerien von Chelsea zurück an die Lower East Side. Wenn die neuen Galerien sich etablieren, müssen die kleinen Galerien weiterziehen. So findet das auch in Berlin statt.

15. Das letzte Kunstwerk, das Sie in Berlin gekauft haben?

Das war eine Lampeninstallation. Wunderschönes Ding. Deutsches Design aus den siebziger Jahren. Ich habe die Lampe in einem Designladen in der Torstraße gekauft.

16. Für Ihre Begriffe: Ist das eine gute Einkaufsstraße, die Torstraße in Berlin?

Das kann ich schwer sagen. Die Torstraße ist doch eher eine Durchgangsstraße, ein Highway. Etwa nicht? Ich finde es – wie bei vielen Straßen in Berlin – eben so angenehm unklar, was das eigentlich für eine Straße ist.

Das Gespräch ist jetzt, nach fünf Minuten, an einem absurd abseitigen und aussichtslosen Punkt angekommen: Wir sprechen über die Torstraße in Berlin-Mitte. Gut, egaler geht es nicht. Zeit verschwenden mit Michael Stipe. Es besteht Hoffnung, dass er das Konzept des Gesprächs durchschaut und daran Freude hat. Es kann aber ebenso gut sein, dass er gleich aufsteht und geht. Er sitzt da mit verschränkten Beinen, gefalteten Händen. Sein wunderbar angeödetes Gesicht. Er trinkt einen Schluck Wasser – das ist seine erste Gefühlsregung.

17. Richtig, dass Sie gerne auf dem Fahrrad durch Berlin fahren?

Ich nehme das Fahrrad. Oder die U-Bahn.

18. Wie sieht Ihre Verkleidung aus, wenn Sie in Berlin unterwegs sind?

Meine Verkleidung ist, dass ich mich nicht verkleide. Und wenn ich Fahrrad fahre, dann immer mit Helm – damit die Leute mich erkennen. Hallo, Berlin! Ich bin der, der den hässlichen Fahrradhelm auf dem Kopf trägt.

19. Schönste Erinnerung an den heißen Sommer 2010, in dem Sie das neue Album in Berlin aufgenommen haben?

Die Partys bei Freunden waren schön.

20. Wie heißen Ihre drei besten Freunde in Deutschland mit Vornamen?

Ich könnte Ihnen dreizehn Namen, aber unmöglich drei Namen nennen.

21. Ihre letzte Party mit Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit?

Ich habe ihn auf einer Party in New York kennengelernt. Prima Mann.

22. Sind Sie mit Wowereits Spruch »Berlin ist arm, aber sexy« einverstanden?

Ich bin nicht ganz sicher, was er damit sagen wollte. Aber sicher: Es ist eine wirklich heiße, wirklich sexy Stadt.

23. Gehen Ihnen Berlins junge Männer, die mit ihren Vollbärten und dunklen Hornbrillengestellen alle ein wenig wie Michael Stipe vor zehn Jahren aussehen, auch ein bisschen auf die Nerven?

So wie Sie das Phänomen beschreiben, begreife ich das als Kompliment. Es ist ein guter Look.

 

24. Manchmal erschöpft von all den aufgeregten Kreativen, die das Berlin der Gegenwart mit dem Manhattan der späten siebziger Jahre verwechseln?

Was die Menschen mit diesem Vergleich meinen, ist, dass die Infrastruktur einer Stadt auf eine sehr kosmopolitische Art aufgemischt wird: Künstler übernehmen Ecken der Stadt, in denen sie bisher nicht zu Hause waren, und werden zu einem Wirtschaftsfaktor.

25. Wie steht’s derzeit ums deutsche Selbstbewusstsein?

Ich glaube, ganz okay. Oder? Ich habe hier praktisch nur freundliche, lockere, normal selbstbewusste Leute kennengelernt.

26. Die schlechteste Seite der Deutschen?

Schlechte Haarschnitte.

