Zu den Lektionen des an politischen Lehrstücken überreichen Frühjahrs 2011 gehört die Einsicht, dass Banken und Parteien viel mehr Gemeinsamkeiten aufweisen, als man ihnen üblicherweise zugesteht. Wie man Bankhäuser als Kapitalsammelstellen definiert, aus deren Fundus die Unternehmen sich nötige Mittel für neue Projekte besorgen, sollte man Parteien als Kollektoren für die psychopolitischen Kapitale begreifen, in denen die Populationen moderner Nationalstaaten ihre Optionen für die künftige Gemeinwesengestaltung deponieren: als Zornsammelstellen, als Furchtsammelstellen, als Hoffnungssammelstellen. Ist dies erst zugestanden, so versteht man, wie es eben nicht nur zum Phänomen des Bankenkrachs, sondern auch des Parteienkrachs kommen kann: Letzterer tritt ein, wenn eine Partei allzu lange die Pflege des psychopolitischen Eigenkapitals vernachlässigt und ihre Geschäfte nur noch mit Illusionspapieren betrieben hat.

Die Freien Demokraten haben ihr ideologisches Eigenkapital verspielt

Dies lässt sich zur Stunde an der Implosion der deutschen Liberalen beobachten. Ohne Zweifel haben die Freien Demokraten ihr ideologisches Eigenkapital im Rausch eines spekulativen Jahrzehnts verspielt. Sie haben den psychopolitischen Markt nicht mehr verstanden und sich in gefährliche Derivatgeschäfte mit den Enttäuschungen der anderen gestürzt, ohne sich ernsthaft auf die Aufgabe einzulassen, die eignen Werte zeitgerecht zu aktualisieren. Zu spät hat die Geschäftsführung die Wende zu einem »mitfühlenden Liberalismus« dekretiert, als die Partei selbst schon zu einem Objekt des Mitgefühls durch Dritte geworden war. Eine verblüffte Öffentlichkeit lernt nun, dass nicht nur überschuldete Banken unter Rettungsschirme gestellt werden können. Auch notleidende Parteien melden mit einem Mal ihr Interesse an einem Bail-out-Verfahren durch das politische Gemeinwesen im Ganzen an. Vieles spricht dafür, dem Partner in der Krise die nötigen Hilfen zu gewähren. Für den politischen Liberalismus gilt die Maxime too important to fail, selbst wenn es für too big to fail nicht reicht. Die Hilfe ist aber an Bedingungen geknüpft, die künftig vom Klienten zu erfüllen sind.

Sollte es je zu einer intellektuellen Regeneration des politischen Liberalismus kommen, sie müsste von der Erkenntnis ausgehen, dass Menschen nicht nur habenwollende, giergetriebene, süchtige und brauchende Wesen sind, die freie Bahn für ihre Mangelgefühle und ihren Machthunger fordern. Sie tragen ebenso das Potenzial zu gebenwollendem, großzügigem und souveränem Verhalten in sich. Dieser Hinweis war nie so wichtig wie gegenwärtig. Nie zuvor haben Begriffe wie »liberal« oder gar »neoliberal« eine so niederträchtige Konnotation angenommen wie in den letzten Jahren. Noch nie war das liberale Denken, vor allem in unserem Land, so weit vom vornehmen Pol der menschlichen Möglichkeiten entfernt. Noch nie hat man die Freiheit so eng und so fatal mit der Besessenheit der Menschen von dem Gier-Stress in Verbindung gebracht. Aber was beweist das? Nichts anderes, als dass die Sache der Liberalität zu wichtig ist, als dass man sie den Liberalen allein überlassen dürfte. Diese Einschränkung betrifft nicht nur eine einzelne Partei. Die Sache des Realen und seiner Reform ist zu wichtig, als dass man sie Parteien überlassen könnte. So ist die Sorge um die kulturelle Tradition zu umfassend, als dass man sie bloß Konservativen anvertrauen dürfte. Die Frage nach der Bewahrung der Umwelt ist zu bedeutsam, als dass man sie nur ins Ressort der Grünen überweisen sollte. Die Suche nach sozialem Ausgleich ist zu anspruchsvoll, als dass man Sozialdemokraten und Linken die alleinige Verantwortung dafür übertragen könnte. Doch braucht jedes dieser elementaren Motive eine parteiliche Hauptstimme.

Was die Verteidigung der Freiheit angeht, so ist sie ein Projekt, das nicht ohne Partei und nicht ohne Parteilichkeit auskommt. Wer von der Freiheit etwas erfahren hat, weiß, dass es weiterhin darum geht, die beiden primären Tyranneien zurückzudrängen, die von alters her das menschliche Dasein deformieren: diejenige, die das Gesicht eines Despoten trägt, und die anonyme, die sich als jeweils herrschende Form des Notwendigen aufzwingen möchte. Wir müssen uns mit der Tatsache zurechtfinden, dass uns die Wirklichkeit stets als ein umfassendes Stress-Konstrukt umgibt. Die bekennenden Realisten haben recht, wenn sie auf der Verpflichtung zum Wirklichkeitssinn bestehen. Die wahren Liberalen fügen den Möglichkeitssinn hinzu: Sie erinnern uns daran, dass wir nicht wissen können, was alles noch möglich wird, wenn Menschen Wege finden, sich aus den kollektiv verfertigten Zwangskonstruktionen zu lösen. Ebendarum ist die aktuelle Welt so grenzenlos erstaunlich. Illiberalen Rückschlägen zum Trotz vollziehen sich in ihr, wie nie zuvor, unzählige Infiltrationen aus dem anderen Zustand, aus der Loslösung, aus der Leichtigkeit des Seins – Infiltrationen, die in die Strukturen des Bestehenden erhöhte Freiheitsgrade tragen. Wir verteidigen die Sache der Freiheit, indem wir daran arbeiten, das Wort Liberalismus, das leider zur Stunde eher für ein Leben auf der Galeere der Habsucht steht, wieder zu einem Synonym für Generosität zu machen – und das Wort Liberalität zu einer Chiffre für die Sympathie mit allem, was Menschen von Despotien jeder Art emanzipiert.

Der Autor ist Professor für Philosophie und Medientheorie und Rektor an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Zuletzt erschien von ihm »Die nehmende Hand und die gebende Seite« (Suhrkamp)

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