Repressionen in China Klärt das auf!

Die Verhaftung des chinesischen Künstlers Ai Weiwei wird zum Testfall, wie die deutsche Kulturpolitik mit totalitären Regimen umgehen soll.

Ai Weiwei im Hof seines Hauses in Peking. Dort saß er während eines von der Regierung verhängten Hausarrestes im Herbst 2010 fest.

Ai Weiwei im Hof seines Hauses in Peking. Dort saß er während eines von der Regierung verhängten Hausarrestes im Herbst 2010 fest.

Guido Westerwelle konnte mit sich zufrieden sein. Er war nach Peking geflogen, hatte dort stolz eine große Kunst- und Kulturausstellung eröffnet, bestückt mit 600 Werken aus Berlin, München und Dresden, hatte dann am Samstag noch eine Rede gehalten, in der er die Ideale der Aufklärung hochhielt und zugleich China bescheinigte, »in den letzten Jahrzehnten beim Schutz der sozialen Menschenrechte seiner Bürger wichtige Fortschritte gemacht« zu haben. Doch kaum war er weitergereist, nach Japan, ließ die chinesische Regierung den weltbekannten Künstler und Bürgerrechtler Ai Weiwei verhaften und wegsperren.

Ein Eklat, ein Schock, ein unerhörter Vorgang. Nicht nur Westerwelle wurde düpiert, auch die deutschen Museen fühlen sich von den Chinesen vorgeführt. Gemeinsam mit Kollegen aus Peking hatten sie sieben Jahre lang daran gearbeitet, eine Ausstellung über die »Kunst der Aufklärung« vorzubereiten. Natürlich wussten sie, wie heikel es sein würde, eine solche Schau über die Zeit der geistigen Befreiung ausgerechnet im Nationalmuseum zu zeigen, direkt am Platz des Himmlischen Friedens, auf dem 1989 die Studentenrevolte ein tödliches Ende fand. Doch sie hatten den Dialog beschworen, hatten gehofft, den Wertewandel in China ein klein wenig vorantreiben zu können.

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»Ais Verhaftung ist ein harter Schlag«, sagt Michael Eissenhauer, der als Generaldirektor in Berlin die Staatlichen Museen leitet. »Es ist an der Grenze des Ertragbaren.« Kaum war er in Deutschland gelandet, erreichte ihn die Nachricht, dass der Künstler, dessen Frau und auch Teile seines Teams abgeführt worden waren. »Das widerspricht allem, worum es in unserer Ausstellung geht. Es ist eine große Enttäuschung.« Von einem Scheitern allerdings will Eissenhauer nichts wissen. »Die Verhaftung belegt ja gerade, wie wichtig eine solche Ausstellung ist.«

Hätte den deutschen Museen also nichts Besseres passieren können? Liefert ihre Ausstellung jetzt den Debattenstoff, den sich die Direktoren wünschen? Die halbe Kulturwelt diskutiert mittlerweile, ob und wie man mit repressiven Staaten zusammenarbeiten sollte. Ist es verwerflich, in einer Ausstellung die Freiheit der Kunst zu preisen und ein eigenes Kapitel über die westliche Gegenwartskunst zu zeigen, wenn zugleich viele chinesische Gegenwartskünstler geknebelt werden? Oder ist es das einzig Richtige, was ein Museum tun kann, um verbrecherische Systeme aufzuweichen?

Alexander Ochs gehört zu den System-Erweichern. Seit Jahren schon pendelt er zwischen Berlin und Peking, an beiden Orten betreibt er seinen Kunsthandel. Auch Ai Weiwei wird von seiner Galerie vertreten. Er weiß sehr genau, wo in China die Grenzen der Meinungsfreiheit verlaufen – und findet, dass die deutschen Museumsdirektoren diese Grenze fast schon duckmäuserisch akzeptiert hätten. »Warum haben sie sich nicht viel deutlicher geäußert?«, fragt er erbost. »Warum haben sie ihre Ausstellung nicht auch dafür genutzt, über das Schicksal von Bürgerrechtlern wie Ai Weiwei offen zu diskutieren?«

Auch Michael Lackner, ein hoch angesehener Sinologie-Professor aus Erlangen, ist auf seine freundliche Art deutlich verärgert. Er habe sich schon gewundert, sagt er, wie geschmeidig die deutschen Museumsmänner in Peking aufgetreten seien – »wie Kulturfunktionäre im Umgang mit Kulturfunktionären«. Vor allem hätte er sich gewünscht, dass die Ausstellungsmacher sich stärker auch für das Rahmenprogramm eingesetzt hätten. Dort sollte in diversen Foren und Salons darüber diskutiert werden, inwieweit die Ideale der Aufklärung heute noch tragen und welche Bedeutung sie für ein Land wie China haben. Lackner hat dieses Programm mit geplant, finanziert wird es von der Mercator-Stiftung. Die Museen aber hätten sich dafür kaum interessiert, sie hätten die Stiftung sogar »im Stich gelassen«. Offenbar wollte man möglichen Konflikten aus dem Weg gehen.

