Im Gegenzug leistete das Renommierorchester die Hauptarbeit der musikalischen Außenrepräsentation des NS-Staates. Um diese Arbeit auch in Kriegszeiten ohne Abstriche weiterführen zu können, bewahrte Goebbels die Musiker mittels Unabkömmlichstellung bis Kriegsende kollektiv vor dem Einzug in die Wehrmacht.

Mit Kriegsbeginn nahm die Reisetätigkeit der Berliner rasant zu. Zwischen 1940 und 1944 war die Zahl der Auslandskonzerte bis zu dreimal so hoch wie in Vorkriegszeiten. Das Orchester lieferte je nach Anlass die Begleitmusik zum deutschen Kanonendonner in den eroberten Gebieten oder es beschwichtigte in neutralen Staaten mit seinen Schalmeienklängen.

Den Wienern war das Tournee-Monopol ihrer Berliner Kollegen ein Dorn im Auge. »Wären die Berliner Philharmoniker gefahren, hätte es das Propagandaministerium gezahlt, wir sollen es aber selber zahlen«, vermerkt etwa das Protokoll im April 1943, drei Monate nach der Katastrophe von Stalingrad, als es darum ging, einen Finanzier für eine Konzertreise nach Schweden zu finden.

In der Regel fehlte für ausgedehnte Reisen das Budget. Gauleiter Schirach verfügte nicht über die finanziellen Mittel von Goebbels. Dennoch beschützte er seine Philharmoniker nach dem Vorbild des Propagandaministers. Er erlangte für das Orchester ebenfalls eine bis Kriegsende geltende Unabkömmlichstellung. Zum 100. Geburtstag des Orchesters ließ er kurzerhand einen Teil der Wiener Augustinerstraße in Philharmonikerstraße umbenennen. Während der Jubiläumskonzerte der Philharmoniker waren alle anderen Orchesterveranstaltungen verboten. Die Musiker dankten es ihm, indem sie ihrem Protektor den Ehrenring des Orchesters verliehen oder auf Schirachs privaten Empfängen unentgeltlich aufspielten.

Die unterschiedliche Instrumentalisierung der beiden rivalisierenden Orchester erklärt sich aus ihren unterschiedlichen politischen Referenzen: hier der private Umgang der Wiener mit dem höchsten NS-Repräsentanten in Wien, dort das gegenseitige Abhängigkeitsverhältnis zwischen den Berlinern und dem für die reichsweite Propaganda zuständigen Minister. Damit gingen auch Unterschiede in den musikästhetischen Zuschreibungen einher. Wilhelm Furtwängler, dirigierende Zentralgestalt beider Orchester, betonte 1942 anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Wiener Philharmoniker: »Den Grund zu Ihrer Ausnahmestellung sehe ich darin, dass die Philharmoniker ausschließlich ein Wiener Orchester sind.«

In Berlin hingegen musiziere man nicht berlinerisch, sondern »deutsch«, so Furtwängler. Auch der damalige Orchestervorstand Wilhelm Jerger sah den spezifischen Klang der Wiener Philharmoniker an der Donau verwurzelt: »Es ist ein Herauswachsen aus dem Boden Wiens, aus altem Erbboden, dessen Musikalität ja sprichwörtlich ist!« Demgegenüber stellte der einflussreiche Berliner Musikschriftsteller Oswald Schrenk die Berliner Philharmoniker 1943 ausdrücklich in den Kontext des Staates: Sie seien die »bedeutendsten musikalischen Kulturträger des Großdeutschen Reiches« und hätten »der deutschen Sache unermessliche Dienste« geleistet.

Die Politisierung der Wiener und Berliner Philharmoniker im Nationalsozialismus weisen jedoch Gemeinsamkeiten auf. An dem hohen Anteil an NSDAP-Mitgliedern lässt sich bei beiden Orchestern große Loyalität mit dem Regime ablesen. Vor allem bei den Wienern war der Anteil exorbitant hoch: Zählt man die Mitgliedschaften bei parteinahen Organisationen dazu, machten Parteiangehörige mit 47 Prozent fast die Hälfte des gesamten Orchesterpersonals aus. 25 Musiker, ein knappes Viertel, waren überdies sogenannte Illegale, die den Nazis schon während des Verbots der NSDAP im Ständestaat die Treue gehalten hatten. Demgegenüber war der Anteil bei den Berliner Philharmonikern mit rund 20 Prozent NSDAP-Mitgliedern deutlich geringer.

Der folgenschwerste Aspekt ihrer Politisierung liegt bei beiden Orchestern jedoch in den Ausschlüssen der jüdischen Orchestermitglieder. Um ein Kollabieren des Orchesterbetriebs zu verhindern, griffen die Behörden mitunter zwar bei beiden Orchestern auf Sondergenehmigungen zurück, die Musikern ausgestellt wurden, wenn sie nur teilweise jüdischer Herkunft oder aber mit jüdischen Frauen verheiratet waren. Für die Orchestermitglieder jüdischer Herkunft gab es jedoch in beiden Orchestern keinen Platz mehr. Bei den Berliner Philharmonikern mussten die vier jüdischen Mitglieder das Orchester bis zur Spielzeit 1935/36 verlassen und wurden in die Emigration gezwungen – doch die Geschäftsführung der Berliner ließ bei der Durchsetzung der Ausschlüsse zumindest eine Verzögerungstaktik erkennen.

Aus den Reihen der Wiener Philharmoniker wurden 1938 hingegen gleich 15 Orchestermusiker vertrieben, großteils aus »rassischen« Gründen, in wenigen Fällen aber auch aufgrund ihrer politischen Vergangenheit. Die Flucht gelang den jüdischen Mitgliedern der Wiener Philharmoniker nur teilweise: Sieben wurden in den Konzentrationslagern ermordet oder starben bei Verhaftung oder Deportation. Nach Hinweisen auf eine Anteilnahme am Schicksal der jüdischen Kollegen, geschweige denn auf Rettungsversuche seitens des Orchesters, sucht man in den Protokollbüchern der Wiener Philharmoniker allerdings vergeblich.

Der Autor wurde in der Schweiz geboren und lebt als Historiker und Journalist in Wien. Diese Woche erscheint seine Studie «Politisierte Orchester. Die Wiener Philharmoniker und das Berliner Philharmonische Orchester im Nationalsozialismus.« (376 Seiten, 39 Euro) im Böhlau-Verlag.