Nicht mal für ein Pult hat das Geld gereicht. Als Ute Lauterbach vom Verein der in der DDR geschiedenen Frauen auf dem Leipziger Augustusplatz eine Wutrede hält, fliegen ihr nach wenigen Minuten die Manuskriptseiten durcheinander. Etwas Improvisation, dann findet Lauterbach ihn wieder, »den Brief von Frau Merkel«, den sie laut vorlesen will. »So sehr ich mir Ihres Anliegens bewusst bin«, schreibt die Bundeskanzlerin darin, »so sehr bedauere ich, Ihnen mitteilen zu müssen, dass ich Ihnen nicht weiter behilflich sein kann.« Hundert Rentnerinnen, im Halbkreis um Lauterbach stehend, pusten in ihre Trillerpfeifen. Schon einen Moment später ist dann jedoch wieder Stille. Lauter Protest liegt den Seniorinnen nicht. Dafür haben viele der Frauen hier weiße T-Shirts übergestreift, mit Sprüchen darauf: »So werden wir niemals ein Volk«, in Textilfarbe.

Über den Köpfen der Protestierenden, an der Fassade des Kroch-Hochhauses am Augustusplatz, prangt ebenfalls ein Sinnspruch. Er muss wie Hohn auf die Rentnerinnen wirken: Omnia vincit labor steht da – Arbeit überwindet alles. Die Arbeit dieser Frauen, »unsere Lebensleistung«, wie sie sagen, wird ihnen heute, im Rentenalter, nicht mehr honoriert.

Das DDR-Klischee vom Volk der Vollbeschäftigung stimmt nur bedingt. Auch in der Planwirtschaft gab es Zehntausende Hausfrauen. Sie konnten, wenn sie Kinder erziehen wollten statt dem VEB zu dienen, »Marken kleben«: durch geringe Monatsbeiträge ihre Rentenanwartschaften aufrechterhalten. Diese Regelung wurde mit der Wiedervereinigung kassiert. Die Marken verloren im neuen Land ihren Wert.

Sie empfinde dies als Schande für die Politik, sagt die Grüne Monika Lazar

In Westdeutschland garantiert seit 1977 der sogenannte Versorgungsausgleich im Scheidungsfall eine faire Anrechnung von Ehejahren auf die spätere Rente. Auch in den neuen Ländern existiert eine solche Regelung – jedoch erst seit dem 1. Januar 1992, und nicht rückwirkend. Wer vor der Wende geschieden wurde, hat Pech. Die betroffenen Rentnerinnen finden sich nun oft als Bittstellerinnen auf dem Sozialamt wieder.

Die Frauen- und Rentenbeauftragten der Parteien wissen seit Jahren um dieses Problem. Die rot-grüne Bundesregierung setzte gar eine interministerielle Arbeitsgruppe ein. Es gab auch unter der Kanzlerin Merkel hitzige Bundestagsdebatten über die Rente der DDR-Geschiedenen, zuletzt im Februar 2011. Ende vergangenen Jahres forderte der Bundesrat die Regierung auf, »eine befriedigende Lösung« herbeizuführen. Man verwies auf »erhebliche soziale Härten insbesondere bei älteren geschiedenen Frauen«. Die Situation ist ernst, das weiß man auch in Berlin.

Viele Mitglieder ihres Vereins könnten sich nicht einmal die Fahrt zur Demo leisten, sagt Annelies Pollter, 72, eine der Leiterinnen der Leipziger Ortsgruppe. »Die meisten im Verein«, sagt Pollter, »bekommen zwischen 250 und 650 Euro Rente.« Doch schämen sich viele, über ihre Armut zu sprechen. Und manche schweigen bis ans Ende ihres Lebens. Die Zahl der noch lebenden in der DDR geschiedenen Frauen, schätzt der Verein, habe sich seit der Wiedervereinigung von 800000 auf 400000 halbiert. Manche der Seniorinnen behaupten, die Politik sitze das Problem aus, bis es sich von selbst erledigt habe. Bis von den Tausenden von Altersarmut betroffenen Rentnerinnen auch die letzte verstorben sei.

Die wenigen indes, die ihre Stimmen erheben, werden kaum gehört. »Wir sind alte Frauen, arme Frauen«, sagt Annelies Pollter. »Wir haben keine Lobby. Wir nützen niemandem.« Der Verein, der diese Lobby sein möchte, zählt 3000 Mitglieder. Auf dem Papier. Niemand könne sicher sagen, ob alle noch leben, gibt Pollter zu bedenken. Die meisten Mitglieder seien heute zwischen 70 und 80 Jahre alt.

Wer eine der Frauen treffen will, kann Ursula Still besuchen, sie wohnt nur eine Tramstation vom Augustusplatz entfernt, in einem Plattenbau am Hauptbahnhof. Die 72-Jährige kommt regelmäßig zu den Protestaktionen des Vereins. In ihrer Stube läuft Schlagerradio, es ist ein wohliger Klangteppich. Frau Still sagt, sie wolle über den Kampf um die Rente nicht verbittern. »Bevor es so weit ist«, sagt sie, »nehme ich mir ’nen Strick.« Auf dem Wohnzimmertisch steht Kirschkuchen, an den Wänden hängen die Alpen in Acryl und Stillleben in Öl. Die Bilder hat die Rentnerin selbst gemalt. Jeden Montag geht sie zur Malstunde, das kostet 7,55 Euro. »Nicht billig«, sagt sie. »Der einzige Luxus, den ich mir gönne.«

Ursula Still führt penibel Buch über ihre Ausgaben: Miete, Haftpflicht, Rundfunk, Sparkassen-Konto, Telekom. Malstunde. Nach Abzug der laufenden Kosten bleiben 154 Euro. »Alles eine Frage der Organisation«, sagt sie. »Sechs Hühnerbeine krieg ich für drei Euro. Geht doch.«

Ihr Exmann, von dem sie sich 1989 nach 25 Ehejahren trennte, hilft der Rentnerin nicht. »Der lebt auf hohem Niveau«, sagt sie, »der kann sich Reisen leisten. Dabei hätte er ohne meine Unterstützung gar nicht all seine Rentenpunkte sammeln können.« Warum, fragt Frau Still, will die Politik daran nichts ändern?