Tatsächlich gab es bei der Vorbereitung der Foren und Salons einige Unstimmigkeiten. »Die Chinesen wollten partout keine Amerikaner dabeihaben«, erzählt Lackner. Selbst Tu Weiming, der Professor in Harvard war und heute wieder in Peking über Konfuzius forscht, darf im Rahmenprogramm der Ausstellung nicht auftreten. Das eigentliche Problem sei aber, sagt Lackner, dass nun viele der Vorträge und Diskussionsrunden »in der babylonischen Knechtschaft des Nationalmuseums stattfinden«. Schon während der Planung erwog er, sich aus dem Projekt zurückzuziehen. »Auch jetzt bin ich kurz vor dem Absprung.« Stets kämen die Chinesen in letzter Minute mit irgendwelchen Änderungswünschen, von einem offenen, freien Austausch könne kaum noch die Rede sein. Auch da würde er sich von den deutschen Museen mehr Widerstand wünschen.

Martin Roth kann die Kritik nicht verstehen, in bitteren Tönen weist er sie zurück. »Wie soll das denn anders laufen, in einem Land wie China?« Roth leitet die Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden und kooperiert seit Jahren mit chinesischen Ausstellungshäusern. »Niemand kann doch im Ernst meinen, man könne den Chinesen lauthals unseren Wertekanon diktieren, noch dazu im Nationalmuseum.« Schwer erbost ist er darüber, dass manche Journalisten weniger über seine Ausstellung als über Menschenrechtsfragen geschrieben hätten. »Fast niemand hat nach Kant gefragt, alle wollten nur über Spengler sprechen.«

Leser-Kommentare
    • joG
    • 07.04.2011 um 14:46 Uhr

    ....um es zu wagen die internen Angelegenheiten des Landes wirklich zu konfrontieren, wird man sagen. Wer vor Libyen einknickt, wird es kaum mit China ernsthaft aufnehmen.

    Warum auch? China setzt keine Bomber gegen Wei Wei ein. Die Libyer wurden wenigstens niedergemäht. Da hat man hier ja auch nichts gemacht als moralisch heiße Luft. Sie behandeln ihn nach den Maßgaben ihres Rechtssystems. Das ist mehr als man in einigen Fällen über uns sagen kann. Wenn ich an die Rückführungen der Bootsmenschen oder die Verschiebung der Piraten in afrikanische Gefängnisse denke, an Kurnatz...

    • hagego
    • 07.04.2011 um 14:54 Uhr

    Ihre Schlusssätze, Hanno Rauterberg ("Es bleibt also nur der unschuldig-schuldige Weg – und die hoffende Verwunderung darüber, dass in China die Kunst und die Künstler noch etwas gelten. Sonst müsste sie ja niemand unterdrücken."), treffen ins Schwarze. Leider - muss man wohl sagen. Aber Kunst, zumal gute Kunst, ist ebenfalls nie nur eindimensional. Sie ist, wenn sie vor der Zeit vorausläuft - und nicht dem Zeitgeist hinterherhechelt - oft umstritten, Angriffen ausgesetzt oder gar unverständlich.

    Und wenn sich dann noch die Politik einmischt, wird das Szenario eher noch unübersichtlicher, weil jetzt Diplomatie und (vermeintliche) Kunstfreiheit aufeinandertreffen. Entweder bleibt dabei die Diplomatie auf der Strecke oder aber die Kunst. Kein Maler, kein Bildhauer oder irgendein anderer Künstler strebt das "politisch-korrekte" Arbeiten an. Sondern er sucht nach Farben, Formen und anderen Möglichkeiten, um genau das auszudrücken, was sein Anliegen ist. Sein "Anliegen" kann es aber nicht sein, dem "Wohlgefallen" einen Dienst zu erweisen. Kunst ist - sui generis - frei, obwohl auch sie in Unfreiheit geboren werden kann.

