Umweltschutz Im Namen der Schildkröte
Auf einer Vietnamreise versucht Stanislaw Tillich, sächsisches Umweltbewusstsein zu propagieren.
Antje Hermenau ist gerade 9000 Kilometer weit gereist, als sie sich plötzlich in der DDR wähnt – und, was sie noch viel mehr irritiert: in ihrer Kindheit. Zwei Autostunden östlich von Vietnams Metropole Hanoi stapft die Fraktionschefin der sächsischen Grünen vorbei am Geröll einer alten Bergbauhalde. Kohlestaub hat die karg begrünte Landschaft mit einem gräulich-schwarzen Film überzogen. Es ist ein Bild, als habe jemand den Farbfilm vergessen. In dem Augenblick dreckiger Tristesse fühlt sich die 46-Jährige an die Tage ihrer Kindheit im Süden von Leipzig, dem DDR-Braunkohlerevier, erinnert: »Wir sagten damals immer: Wir fahren raus auf’n Mars zum Spielen.«
Vietnams aktuelle Mars-Landschaft liegt in der nördlichen Provinz Quang Ninh. Dort fördert das wirtschaftlich aufstrebende Land gewaltige Mengen Steinkohle, seine wichtigste Energiequelle. Der Bergbau hat die Natur nachhaltig verschandelt und auch vergiftet: Mit Schwermetallen belastetes Minenwasser wird ungefiltert aus dem Stollen gepumpt – und fließt ausgerechnet in die nahe gelegene Halong-Bucht, Vietnams Naturschönheit mit Welterbe-Status, die schon mehrfach als spektakuläre Kulisse für James-Bond-Filme diente. Das ist in etwa so, als würde Dresden den Zwinger als Müllkippe nutzen.
Der Ort, an dem die Rettung der Natur beginnen soll, könnte kaum unscheinbarer sein. Zur Feier des Tages wurde ein Zelt mit farbigen Wimpelketten auf eben jener Halde aufgeschlagen, die Antje Hermenau ihr DDR-Déjà-vu beschert hat. Gleich daneben stehen sie, die Objekte zukunftsweisenden sächsischen Ingenieurstolzes: zwei begrünte Becken. Nanu? Ein Freibad, das man im Rohbau hat verwildern lassen? »Nein«, verkündet André Gerth, »das ist Vietnams erstes künstliches Feuchtgebiet!«
Gerths Leipziger Firma Bioplanta hat diese Anlage errichtet, die hier seit wenigen Monaten saures Haldensickerwasser reinigt. Der 47-Jährige weiß, er muss den Besichtigungstermin auflockern; seine Rede von der »Kombination aus Kalksteindrainage und Kompostauflage mit horizontal durchströmtem bepflanztem Kiesfilter« klingt nun mal nicht aufregend. Also erzählt Gerth von der Hundefleischsuppe, die er auslöffeln musste, um das Vertrauen seiner vietnamesischen Geschäftspartner zu gewinnen. Bei dieser Mahlzeit, so heißt es, gehe die Weisheit und Schnelligkeit des Tieres auf den Menschen über.
Hinterher ist man klüger – das ist, salopp gesagt, auch die Botschaft, mit der Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) am vergangenen Freitag für sechs Tage nach Vietnam gereist ist; an der Spitze einer etwa 60-köpfigen Delegation aus Unternehmern, Wissenschaftlern, Landtagsabgeordneten und Journalisten. Die Sozialistische Republik will mit Wachstumsraten von fast zehn Prozent jährlich in naher Zukunft zu den Industrieländern aufschließen. Doch ist ihr der Freistaat um eine wertvolle Erfahrung voraus: »Wir wissen aus den vergangenen 20 Jahren, wie man eine zerstörte Umwelt sanieren und gleichzeitig leistungsfähig produzieren kann«, sagt Tillich seinen Gesprächspartnern in Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon). Es ist der Versuch, allerlei sächsische Umwelttechnik nach Vietnam zu exportieren. In ein turbokapitalistisches Land, das sich gerade zaghaft erste Naturschutzgesetze verordnet hat.
»Ich kann Sie nur dazu beglückwünschen, dass Sie mehr in die Umwelt investieren wollen«, sagt Tillich zum Vize-Generaldirektor des Bergbaukonzerns Vinacomin mit 130.000 Mitarbeitern, der in Quang Ninh die Kohleminen betreibt. Es ist kein Satz, den Sachsens Premier vom Redemanuskript abliest; aus Tillich spricht spontane Erschütterung. Direkt neben dem Bergwerk hat er Menschen erblickt, die dort wohnen und dieses Leben nur noch mit Mundschutz ertragen - während die Luft in ihrem Garten die Salatbeete schwärzt.
Aus einem Kohlekraftwerk, an dem der Regierungschef vorbeikommt, steigt dicker Qualm – in dem Moment fühlt auch Tillich sich an seine Jugend in der DDR erinnert: Als Praktikant eines Getriebewerks in Coswig bei Dresden beobachtete er, wie gelbe Schwaden aus der benachbarten Walzengießerei entwichen. Man hatte einfach die Filter geöffnet und den Dreck ins Freie gelassen. Nicht nur mit Rekultivierung, sondern auch mit Umweltsauereien kennt man sich in Sachsen bestens aus.
- Datum 31.03.2011 - 09:47 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 31.3.2011 Nr. 14
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