Cybermobbing"Die Schmähungen sind wie ein Tattoo"

Warum machen sich Schüler gegenseitig im Netz nieder? Der Internetforscher Urs Gasser kennt Mobbing aus eigener Erfahrung – und erklärt, was heute anders ist als früher. von 

Schüler beleidigen andere auf Lästerseiten im Internet , alles anonym, manchmal bis zur Eskalation. Ein Junge, der offline schlichten wollte, wurde zusammengeschlagen, in Berlin verabredeten sich 20 Jugendliche zu einer Schlägerei nach gegenseitigen Beleidigungen im Netz. In Frankfurt ermittelt die Staatsanwaltschaft, die Politik wird tätig – und lässt die Pöbelwebsites indizieren. Hilft das?

DIE ZEIT: Herr Gasser, Sie haben den Begriff der »Digital Natives« geprägt, der jungen Generation, die mit dem Internet aufwächst. Wie waren Sie denn als Junge?

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Urs Gasser: Ich war strebsam und zerbrechlich, beim Fußball nicht der Robusteste. An meiner Grundschule wurde ich deswegen von einer Bande von Jugendlichen gehänselt und sogar angegriffen. Einmal haben sie mein Fahrrad demoliert und in den Fluss geworfen.

ZEIT: Sie wurden gemobbt?

Gasser: Ja, und das war sehr schlimm. Ich wurde oft krank und bin zu Hause geblieben. Es war schwierig, meinen Eltern zu erklären, was auf dem Schulweg geschah, da es quasi unsichtbar war.

ZEIT: Stellen Sie sich vor, es hätte damals schon Websites gegeben, auf denen Schüler anonym über andere Schüler herziehen können.

Urs Gasser

38, ist Direktor des Berkman Center an der Harvard-Universität und auf Internetforschung spezialisiert. Er schrieb mit an dem Buch »Generation Internet«.

Gasser: Nun, einerseits hätte es die strafrechtliche Verfolgung der Bande an meiner Schule einfacher gemacht, weil es dadurch mehr Indizien gegeben hätte. Andererseits hätte es mir den Wechsel von meiner alten Schule an die neue erschwert: Dieser Schulwechsel war wie ein Neuanfang, aber heutzutage wäre das nicht so möglich. Wenn man auf Websites mit Kommentaren bloßgestellt wird, begleitet es einen die gesamte Schulzeit. Es ist wie ein Tattoo.

ZEIT: Wie wichtig ist die Identität im Netz für junge Schüler?

Gasser: Sie trennen nicht zwischen Online und Offline, Schulhof und Internet verschränken sich. Untersuchungen zeigen, dass die Opfer von Cybermobbing auch Opfer von Mobbing im echten Leben sind. Und dass 80 Prozent der Cybermobbing-Opfer die Täter persönlich kennen.

ZEIT: Das Hauptproblem bei den Lästerseiten ist also gar nicht die Anonymität?

Gasser: Genau. Die Anonymität im Netz reduziert zwar die Hemmschwelle, aber Cybermobbing basiert darauf, dass die Opfer identifiziert werden können. Das sind gezielte Äußerungen, die ein gezieltes Publikum erreichen sollen, und das lebt nicht 5.000 Kilometer entfernt, sondern im direkten Umfeld des Opfers. Sonst wäre das Ganze ja witzlos.

ZEIT: Die Kommentare auf Hetzseiten sind zum Teil sehr aggressiv und beleidigend. Beleidigender als Pöbeleien auf dem Pausenhof, oder?

Gasser: Vielleicht kompensieren die Jugendlichen beim Posten im Internet rhetorisch, dass der körperliche Kontakt wegfällt, das Herumbalgen.

Leserkommentare
  1. aber niemand wird doch gezwungen sich auf den besagten laesterseiten aufzuhalten, geschweige dort einen account zu eroeffnen und "kommentare" abzugeben. oder diese zu lesen und sich dadurch gekraengt, verletzt oder was weiss ich, zu fuehlen. und wohlmoeglich diese konflikte dann auch im "reallife" mit gewalt auszutragen.ich meine, was ich nicht weiss macht mich nicht heiss, oder?
    ein bischen tun mir diese menschen aber auch leid, die die laestern, weil sie glauben das sie besser sind und die uber die gelaestert wird, weil sie glauben das sie schlechter sind.

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    • snoek
    • 11. April 2011 9:27 Uhr

    Handlungen von Teenagern sind oft bestimmt von Gruppenzwang. Sicher gibt es ein paar unkonventionelle Jugendliche, die sich konsequent aus solchen Mobbingkampagnen heraus halten. Aber ich bin mir sicher, dass ein Großteil dies nicht tut. Schamerfüllt erinnere ich mich da an meine eigene Schulzeit.