27. Eine überraschend gute Seite an den Deutschen?

Deutsche sehen nackt sehr gut aus. Ich war im Sommer an einem Nacktbadestrand am Wannsee. Wunderbare Anblicke.

Schlückchen Wasser. Er wechselt die Sitzposition: das andere Bein über das andere Knie. Wir werden nun noch konzeptueller. Die Idee der nächsten zehn Fragen ist, dass wir so tun, als wüssten wir rein nichts über ihn. Basisfragen an Michael Stipe. Könnte doch lustig sein. Er sagt, weil’s ihm ganz wunderbar egal ist: »Okay.«

28. Wie heißen Sie?

John Michael Stipe.

29 . Wie alt sind Sie?

51. Ich weiß, ich sehe großartig aus, absolut großartig für mein Alter.

30 . Wie viel Dioptrien?

Ich trage Kontaktlinsen. Keine Ahnung, wie stark sie sind. Ich bin praktisch blind.

31. Welche Firma stellt Ihre schwarzen Hornbrillen her?

Side Shuron USA.

32. Haben Sie den Führerschein?

Ja.

33. An welchen Orten auf Erden besitzen Sie Häuser oder Wohnungen?

In New York City und Athens, Georgia.

34. Leben Ihre Eltern noch?

Ja. Vater ist 77, Mutter 75 Jahre alt.

35. Besitzen Sie einen Hund?

Sie ist gerade gestorben. Ein Terrier. Helix. Sie war neunzehneinhalb Jahre alt.

36. Vollkommen sicher, dass Sie keine Kinder haben?

Nicht vollkommen sicher, nein.

37. Stehen Sie politisch eher rechts oder links?

In Amerika unterscheiden wir weniger zwischen rechts und links als zwischen Republikanern und Demokraten. Das sind die zwei großen Blöcke, zwischen denen sich alles aufteilt. Ich war den Demokraten immer näher.

38. Warum gibt es ein neues REM-Album?

Warum gibt es ein neues REM-Album? Ich nehme Alben auf. Das ist mein Beruf.

39. Welche Bedeutung hat der Songtitel »Überlin«?

Wir nahmen zwei deutsche Wörter, den Namen der Stadt Berlin und das Wort »über«, und setzten sie zu einem neuen Wort zusammen. Der Inhalt des Songs ist exakt das, worüber wir uns hier gerade unterhalten haben: Leute aus New York, aus London, aus Skandinavien sind verrückt nach dieser Stadt.

40. Welcher ist der beste Song auf dem neuen Album?

Das können Sie mich doch nicht fragen. Ich mag Überlin . Ich liebe diesen Song.

 

41. Wofür sind die Berliner Hansa-Studios in den USA bekannt?

Das U2-Album Achtung Baby , die Bowie-Trilogie, Iggy Pops Lust for Life . Für Musikliebhaber ist es ein mystischer Ort.

42. Wie sehen die Klos in den Hansa-Studios aus?

Alt und eng.

43. In welcher Form ist Ihnen Bowies Geist in den Hansa-Studios begegnet?

Nun, ich kenne den echten Bowie aus New York.

44. Macht allein der Aufenthalt in Berlin ein Album schon zu einem rockigeren Album?

Nein.

45. Welche musikalische Erneuerung vollzieht das neue REM-Album?

Musikalische Erneuerung in der Musikgeschichte? Musikalische Erneuerung in der Geschichte der REM-Alben? Darum geht es nicht. Der Punkt ist nicht, etwas Neues zu machen. Für REM-Maßstäbe ist es ein leichtes und lockeres, fast ein unbeschwertes Album geworden.

46. Worin liegt der Unterschied zwischen guten und schlechten Songtexten?

Es gibt so viele schlechte Texte. Oje. Die Texte, die ich schreibe, sind sehr gute Texte.

47. Ihr Lieblingssong von Elvis Presley?

Moment, er hat seine Songs ja nicht selber geschrieben. Suspicious Minds .

Er singt.

