DIE ZEIT: Herr Lorenz, freuen Sie sich schon auf den Tag, an dem Sie Ihr Amt als Programmdirektor hinter sich haben und sich nichts mehr von dem ansehen müssen, was Sie jetzt täglich auf Sendung gehen lassen?

Wolfgang Lorenz: Schon diese erste Frage ist eine Gemeinheit. Erstens schaue ich mir gerne an, was wir senden – jedenfalls überwiegend. Und zweitens bin ich voll im Geschäft und mache das bis zum letzten Tag, so als wäre ich noch zehn Jahre im Amt.

ZEIT: Leidet ein kultivierter Mensch nicht ungeheuer an diesem Programmangebot?

Lorenz: Warum sollte ich leiden? Das ist Ihr selektiver Blick des Feindes, der sich das herauspickt, was ihm nicht gefällt. Das, was an Qualität da ist, beispielsweise der Kulturmontag, kreuz und quer oder die Donnerstagnacht, das wird als ohnehin vorhanden vorausgesetzt. Wenn ich mir all das ansehe, so füllt das mein kulturelles Mütchen durchaus mit Wonne. Das hat niemand in Europa. Und das bei steigendem Marktanteil.

ZEIT: Das ist ein wenig schönfärberisch. Es gehen doch eine Menge Programme auf Sendung, bei denen man sich vor Schmerzen windet, so dumm ist das Zeug.

Lorenz: Das ist doch ganz klar, da öffentlich-rechtlicher Rundfunk ein Abbild der Gesellschaft ist. Er entspricht dem Zustand der Gesellschaft, der insgesamt unbefriedigend ist. Insofern gebe ich Ihnen recht, dass der Spiegel nicht so glatt geputzt ist. Nur muss man dann eine gesellschaftspolitische Diskussion führen und nicht eine darüber, ob das ORF-Programm im Detail schwächelt. Nicht einmal die Politik versteht, was öffentlich-rechtlicher Rundfunk bedeutet. Er bedeutet nämlich nicht politisch korrekter Rundfunk, sondern er verlangt, im Auftrag der Gesellschaft für die Gesellschaft Programm zu produzieren. Und dabei muss man sich am Auftraggeber orientieren, der mitunter so aussieht, wie es Ihnen und mir nicht gefällt.

ZEIT: Heißt das nun, in diesem gesellschaftlichen Umfeld muss Unterhaltung in einem Massenmedium so strohdumm sein, wie sie ist, damit sie überhaupt funktioniert?.

Lorenz: Die Unterhaltung, die wir produzieren, ist nicht strohdumm, sondern in vielen Teilen sehr gefällig. Unterhaltung, die nicht gefällt, führt sich aber selbst ad absurdum.

ZEIT: Sie muss so sein?

Lorenz: Sie muss so sein, wollen wir nicht charaktervoll und erhobenen Hauptes untergehen und das Feld des Boulevards den Privaten kampflos überlassen. Klar ist es fatal, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit einem Bein am Markt und mit dem anderen im akademischen Milieu aufzustellen. Aber so, wie es ist, können wir die Rechnung nicht ohne den Wirt machen.

ZEIT: Wer wäre da jetzt der Wirt?

Lorenz: Das Publikum. Wir sind angehalten, auch Geld am Markt zu verdienen, sonst sterben wir. Wir sind ja nicht durch Gebühren ausfinanziert, sondern wir haben ein starkes Standbein in der Wirtschaft. Und dort herrscht Konkurrenz. Natürlich ist ein von Intellektuellen bejubelter Sender machbar. Der wäre aber nur eine Marginalie. Ich habe jedoch keine Lust, darüber nachzudenken, wie der ORF die Privaten lediglich ergänzen könnte. Die Schnittstellen nehmen nicht zuletzt deshalb zu, weil das Publikum das Match entscheidet. Es bewegt sich in guten Teilen dorthin, wo wir es uns nicht hinwünschen. Doch dieses Problem ist eher durch eine strikte Haltung des ORF zu beantworten denn durch Unterhaltung. Ich glaube noch immer, dass es keine einzige Sendung im ORF gibt, von der man sagen könnte, sie wäre im Set des Gesamtprogrammes öffentlich-rechtlich unverträglich.

ZEIT: Heißt das, die Konkurrenz erzwingt eine Abwärtsspirale, in der die Standards erodieren?

Lorenz: Gar nicht. Es ist ja nicht so, dass die Privaten von ihrer Befähigung her nichts anderes zusammenbrächten als eben Schweinestallfernsehen...

ZEIT: Also agieren sie zynisch?

Lorenz: Ich würde sagen, sie bewegen sich am Markt. Privates Fernsehen findet statt, um Profit zu erwirtschaften. Und das macht es mittlerweile mit großem Geschick.