    Cybermobbing findet auch nicht nur auf den extra dafür angelegten Seiten, auch Facebook wird genutzt, ist doch ein Facebookaccount heute Standard bei Teenagern. Das kann durch versenden von Nachrichten mit entsprechenden Inhalten geschehen, aber es ist auch möglich unter dem Namen des zu Mobbenden ein Fakeprofil anzulegen und von dort aus Schmutz quasi über sich selbst zu verbreiten. Die Facebookprofile sind untereinander verlinkt, auch klassenübergreifend, sodass Mobbing nicht nur innerhalb eines Klassen- oder Kursverbandes stattfindet, sondern ganze Schulen beteiligt werden.

    Angesichts solcher Entwicklungen bin ich froh, heute nicht mehr schulpflichtig zu sein. Die Zeiten heute sind härter für Schüler als vor 15 Jahren.

  2. Entfernt. Bitte richten Sie Fragen zur Moderation direkt an community@zeit.de. Danke. Die Redaktion/wg

    • snoek
    • 11. April 2011 9:27 Uhr
    11. .....

    Handlungen von Teenagern sind oft bestimmt von Gruppenzwang. Sicher gibt es ein paar unkonventionelle Jugendliche, die sich konsequent aus solchen Mobbingkampagnen heraus halten. Aber ich bin mir sicher, dass ein Großteil dies nicht tut. Schamerfüllt erinnere ich mich da an meine eigene Schulzeit.

    Cybermobbing findet auch nicht nur auf den extra dafür angelegten Seiten, auch Facebook wird genutzt, ist doch ein Facebookaccount heute Standard bei Teenagern. Das kann durch versenden von Nachrichten mit entsprechenden Inhalten geschehen, aber es ist auch möglich unter dem Namen des zu Mobbenden ein Fakeprofil anzulegen und von dort aus Schmutz quasi über sich selbst zu verbreiten. Die Facebookprofile sind untereinander verlinkt, auch klassenübergreifend, sodass Mobbing nicht nur innerhalb eines Klassen- oder Kursverbandes stattfindet, sondern ganze Schulen beteiligt werden.

    Angesichts solcher Entwicklungen bin ich froh, heute nicht mehr schulpflichtig zu sein. Die Zeiten heute sind härter für Schüler als vor 15 Jahren.

  3. Was bringt eigentlich all die Leute die Später "Opfer" sein werden dazu solche Seiten zu lesen und aufzusuchen ?

    Komischerweise scheint es Kinder zu geben die die Lästerseiten nicht kennen und so auch nicht wissen was dort wer über sie schreibt und so auch dafon nicht beinflust werden.

    grad bei den anonymen Seiten draucht es ja nicht nur den Täter sonder auch das Opfer das aktive auf der Seite postet und mitliest, würde es das nicht machen also nicht zus "Communety" der Seite gehören würde es die lästerreien gar nicht erst erfahrren oder einfach die Seite wechseln auf eine wo nicht Anonym gelästert werden kann.

    • tabe
    • 12. April 2011 11:54 Uhr

    Die Römer hatten ihr Kolloseum. Irgendwo muss man das abfahren, was man in sich hat, und das man von Völkerscharen abstammt, die über die Steppe gezogen sind und andere niedergemacht und aufgespiesst haben.

  4. Ich verstehe es vielmehr als ein Symbol für eine dauerhafte, irreversible Zeichnung. Wie heißt es so oft: Das Internet vergisst nicht.
    So kann man ein Tattoo auch nur begrenzt verbergen. Es bleibt bestehen. Damit auch die Schmähungen im Internet.

    Antwort auf "Ganz schlechter Titel!"
  5. Wenn ich zurückdenke, meine Schulzeit, wenn da mal Jemand ein wenig gehänselt wurde, war das schon viel. So wie heute, dass in dem extremen Mass gemobbt verprügelt ja gar totgeprügelt wird, das kann ich nicht verstehen. Was geht in diesen Köpfen ab? Haben diese Leute kein Gespür mehr dafür, wie man mit anderen umgeht? Lernen sie es einfach nicht mehr? Für mich persönlich ist es eine Selbstverständlichkeit, dass ich Mitmenschen achte, ja auch im Internet (Chatten, Foren ect.) ich sehe nicht ein warum ich jemanden mobben sollte, warum aus Spass oder...? Wie ich auch drüber nachdenke, und mich da reinzuversetzen versuche, ich kann es nicht nachvollziehen. Mobbing scheint heutzutage ein ganz normaler "Sport" zu sein. Das ist abartig. Da stimmt ganz vieles nicht mehr. Und da muss man einiges ändern. Wie soll das denn sonst noch werden zukünftig?

  6. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf werbliche Einträge. Danke. Die Redaktion/er

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  • Schlagworte Internet | Jugendliche | Mobbing | Opfer | Schlägerei | Schule
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