Raumfahrt Held des Himmels
Vor fünfzig Jahren flog der Kosmonaut Jurij Gagarin als erster Mensch ins All. Die Propaganda jubilierte: Der Erfolg verlieh der kommunistischen Idee neuen Glanz – und machte Gagarin zu einem Weltstar.
© AFP/Getty Images

12. April 1961: Mit 27 Jahren startet der Kosmonaut Jurij Gargarin seinen Flug ins All.
Schneller noch, als Jurij Gagarin in seiner engen Kapsel die Erde umkreist, fliegt die Nachricht vom ersten Menschen im All um die Welt. Am 12. April 1961 um 10.02 Uhr unterbricht das Moskauer Radio sein Programm, und eine vertraute Stimme spricht: »Achtung, Achtung! Hier sind alle Rundfunkstationen der Sowjetunion. Wir verlesen eine Mitteilung der Nachrichtenagentur Tass.«
Es ist die Stimme von Jurij Lewitan; er hat die Menschen in der Sowjetunion durch den Zweiten Weltkrieg begleitet, die Kapitulation Hitlerdeutschlands verkündet und 1953 den Tod Josef Stalins. Die Meldung, die Lewitan jetzt vorträgt, bedeutet den größten Triumph des Landes seit dem Sieg über den Faschismus: »Am 12. April 1961 ist von der Sowjetunion aus zum ersten Mal ein Raumschiff mit einem Menschen an Bord auf die Reise um die Erde geschickt worden. Der Pilot des Sputniks Wostok ist der Bürger der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, Fliegermajor Jurij Alexejewitsch Gagarin.« Der Kosmonaut habe den Eintritt in die Erdumlaufbahn gut überstanden und fühle sich wohl. Alle Systeme arbeiteten normal.
Mit Jurij Gagarin begann 1961 das Zeitalter der bemannten Raumfahrt. Ein historischer Rückblick in Bildern
Zu diesem Zeitpunkt fliegt Jurij Gagarin schon seit einer Dreiviertelstunde mit einer Geschwindigkeit von acht Kilometern pro Sekunde in 200 Kilometer Höhe. Um 9.07 Uhr hat die erste Stufe der Wostok- Rakete gezündet und die Kapsel an ihrer Spitze mit einer Schubkraft von 20 Millionen PS in den Himmel getragen. Gagarin sitzt eingezwängt in einer Kugel von gut zwei Meter Durchmesser und berichtet über Funk an die Bodenstation. Die Steuerung erfolgt automatisch. Westliche Medien werden später spotten, Gagarin sei in seiner Kapsel nur als menschliche Nutzlast mitgeflogen – er sei nicht mehr gewesen als der Baron von Münchhausen auf seiner Kanonenkugel.
Für die Ingenieure der sowjetischen Bewusstseinsindustrie aber bricht eine neue Ära an: das kosmische Zeitalter. Gagarins Flug hat in ihren Augen eine Wende herbeigeführt wie vor ihm nur Kopernikus und Kolumbus. Ghostwriter legen dem Kosmonauten denn auch später die Sätze in den Mund: »Als ich die westliche Hemisphäre überflog, musste ich an Kolumbus denken. Unter Mühen und Strapazen hatte er die Neue Welt entdeckt. Ich las darüber in einem Buch von Stefan Zweig.«
Für Nikita Chruschtschow wird ein Märchen wahr
Tatsächlich stellte der bemannte Raumflug die sowjetischen Raumfahrtingenieure vor eine gewaltige Herausforderung. Dass sie einen Flugkörper auf eine Erdumlaufbahn schießen können, hatten sie mit dem Satelliten Sputnik 1 im Herbst 1957 bewiesen. Aber wie schafft man es, dass ein Mensch an Bord den Flug überlebt? Und vor allem: Wie bringt man ihn heil zurück?
