Sie sind ein Ort zum Schmökern, Ausruhen, Chillen, ein Ort, an dem sich Freunde zum Schachspielen verabreden oder um gemeinsam Hausaufgaben zu machen. Schulbibliotheken sind das große, gemütliche Wohnzimmer einer Schule – wenn es sie denn gibt. Infolge der lauten Aufregung um Leseförderung, Sprach- und Medienkompetenz hat sich viel bewegt an Deutschlands Schulen, gerade nach den ernüchternden Pisa-Ergebnissen der vergangenen Jahre. Förderprogramme und Wettbewerbe zur Lesefitness wurden aufgelegt, viele Millionen in die technische Ausstattung der Schulen mit Computern und Internetzugängen gesteckt. Die Schulbibliotheken allerdings bekamen nur selten etwas ab. Sie sind bis heute die Verlierer im Verteilungskampf um die Bildungsinvestitionen.

»Deutschland ist in Sachen Schulbibliotheken ein Entwicklungsland«, sagt Günter Schlamp, pensionierter Schulleiter und Mitbegründer der Landesarbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken in Hessen. Gerne verweist er auf Staaten wie Dänemark, Österreich oder Portugal, in denen es selbstverständlich sei, dass eine Schule mit einer Bibliothek und der dazugehörigen Fachkraft ausgestattet sei. In den USA besitzen 90 Prozent der Schulen eine eigene Bibliothek – bezeichnenderweise fehlen für Deutschland verlässliche Zahlen. Es gibt hierzulande auch keine verbindlichen Standards: »Schulbibliothek«, das kann eine muffige Kammer mit Jugendbüchern aus den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts sein, aber auch ein heller, großzügiger Raum mit mehreren Tausend Bänden, mit PC-Plätzen und Zonen für Arbeitsgruppen.

Warum ist das so? »Es fehlt bei uns generell ein Verständnis für den Wert von Bibliotheken«, meint Schlamp. »Sie gelten als soziale Defizitausgleichstation. Hinzu kommt, dass es in Deutschland vergleichsweise gute Schulbücher gibt und viele Lehrer meinen, dass sie auf eine Bibliothek verzichten können.« Schlamp kämpft für ein verändertes Bild von Schulbibliotheken: »Wichtig ist der Raum: Ein zentraler Ort, an dem Schüler gemeinsam recherchieren, Informationen auswerten, vergleichen. Und natürlich auch eine ruhige Ecke finden. Die Bibliothek als sozialer Ort wird bei uns massiv unterschätzt.«

»Die Schüler suchen einen betreuten und geschützten Ort und wollen reden«

Frankfurt am Main, Innenstadt: Die Musterschule erhielt Anfang des 19. Jahrhunderts ihren Namen, weil sie als vorbildlich und experimentierfreudig galt. Auch heute hat das Städtische Gymnasium vielen anderen Schulen etwas voraus: eine Bibliothek, in der einiges los ist, vor allem um die Mittagszeit. »Wir nennen das aktive Mittagspause«, erzählt Philip Verplancke. Der Kulturpädagoge leitet das Nachmittagsangebot der Musterschule. »Studio_M«, wie die Schulbibliothek hier heißt, spielt dabei eine wichtige Rolle. »Die Schüler kommen hierher, um zu lesen, E-Mails abzurufen oder gemeinsam an Referaten zu arbeiten. Man merkt, dass viele einen betreuten und geschützten Ort suchen, den zu Hause vielleicht nicht alle finden. Manche suchen Kontakt, wollen reden.«

Am Vormittag können Schülergruppen die 200 Quadratmeter große Bibliothek nutzen, um Rechercheprojekte durchzuführen. Aber tun sie das auch? »Mit der ganzen Klasse ist das schwierig«, findet die Deutsch- und Geschichtslehrerin Nora Scholz. Zudem lasse die verkürzte Gymnasialzeit zu wenig Raum für solche Aktivitäten. Aber das soll sich in Zukunft ändern, nicht zuletzt weil Schüler inzwischen die Präsentation selbst recherchierter Themen ins Abitur einbringen können. »Schulleitung, Kollegen und die Mitarbeiter der Bibliothek arbeiten daran, ein Curriculum für den Methodenerwerb zu entwickeln.«

Die Finanzierung von Studio_M war ein kleines Kunststück. Sie wurde zusammengestückelt aus Mitteln des Bundes, der Stadt und Spendengeldern. Über das Ganztagsschulprogramm des Bundes konnte der Raum finanziert werden, aber kein einziges Buch. Durch verschiedene Aktionen und viel Elternhilfe kamen schließlich 40.000 Euro für die Erstausstattung zusammen. »Man bekommt so etwas wirklich nicht auf dem Teller präsentiert«, sagt Philip Verplancke. Aber die Anstrengungen haben sich gelohnt: »Die Atmosphäre an der Schule hat sich verändert. Ich beobachte manchmal, wie unsere Schüler Freunde voller Stolz durch den Raum führen.«

Der Neid der anderen ist berechtigt, denn in Frankfurt am Main ist die Einrichtung einer Schulbibliothek einfacher als in anderen Kommunen. Nicht nur, weil die Stadt wohlhabender ist, sondern auch, weil sie mit der Einrichtung der schulbibliothekarischen Arbeitsstelle (SBA) politische Prioritäten gesetzt hat. Die SBA versteht sich als Dienstleister für Schulen. Ihre Angebote reichen vom »Bücherrucksack« für ein Rechercheprojekt bis hin zur »Bibliothekarin auf Zeit«, die für mehrere Wochen vor Ort beim Aufbau oder bei der Neuorganisation einer Bibliothek Hilfe leistet.

Allerdings: Keine Stadt ist zu diesen Leistungen verpflichtet. »Es ist in Deutschland wie beim Domino Day«, sagt Birgit Lücke, »man muss eine Vielzahl von Klippen überwinden und Weichen stellen, damit die Steine in die richtige Richtung fallen.« Die Bibliothekarin aus dem westfälischen Warendorf leitet beim Deutschen Bibliotheksverband (dbv) die Kommission »Bibliothek und Schule«. Der dbv hat mit zwölf Bundesländern Kooperationsverträge abgeschlossen und wird dadurch mit seinen öffentlichen Bibliotheken zum Partner der Schulen – eine mitunter komplizierte Beziehung. »Die kommunalen Bibliotheken stehen selbst mit dem Rücken zur Wand – wie sollen sie da noch in den Schulen Regale bestücken und sie personell unterstützen?«, fragt Birgit Lücke.