We’re caught in a trap / I can’t walk out / Because I love you too much, Baby.

Er lässt – wie Elvis bei seinen Auftritten in Las Vegas – ein imaginäres Mikrofon, das an einem Kabel hängt, neben seiner Hüfte kreisen.

Unglaublicher Song.

48. Echt wahr, dass Sie mit den Beatles und den Rolling Stones wenig anfangen können?

Ich habe mal etwas Böses über die Beatles gesagt, dieses Zitat aber dann doch zurückgezogen, weil es aus dem Zusammenhang gerissen wurde. Ich finde beide Bands, die Beatles und die Rolling Stones, okay. Es ist nur so, dass ich beide Bands nicht gerade oft höre.

49. Die verrückteste Sache, die Sie je beim Singen mit Ihren Händen angestellt haben? Sie führen da vorne am Mikrofon ja wahre Pantomime-Vorstellungen auf.

Ich weiß, ich tue komische Dinge, wenn ich singe, aber ehrlich, ich habe keine Ahnung, was genau ich da tue. Meine Freundin Courtney sagte immer, dass ich beim Singen der Surfer-Boy bin. Ich habe nie verstanden, was sie damit meint. Eines Abends stellte sie sich in einem Restaurant auf den Tisch und zeigte es mir.

Er macht nun Courtney Love nach, die, auf einem Tisch in einem New Yorker Restaurant stehend, ihren Freund Michael Stipe beim Singen nachmacht. Michael Stipe als Courtney Love, die den Sänger Michael Stipe nachmacht, hält mit einem ausgestreckten und einem angewinkelten Arm das imaginäre Segel fest.

50. Ihre Erklärung, warum Sänger beim Singen die Augen schließen?

Konzentration.

51. Wie steht’s mit Ihrem Lampenfieber beim Singen?

Es hat sich ein wenig gebessert. Und es ist unverändert furchtbar geblieben.

52. Was ist besser, singen mit Brille oder singen mit Kontaktlinsen?

Mit Kontaktlinsen.

53. Richtige Beobachtung, dass Sie als Sänger versuchen, Ihren amerikanischen Akzent zu verheimlichen?

Nein. Ich denke, ich singe sogar mit einem deutlichen Südstaaten-Akzent.

54. Traurig darüber, dass Sie in den USA, nicht in Europa geboren sind?

Ja.

 

55. Schönste Erinnerung an Hanau, wo Sie als Soldatenkind gewohnt haben?

Keine besonderen Erinnerungen. Meine Kindheitserinnerungen sind alle schmutzig.

56. Das Trauma Ihrer Kindheit?

Ich bin einmal fast gestorben. Das war wirklich schlecht. Ich bin fast erfroren. Hypothermie. Das ist, wenn der Körper seine Temperatur nicht richtig regelt.

57. Waren Sie ein hübscher Teenager?

Ich sah abscheulich aus. Schreckliche Haut. Schrecklich aussehendes Haar.

58. Wie sah im Jahr 1975 Ihre Frisur aus?

Ein Afro. Ich musste schon als Teenager einsehen, dass ich nicht androgyn aussehen konnte wie David Bowie oder Iggy Pop. Ich hatte einfach zu viele Haare auf dem Körper. Und ich war nicht dünn genug. Ich sah aus wie Ian Hunter von Mott the Hoople: dickes Haar, dickes Gesicht.

59. Ihre Lieblingsplatte im Jahr 1980, als Punk mit einiger Verspätung auch in den USA ankam?

Meine Lieblings-Punkplatte? 1980? Die Young Marble Giants. Ihr Album Colossal Youth ist unter den drei besten Alben aller Zeiten.

60. Kann man sagen, dass das Jahr 1978 für Ihr Leben, Ihre Karriere, Ihr Kunstverständnis ein Schlüsseljahr war?

Das kann man sagen, ja. 1978 war ich 18.