    Die "Aufklärung" hängt genau an "richtiger Stelle": In China.

    -

    Freiheit für Ai Weiwei!

  1. Wenn Sie denken, Ai Weiwei hätte das chinesische Regime wirklich gefährdet, dann sind Sie zu naiv.

    Ein absolutes Tabuthema in China ist z.B. das Tiananmen-Massaker von 1989. Wer auch nur das Wort benutzt, der landet sofort im Gefängnis. Ai Weiwei ließ bisher seine Finger davon.

    Was Ai Weiwei bisher gemacht hat, ist eher, sich in Angelegenheiten einzumischen, die sowieso schon durch andere aufgedeckt wurden (Beispiele Erdbeben, Qian Yunhui, Yang Jia).

    Was seine Kunst angeht, also Stinkfinger, nackte Körper zeigen, "Fuck" auf die Brust schreiben, Rock heben, Vase fallen lassen, das ist alles ja wirklich sehr "regimekritisch". Ich glaube, die chinesische Regierung lacht eher darüber.

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    das waere sicher die angemessene Reaktion, aber offenbar tun sie es nicht!

    Ich hoffe wirklich das diese Farce nicht ein schlechtes Vorzeichen ist, fuer den kommenden Regierungswechsel. Es heisst Li Keqiang, waere liberaler als Hu Jintao, aber er hat sowieso nichts zu sagen.
    Mal sehen wie sich das Ganze entwickelt, ob nur ein paar Neulinge ihre Macht demonstrieren wollen, oder ob China schon zu viel Selbstvertauen getankt hat.

    mfg

    • joG
    • 07.04.2011 um 16:17 Uhr

    ...könnten ist, dass kleine Dinge (Flügelschlag des berüchtigten Schmetterlings in China) ein ungeahntes Unwetter auslösen kann. Da hat die Selbstverbrennung, etwas seltenes aber kaum einmaliges, eingesessene Diktaturen ins Wanken und zum Sturz gebracht. Ich denke, die Chinesen haben recht, wenn sie ihr System als zerbrechlich ansehen; stark aber zerbrechlich wie Glas.

    das waere sicher die angemessene Reaktion, aber offenbar tun sie es nicht!

    Ich hoffe wirklich das diese Farce nicht ein schlechtes Vorzeichen ist, fuer den kommenden Regierungswechsel. Es heisst Li Keqiang, waere liberaler als Hu Jintao, aber er hat sowieso nichts zu sagen.
    Mal sehen wie sich das Ganze entwickelt, ob nur ein paar Neulinge ihre Macht demonstrieren wollen, oder ob China schon zu viel Selbstvertauen getankt hat.

    mfg

    • joG
    • 07.04.2011 um 16:17 Uhr

    ...könnten ist, dass kleine Dinge (Flügelschlag des berüchtigten Schmetterlings in China) ein ungeahntes Unwetter auslösen kann. Da hat die Selbstverbrennung, etwas seltenes aber kaum einmaliges, eingesessene Diktaturen ins Wanken und zum Sturz gebracht. Ich denke, die Chinesen haben recht, wenn sie ihr System als zerbrechlich ansehen; stark aber zerbrechlich wie Glas.

  2. mal wieder an der Grenze des Erträglichen und kurz vor dem Absprung...
    Aber langsam reift Erkenntnis:
    "Niemand kann doch im Ernst meinen, man könne den Chinesen lauthals unseren Wertekanon diktieren.."

    Im Übrigen halte die Devisenvergehen bei einem weltweit vermarkteten "Künstler" für gar nicht so ausgeschlossen, wobei ich nicht unbedingt Vorsatz unterstellen will.
    Und China nimmt eben keine Rücksicht auf Promistatus im Westen, jedenfalls keine wohlwollende.

  3. hehehe schon wieder son Journaillen-Witz.
    Der Ochs als Revolutionär.
    "Aufklärung tut Not" hat der gesagt.
    Genau, Herr Ochs, Sie machen Ihrem Namen alle Ehre.

  4. das waere sicher die angemessene Reaktion, aber offenbar tun sie es nicht!