Neunzig Minuten dauert Gagarins Reise um die Erdkugel. Schließlich schaltet sich das Bremstriebwerk ein, und der Sinkflug beginnt. Zunächst läuft alles wie geplant. Dann aber sieht es einen bangen Moment lang so aus, als würde die Mission doch noch schiefgehen: Beim Eintritt in die Erdatmosphäre koppelt sich die Gerätesektion nicht wie geplant ab. Zehn Minuten lang baumelt sie an einem Kabelstrang, die Kapsel gerät ins Trudeln – bis die Leine endlich reißt.
Der Zwischenfall bringt die Landekapsel so weit von ihrer Bahn ab, dass sie viele Kilometer nördlich von dem berechneten Ziel zur Erde geht. In sieben Kilometer Höhe wird der Schleudersitz ausgelöst. Gagarin und sein Fluggerät schweben getrennt an Fallschirmen zur Erde – ein Umstand, der bis zum Beginn der Perestrojka unter Gorbatschow ein Geheimnis bleiben wird. Zeigt er doch, dass das Problem der Landung noch nicht gelöst ist.
Um 10.55 Uhr, nach 108 Minuten Flug, hat Gagarin südwestlich der Stadt Engels bei Saratow an der Wolga wieder den festen Boden eines Kolchosackers unter den Füßen. Gestartet war er als Oberleutnant, aber was der Sprecher Lewitan im Radio verkündet hat, ist korrekt: Noch im Sputnik ist Gagarin auf Anweisung von Kremlchef Nikita Chruschtschow zum Major befördert worden.
Chruschtschow hat allen Grund, dem ersten Kosmonauten dankbar zu sein. Er erkennt, wie wertvoll der Triumph ist, die USA im Wettlauf um den »ersten Menschen im All« geschlagen zu haben. Neben der Großen Oktoberrevolution und dem Sieg im Großen Vaterländischen Krieg gegen die Deutschen wird der Kosmos-Kult als dritter Propaganda-Pfeiler bis zum Ende der Sowjetunion dazu beitragen, das System zu stützen.
Eine Stütze, die dringend gebraucht wird. Chruschtschow hat zwar mit seiner Geheimrede auf dem 20. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 die Entstalinisierung begonnen und damit eine Tauwetterperiode eingeleitet, noch aber ist nicht klar, was die UdSSR nach Terror, Weltkrieg und Personenkult zusammenhalten soll. Die Aufstände 1953 in der Tschechoslowakei und der DDR, 1956 in Polen und Ungarn haben gezeigt, dass sich die Fliehkräfte im Ostblock verstärken. Der Triumph im Kosmos liefert endlich den notwendigen Schub, um dem ins Schlingern geratenen sozialistischen Experiment neuen Schwung zu verleihen.
- Datum 12.04.2011 - 06:31 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 7.4.2011 Nr. 15
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doch mal ehrlich.
Gagarin war - obwohl erster Mensch im All - so gesehen nur eine Nutzlast in der Raumkapsel.
Weder hatte er Kontrolle über die Steuerung, (diese hätte er nur nach Eingabe eines sechsstelligen Codes von dem er nur die ersten drei Stellen kanne und dessen letzte Stellen in einem verschlossenen Umschlag aufbewahrt wurden, für den Fall dass die Funkverbindung abreißt) noch hat er irgendwelche wissenschaftlichen Experimente durchgeführt.
Nicht einmal eine Fotokamera hatte er zu bedienen um der Menschheit die ersten Außenaufnahmen von Mutter Erde zu liefern. Er saß "nur" in der Kapsel, festgezurrt wie ein Stück Frachtgut.
Mag sein, aber sein persönlicher Mut ist dennoch zu bewundern. Er hat mehr riskiert als jene die seine Raumkapsel konstruiert und von der Erde aus gesteuert hatten. Er war, um eine alte Science-Fiction-Serie zu zitieren, dort wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen war. Er konnte nicht sicher sein, ob er diesen Flug überleben oder das Schicksal der Hündin Laika teilen würde. Und wie man heute weiß, wäre es damals tatsächlich beinahe schiefgelaufen.