61. Schönste Erinnerung an die Jahre, in denen Sie mit Ihrer Band REM im Tourbus unterwegs waren?

Wunderbare Jahre. So viele unvergessene Erlebnisse. Bei keiner anderen Tätigkeit sammelt und verbraucht der Mensch so viel Kraft, wie wenn er mit Band auf Tournee ist: eine wirklich existentielle Erfahrung. Eins der vielen unvergessenen Erlebnisse war die Landung zweier Ufos um vier Uhr morgens in Texas. Das erste Ufo war lautlos. Das zweite war so laut, dass wir den Bus anhielten.

62. Können Sie noch einmal erklären, was Sie schon oft erklärt haben, nämlich die Bedeutung des Ausdrucks »losing my religion«?

Gerne. Das ist eine Variation des Ausdrucks » lost my religion «. Er bedeutet: Eine Herausforderung ist so groß, dass du darüber dein Selbstvertrauen verlierst. Aber: Das Ganze ist ein Witz. Der Ausdruck » lost my religion « wird nie ernsthaft verwendet.

Lustig. Jetzt hat man den Ausdruck wieder nicht verstanden – zumindest der Interviewer hat ihn nicht verstanden. Der Refrain des großen REM-Hits »Losing my Religion« bleibt ein Rätsel.

63. Wie erklären Sie den Begriff »College-Rock«?

Fragen Sie das ernsthaft? Ich erkläre das gerne – ich möchte nur sichergehen, dass es sich um eine ernst gemeinte Frage handelt. Als Punkrock um das Jahr 1978 in den USA stattfand, war das Radio in den USA ausschließlich kommerziell orientiert. Keine Radiostation spielte die neuen Punkrock-Songs. Im Gegensatz zu den großen Stationen war das Radio der Colleges wirtschaftlich ungebunden. College-Radio konnte die neue Rockmusik spielen – aus diesem Grund hieß die alternative Rockmusik der späten siebziger und frühen achtziger Jahre College-Rock.

64. Haben Sie stets im Kopf, dass da draußen fünfzigjährige Hausfrauen herumlaufen, die den REM-Songtitel »Walk Unafraid« auf ihr Hinterteil tätowiert haben?

Ja. Diese Dinge hat man ständig im Kopf.

65. Nach 31 Jahren als Sänger, können Sie zugeben, dass Sie beim Singen immer ein bisschen zu sehr gejammert haben?

Ja. Vielleicht jammere ich beim Singen zu viel.

66. Wenn Rock ’n’ Roll gleich Sex, Drogen und lange Gitarrensolos ist, waren Sie dann nie ein großer Rock ’n’ Roller?

Ich liebe Sex. Ich habe Drogen bis zu dem Zeitpunkt geliebt, an dem ich aufgehört habe, sie zu nehmen. Nur lange Gitarrensolos lehne ich selbstverständlich ab. Ich bin nach Ihrer Definition also ein Zweidrittel-Rockstar.

67. Waren Sie manchmal deprimiert, weil im Publikum der REM-Konzerte zu viele Intellektuelle standen?

Nein.

Großes Gelächter.

Warum sollte mich das deprimieren?

Keine Ahnung. Rock ’n’ Roll, so der Mythos, hat doch etwas mit Wildsein zu tun, und Intellektuelle stehen im Ruf, nicht besonders wild zu sein.

Ganz falsche Ansicht – Intellektuelle sind die Wildesten von allen. Du musst sie nur ein bisschen kitzeln.

Noch größeres Gelächter. Er schüttet sich aus vor Lachen, er stirbt jetzt fast vor Lachen. Jetzt ist er richtig wild! Der Popstar Michael Stipe fühlt sich, spätestens an dieser Stelle, gut unterhalten. Das ist schön.

 

68. Simple Frage, warum muss Rock’n’Roll so laut gespielt werden?

Wir sollen unser Publikum wegblasen. Die Leute wollen von uns weggeblasen werden.

Er macht, mit dicken Backen, das Geräusch eines Wirbelsturms nach, der das Publikum bei einem REM-Konzert wegbläst.