    Ich hoffe wirklich das diese Farce nicht ein schlechtes Vorzeichen ist, fuer den kommenden Regierungswechsel. Es heisst Li Keqiang, waere liberaler als Hu Jintao, aber er hat sowieso nichts zu sagen.
    Mal sehen wie sich das Ganze entwickelt, ob nur ein paar Neulinge ihre Macht demonstrieren wollen, oder ob China schon zu viel Selbstvertauen getankt hat.

    mfg

    Antwort auf "zu naiv"
    • joG
    • 07.04.2011 um 16:17 Uhr

    ...könnten ist, dass kleine Dinge (Flügelschlag des berüchtigten Schmetterlings in China) ein ungeahntes Unwetter auslösen kann. Da hat die Selbstverbrennung, etwas seltenes aber kaum einmaliges, eingesessene Diktaturen ins Wanken und zum Sturz gebracht. Ich denke, die Chinesen haben recht, wenn sie ihr System als zerbrechlich ansehen; stark aber zerbrechlich wie Glas.

    Antwort auf "zu naiv"
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    • TDU
    • 09.04.2011 um 11:13 Uhr

    Diese Auffassung, Ihrem Sinn gemäß, China sei stark aber zerbrechlich, wird im Westen seit 40 Jahren gepflegt und war Rechtfertigung für das totalitäter System Maos und die Kulturrevolution.

    Bob Dylan musste eine Songliste vorlegen und durfte einiges nicht spielen. Wie wärs denn, wenn das System mal den Menschen vertrauen würde, statt immer zu tun, als seien die eine dumme Masse, der man sogar das Mass der akzeptablen Kultur vorkauen müsste.

    Und man sollte Innenpoltik mit Innenpoltik und Kunst mit Kunst vergleichen. Sitzen hier Schriftsteller oder Künstler im Gefängnis ob die reich sind oder nicht? Muss hier den Behörden eine Songliste vorgelegt werden?.

    Happening und Fluxus, der Tabubruch der Endsechziger Jahre, hat statt gefunden, ohne Gefängnisse und Verbote.

    Warum tut man sich so schwer? China ist ein Stück totalitär und das ändert man durch Schlecht reden des Eigenen auch nicht. Damit macht man sich eher bei den Kritikern vor Ort unglaubwürdig. Die Bemühung um Veränderung ist m. E. eben eine Gratwanderung, bei der man aber schon die genannte rote Linie einhalten sollte. Zuviel Indifferenz stärkt immer die nicht Wohlgesinnten.

    • TDU
    • 09.04.2011 um 11:13 Uhr

    Diese Auffassung, Ihrem Sinn gemäß, China sei stark aber zerbrechlich, wird im Westen seit 40 Jahren gepflegt und war Rechtfertigung für das totalitäter System Maos und die Kulturrevolution.

    Bob Dylan musste eine Songliste vorlegen und durfte einiges nicht spielen. Wie wärs denn, wenn das System mal den Menschen vertrauen würde, statt immer zu tun, als seien die eine dumme Masse, der man sogar das Mass der akzeptablen Kultur vorkauen müsste.

    Und man sollte Innenpoltik mit Innenpoltik und Kunst mit Kunst vergleichen. Sitzen hier Schriftsteller oder Künstler im Gefängnis ob die reich sind oder nicht? Muss hier den Behörden eine Songliste vorgelegt werden?.

    Happening und Fluxus, der Tabubruch der Endsechziger Jahre, hat statt gefunden, ohne Gefängnisse und Verbote.

    Warum tut man sich so schwer? China ist ein Stück totalitär und das ändert man durch Schlecht reden des Eigenen auch nicht. Damit macht man sich eher bei den Kritikern vor Ort unglaubwürdig. Die Bemühung um Veränderung ist m. E. eben eine Gratwanderung, bei der man aber schon die genannte rote Linie einhalten sollte. Zuviel Indifferenz stärkt immer die nicht Wohlgesinnten.

  5. Ai Weiweis Verhaftung ist ein offensichtlicher Vorwand, um den unbequemen Künstler vor dem Ausland fernzuhalten. Ai Weiwei ist bekanntlich kein Einzelschicksal in China. Z.B gibt es etliche andere Künstler, die gegen Chinas Regierung Kritik üben und deshalb gehindert werden, ins Ausland auszureisen, so z.B. auch Lin Yiaobo, der keine Ausreiseerlaubnis erhielt, um bei der Friedensnobelpreisverleihung teilzunehmen. Er ist auch immer noch inhaftiert. Im Bezug auf die Internetfreiheit in China verfasste Ai Weiwei prägnante Worte: „Der freie Geist ist unbezahlbar, er ist eine der Voraussetzungen für das Glück eines Menschen.“

    Ein kleines Kunstwerk von User hagego zum Thema:
    http://community.zeit.de/...

    Eine Leser-Empfehlung

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