Auf einmal wird einem so weit zumute, traurig auch, aber auf eine sanfte Weise, es ist eine kleine Melancholie, die einen nicht herunterzieht. Man hat schon nach den ersten Tönen vergessen, dass sie vom Tonträger kommen. Die Musiker wissen offenbar auch nichts von den Mikrofonen. Da tastet sich einer von der leeren A-Saite einer Geige, die seltsam heiser klingt, in eine schlichte Weise, und ein anderer am Flügel legt behutsam, sparsam Akkorde darunter. Aber was heißt schon schlicht, wenn diese Weise so viel Einsamkeit umfasst und so viele Farben? Moosgrün, steingrau, meerhell, man sieht aber auch bunte Punkte weiter hinten, und offenbar ist gerade die Sonne untergegangen.

Vor der Insel Lysøen westlich der norwegischen Küste sieht man sie hinter dem Meer verschwinden, und hier steht das Haus des Geigers Ole Bull, eine Märchenvilla, ein heller Traum aus skandinavischen Brettern, maurischen Bögen und russischen Zwiebeltürmchen. Bull baute sie für sich und seine Familie am Ende seines Musikerlebens. In diesem Haus befindet sich ein großer Musiksaal, und in diesem Saal haben zwei Norweger eine CD aufgenommen und Ole Bull gewidmet, einem Geiger, der die Improvisation und die Folklore seiner Heimat liebte und abgesehen davon einer der aufregendsten Interpreten des 19. Jahrhunderts war, von Robert Schumann höher als Paganini geschätzt.

Man sollte erst mal am besten gar nichts über Ole Bull wissen, denn nirgendwo wird man über diesen genialen Geist so viel erfahren wie aus der Musik, zu der sich der Geiger Nils Økland und der Keyboarder Sigbjørn Apeland von ihm haben anregen lassen. Sie spielen Stücke von Bull und improvisieren darüber, so wie sie auch Eigenes improvisieren. Es sind schlichte Facetten eines Ganzen, mit einer Sensibilität, wie nur große Musiker sie hören lassen. Von beliebigem Crossover ist das weiter entfernt als Lysøen von der Cheopspyramide, auf deren Spitze Bull an seinem 66. Geburtstag geigte. So einer war er nämlich auch, einer dieser romanreifen Virtuosen seiner Zeit, er kannte und bezauberte die Welt.

Aber sein Herz gehörte Norwegen. Ebenso gern, wie er mit Franz Liszt Beethoven aufführte, spielte er die Folklore seines Landes, er hatte immer auch eine Hardangerfiedel bei sich mit flachem Steg und langem Bogen, auf so einer spielt auch Nils Økland. Was für Farben! Er probiert darauf vieles aus, flüstert, haucht, titscht auch mal nur mit dem Bogenholz auf die Saiten, während Apeland am Harmonium schwere Wolken aufziehen lässt, und das ist so exzellent aufgenommen, dass man glaubt, die Maserung des Holzes zu sehen. Und durchs Fenster ins Weite zu blicken, wohin es Peer Gynt zog, jenen Abenteurer, zu dem Henrik Ibsen sein Förderer Ole Bull als Modell diente.

Einmal wechselt Økland zu Bulls alter Guarneri und spielt darauf einen Walzer zum Harmonium. Ein Stück von Bull, kurz und voller charakteristischer Folklorepraller, völlig vibratolos und mit liegendem Bogen gespielt, ein Tanz, aber es klingt, als sehne der Tänzer sich nach einer, die nicht da ist. Bull hat ihn einst auf einer Tournee in den USA gespielt, statt der Noten brachte er seine junge zweite Frau mit nach Norwegen, aber die Musik ging nicht verloren: Man geigte sie in Wisconsin noch hundert Jahre später, dort wurde sie wiederentdeckt. Auf dem Harmonium dieser CD spielte Sara, als ihr Mann Ole mit 70 Jahren 1880 in seinem Musiksaal starb. Hier war einer glücklich. Und wer all diese Stücke hört, begreift, dass es Glück ohne Melancholie nicht gibt. Franz Liszt sagte über Bull: »Er hat mich bewegt. Das ist mir schon lange nicht mehr passiert.«

Økland : Lysoen – Hommage à Ole Bull (ECM/Universal)