Yeah.

69. Können Sie bestätigen, dass REM sich in den nächsten drei Jahren nicht auflösen werden?

Das kann ich nicht bestätigen.

70. Können Sie bestätigen, dass REM sich in diesem Jahr nicht mehr auflösen werden?

Das kann ich gerne bestätigen.

71. Manchmal traurig darüber, dass Sie Rockstar und kein bildender Künstler geworden sind?

Ich mache Skulpturen. Ich habe vor sechs Jahren damit angefangen. Die Skulpturen, an denen ich derzeit arbeite, sind so groß wie die Tür dort drüben: Sperrholz und Papier.

72. Immer noch möglich, dass die USA Iran angreifen?

Das wäre verrückt.

73. Sind Sie persönlich enttäuscht von Barack Obama?

Nein. Ich halte ihn für einen unglaublich klugen und umsichtigen Präsidenten. Nach acht Jahren Bush und Cheney war er in einer denkbar engen und ausweglosen Situation.

74. Wenn Sie sich vom Fotografen Juergen Teller für eine Werbekampagne des Modemachers Marc Jacobs ablichten lassen, hat das auch eine politische Aussage?

Nein. Obwohl? Vielleicht hat das Foto schon deshalb eine subversive Relevanz, weil ich kein Model bin. Ich bin nicht das, was Menschen sich unter einer Schönheit vorstellen.

75. Machen die Menschen sich zu viele Gedanken über Mode?

Im Gegenteil, sie sollten sich viel mehr Gedanken über Mode machen. Die Leute sind ahnungslos, wie sie ihre Kleidung zusammensetzen sollen. Es ist beschämend.

76. Was sollten Männer wissen, wenn sie Make-up benutzen?

Nur eine Sache: Benutzt kein Make-up. Ich benutze Make-up, wenn ich auf die Bühne gehe.

77. Wie vermeiden Sie es, als 51-jähriger Mann wie ein Zwanzigjähriger gekleidet zu sein? Das ist, mit Verlaub, ein weitverbreitetes Problem unter mittelalten Männern.

Gott, ja. Es ist ein trauriges Phänomen. Ich vermeide Converse-Turnschuhe. Und Palästinensertücher. Und superenge Jeans.

78. Können Sie drei Dinge auf Erden nennen, die wichtiger sind als Sex?

Natürlich nicht. Gut, atmen ist wichtiger.

Rückkehr in die Verschränkte-Beine-Position. Du liebes bisschen, jetzt lächelt er: einfach so! Wir haben diesen netten Mann, diesen sympathischen Star nun wirklich auf unserer Seite.

79. Der berühmte Self-Rating-Test. Sie benoten Ihr eigenes Talent von null Punkten, kein Talent, bis zehn Punkte, maximales Talent. Rock ’n’ Roller.

Vier.

80. Marxist.

Keine Ahnung, was das bedeutet.

 

81. Konzeptkünstler.

Acht. Ich bin ja eigentlich immer Konzeptkünstler gewesen, auch als Musiker.

82. Queer Artist.

Fünf.

83. Kleiderständer.

Sieben.

84. Mozart.

Zehn. Hören Sie auf mit diesen entsetzlichen Fragen, ich kann mich nicht selber benoten.

85. Feminist.

Neun.

86. Marlon Brando.

Welches Talent ich als Marlon Brando habe? Das ist eine konzeptuelle Frage. Marlon Brando war ein Queer Artist, natürlich! Das Schwulaussehen war immer Teil seiner Machtstrategie. Er hatte keine Scheu davor, Männer zur Steigerung seiner Wirkung zu verführen. Bin ich erfolgreich darin, Männer zu verführen? Zehn Punkte.

87. Und? Wie sieht Ihr Fahrradhelm denn nun aus?

Unbeschreiblich hässlich. Es ist ein absolut lächerliches Ding. Aber – nützt ja nichts.

