Comedian Olli Dittrich"Zu wissen, du bist nicht mehr allein"

Olli Dittrich über seinen Weg aus großen Ängsten und einem ungeliebten Job.

ZEITmagazin: Humoristen sind oft Melancholiker. Trifft das auch auf Sie zu?

Olli Dittrich: Gelegentlich, aber es ist doch nur eine Facette. Beim Klischee vom traurigen Clown sehe ich immer Heinz Rühmann vor mir, wie er mit Clownskostüm in der Manege vom Zirkus Krone steht, das ist mir dann doch zu plakativ. Aber natürlich hat der Komiker den Hang, aber auch den Vorteil, Tragik und Scheitern mit Humor in den Griff bekommen zu können.

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ZEITmagazin: Erwartet man von Ihnen, dass Sie auch im Alltag witzig sind?

Olli Dittrich

54, ist einer der bekanntesten deutschen Comedians. Besonders beliebt ist seine  Figur des arbeitslosen Dittsche in der gleichnamigen WDR-Serie, der am Tresen einer Hamburger Imbissbude über das Leben philosophiert. Gerade ist bei Piper seine  Autobiografie Olli Dittrich. Das wirklich wahre Leben erschienen.

Dittrich: Eigentlich nicht. Bei manchen Kollegen ist das vielleicht anders, weil sie viel expressiver und offensiver sind. So jemand wie Otto ist wirklich dafür geboren, Menschen zum Lachen zu bringen. Eine echte Stimmungskanone, ein wirklicher Funny Bone. Wenn Otto, der gewiss auch sehr ernste Seiten hat, über die Straße geht, dann lachen die Leute halt schon, weil er ihnen so viel Freude macht. Wunderbar. Obwohl, wenn ich es genau überlege, habe ich das auch schon oft erlebt. Ist was Feines.

ZEITmagazin: In Ihrem sehr unterhaltsamen Buch »Das wirklich wahre Leben« erzählen Sie in einem Kapitel auch davon, wie Sie mit schweren Ängsten zu kämpfen hatten.

Dittrich: Das war Anfang der achtziger Jahre, eine schwere Krise. Es begann mit Angstfantasien und psychosomatischen Störungen, die sich zu richtigen Beschwerden entwickelten. Eine zermürbende Zeit, ohne deren Überwindung aber nichts möglich gewesen wäre, was in den Jahren danach kam. Vor allem, was meinen künstlerischen Werdegang betrifft. Deshalb findet es im Buch auch neben vielen lustigen und schrägen Geschichten kurz Erwähnung.

ZEITmagazin: Was hat diese Angstfantasien ausgelöst?

Das war meine Rettung
Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

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Dittrich: Das sieht man natürlich erst im Rückblick klarer. Damals war ich Produktmanager, ich saß am Schreibtisch einer Plattenfirma und war wohl nicht in der Lage, zu erkennen, dass es galt, mein Leben zu verändern. Ich hatte große Wünsche, die Sehnsucht, eigene künstlerische Ziele zu verfolgen, zugleich wusste ich überhaupt nicht, wie ich das angehen und in welche Richtung ich meine Geschicke hätte lenken sollen. Ich war völlig überfordert damit.

ZEITmagazin: Warum brauchten Sie so ein scharfes Warnsignal, um zu merken, dass sich etwas ändern muss?

Dittrich: Grundsätzlich neige ich sicher dazu, den Weg der Harmonie zu wählen. Das hat auch mit mangelnder Courage zu tun. Das kennt doch jeder: Obwohl man eigentlich spürt, dass man eine Entscheidung fällen muss, macht man einen großen Bogen darum. Vielleicht auch, weil die Entscheidung auch andere betreffen würde und man niemandem auf die Füße treten möchte. Bis heute fällt es mir gelegentlich nicht leicht, unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Aber da muss man dann halt durch.

"Das war meine Rettung"

Ijoma Mangold gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl und dem Psychologen Louis Lewitan zu den Interviewern unserer neuen Gesprächsreihe. Mangold ist stellvertretender Ressortleiter des ZEIT-Feuilletons und Moderator der ZDF-Literatursendung »Die Vorleser«

ZEITmagazin: Was hat Sie damals in dieser Situation gerettet?

Dittrich: Ich hatte das große Glück, an eine gute Therapeutin zu geraten. Zu wissen, »du bist nicht mehr allein«, war der Anfang des Weges heraus aus dem dunklen Tal. Und ich erlernte eine Mantra-Meditation, die ich bis heute regelmäßig praktiziere. Die beste Entscheidung meines Lebens. Diese Technik gab mir ein ganz besonders wertvolles Werkzeug an die Hand, inneren Druck und angesammelten Stress abzubauen. Ich machte die Erfahrung, dass ich regelmäßig Lebensglück und Zuversicht in mir wachrufen kann. Eine echte Wendemarke.

ZEITmagazin: Das ist jetzt 30 Jahre her. Haben Sie manchmal Angst vor einem Rückfall?

Dittrich: Nein. Ich hatte den Tiefpunkt erreicht. Ein heilsamer Schock, der wegweisend war für alles, was danach kam.

ZEITmagazin: Sind Sie heute in Entscheidungen besser geworden?

Dittrich: Als der Erfolg von Comedy Ende der neunziger Jahre im Privatfernsehen langsam abflaute, war das eine elementare Entscheidungssituation für mich: Was macht man jetzt? Bremst man das Karussell nur ein bisschen ab, macht aber so ähnlich weiter? Damals entschied ich mich, einen Moment Luft zu holen und nachzudenken, wo ich hinwill. Da merkte ich, dass eigentlich Improvisation mein Ding ist. Zu improvisieren hat viel mit Mut zu tun. Im Augenblick zu entscheiden, was man als Nächstes tut. So kam es, dass wir den Dittsche- Piloten drehten. Und ich bin zutiefst davon überzeugt: Dass ich das damals konnte, hatte etwas mit der Erfahrung vor 30 Jahren zu tun. Damals war ich mit der Nase darauf gestoßen worden, dass es nicht furchtbar ausgehen muss, wenn man die Dinge in die Hand nimmt.

Das Gespräch führte Ijoma Mangold

 
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