Mag sein, aber sein persönlicher Mut ist dennoch zu bewundern. Er hat mehr riskiert als jene die seine Raumkapsel konstruiert und von der Erde aus gesteuert hatten. Er war, um eine alte Science-Fiction-Serie zu zitieren, dort wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen war. Er konnte nicht sicher sein, ob er diesen Flug überleben oder das Schicksal der Hündin Laika teilen würde. Und wie man heute weiß, wäre es damals tatsächlich beinahe schiefgelaufen.
"Wie bedeutend der Kosmos-Mythos selbst im Westen nach dem Fall des Eisernen Vorhanges noch ist, zeigen die heftigen Reaktionen der ZEIT-Redaktion."
Hallo? Der kalte Krieg ist vorbei!
Wie wäre es, sich entspannt zurück zu lehnen und sich zu freuen, daß wir (die Menschheit) es vor 50 Jahren geschafft haben, den ersten Mensch ins Weltall – und gesund wieder zurück – bekommen zu haben?
Ein sehr schöner Artikel, der die damalige Begeisterung widerspiegelt, aber auch kritisch reflektiert.
Vielen Dank dafür.
"Minderwertiges Leben hingegen müsse vernichtet werden – ein »barmherziger Akt«, um die »lebendigen Atome« aus dem Gefängnis einer leidenden menschlichen Existenz zu befreien."
Das soll auf Ziolkowski zurückgehen? Wo haben Sie denn das her? Belege bitte.
Lieber Jack Carlton,
wie im Text erwähnt, finden Sie alle Schriften Ziolkowskis online auf den Seiten des Moskauer Instituts für Luft- und Raumfahrt: http://bit.ly/ZEIT_ziolko...
Zu Ihrer Frage empfehle ich besonders die Lektüre des Aufsatzes "Горе и гений".
Auf Deutsch sind wenige Science-Fiction-Geschichten Ziolkowskis antiquarisch erhältlich. Eugenik-Vorstellungen finden Sie auch dort. Seine technischen Entwicklungen betrachtete Ziolkowski nur als Mittel, um seine Utopien zu verwirklichen.
Beste Grüße,
Julian Hans
Lieber Jack Carlton,
wie im Text erwähnt, finden Sie alle Schriften Ziolkowskis online auf den Seiten des Moskauer Instituts für Luft- und Raumfahrt: http://bit.ly/ZEIT_ziolko...
Zu Ihrer Frage empfehle ich besonders die Lektüre des Aufsatzes "Горе и гений".
Auf Deutsch sind wenige Science-Fiction-Geschichten Ziolkowskis antiquarisch erhältlich. Eugenik-Vorstellungen finden Sie auch dort. Seine technischen Entwicklungen betrachtete Ziolkowski nur als Mittel, um seine Utopien zu verwirklichen.
Beste Grüße,
Julian Hans
Lieber Jack Carlton,
wie im Text erwähnt, finden Sie alle Schriften Ziolkowskis online auf den Seiten des Moskauer Instituts für Luft- und Raumfahrt: http://bit.ly/ZEIT_ziolko...
Zu Ihrer Frage empfehle ich besonders die Lektüre des Aufsatzes "Горе и гений".
Auf Deutsch sind wenige Science-Fiction-Geschichten Ziolkowskis antiquarisch erhältlich. Eugenik-Vorstellungen finden Sie auch dort. Seine technischen Entwicklungen betrachtete Ziolkowski nur als Mittel, um seine Utopien zu verwirklichen.
Beste Grüße,
Julian Hans
und nichts anderes war Jurij Gagarin ! ! !
"Schubkraft von 20 Millionen PS in den Himmel getragen"
1. Kraft wird in Newton angegeben.
2. Habe öfters nachgerechnet, komme aber nur auf 6MIO PS
Merke: P=(spez.Impuls*Schubkraft)
Mag sein, aber sein persönlicher Mut ist dennoch zu bewundern. Er hat mehr riskiert als jene die seine Raumkapsel konstruiert und von der Erde aus gesteuert hatten. Er war, um eine alte Science-Fiction-Serie zu zitieren, dort wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen war. Er konnte nicht sicher sein, ob er diesen Flug überleben oder das Schicksal der Hündin Laika teilen würde. Und wie man heute weiß, wäre es damals tatsächlich beinahe schiefgelaufen.
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