88. Immer noch so stolz auf Ihre wunderschönen langen Wimpern?

Es sind verrückt lange Wimpern. Meine Schwestern haben mich immer dafür gehasst.

89. Sind Sie ein Fan von Bette Davis?

Logisch. Warum nicht?

90. Der letzte Hut, den Sie sich in Berlin gekauft haben?

Den habe ich in Berlin gekauft und in Berlin verloren. Eine Schirmmütze mit einem Knopf vorne am Schirm. Eine Zeitungsjungen-Mütze. Zwanziger-Jahre-Style.

Ein abschließender, wenig origineller, trotzdem richtiger Gedanke – mehr braucht kein Mensch: Er ist ein anstrengender und ein guter Typ. Die Stipesche Misanthropie und Schlechtlaunigkeit sind hochmoralischer Ausdruck dafür, dass die Welt, so wie sie ist, natürlich eine vollkommen haltlose, irre und sinnlose Katastrophe ist. Hat man das plaudernd einmal gemeinsam festgestellt, dann wird es Zeit, sich gemeinsam kaputtzulachen. So – geht’s doch.

91. In wenigen Worten, was hat Ihre langjährige Freundin Patti Smith Ihnen beigebracht?

Menschlichkeit – als Performer. Ich weiß, das klingt etwas abgehoben, ist aber eine sehr konkrete Sache. Humor. Und noch etwas Wichtiges: Demut. Patti ist gut im Demuthaben.

92. Courtney Love, die Witwe des Nirvana-Sängers Kurt Cobain, hat den zweifelhaften Status erreicht, nach der John-Lennon-Witwe Yoko Ono die meistgehasste Frau des Rock ’n’ Roll zu sein, ein Monster. Was sagen Sie zu ihrer Verteidigung?

Dieser Ruf ist unfair, das ist doch klar. Wir sind wirklich eng befreundet. Vor drei Tagen waren wir zuletzt miteinander Abend essen. Zugegeben, sie ist ein komplexer Charakter.

93. Welche brillante Nachwuchsband aus Ihrem Heimatort Athens im US-Bundesstaat Georgia möchten Sie empfehlen?

Elf Power. Dead Confederate. Und: Le Master.

94. Sind Sie ein guter Patenonkel?

Ich habe eine Armee von Patenkindern. Ich verliere gerade den Überblick, weil es so viele Patenkinder sind. Gerade ist ein neues dazugekommen. Es sind an die fünfzehn Patenkinder.

95. Wie geht es Ihrer Patentochter Frances Bean Cobain?

Kein Kommentar.

96. Echt wahr, dass Sie sich Ihr erstes Mobiltelefon vor einem Jahr zugelegt haben?

Falsch, ich war einer der ersten Menschen mit einem Mobiltelefon. Es war ein schwarzer Koffer, den man an die Steckdose anschloss. Das war im Jahr 1989. Haben Sie nicht noch mehr von diesen Fragen? Es macht gerade Spaß.

97. Es sind noch drei Fragen. Was antworten Sie, wenn ein Fan zu Ihnen sagt: »I love you, Michael«?

Wenn es ein ungestörter Raum ist wie dieser hier, dann sage ich: I love you, too . Wenn er mich im Restaurant anspricht, dann antworte ich: Thank you very much .

98. Echt wahr, dass Sie jeden Tag ein Gedicht schreiben?

Leider unwahr.

99. Wie lauten die letzten zwei Zeilen, die Sie geschrieben haben?

Er schaut auf sein iPhone; scrollt einen Text auf dem Bildschirm nach unten.

Es ist leider nicht besonders gut – eine Zeile über Kolibris. Kleine, schöne, aber sehr aggressive Tiere. Wir haben die Vorstellung, dass diese Vögel zarte, zauberhafte Geschöpfe sind. Dabei sind das gemeine, hinterhältige Motherfucker.

Michael Stipe liest vor:

Look, look / Little birds / Hollywood Hills.