Digitales Erinnern Kein Vergeben, kein Vergessen
Das Internet hat ein gnadenloses Gedächtnis: Sein Wissen über die Menschen hält ewig.
© YOSHIKAZU TSUNO/AFP/Getty Images

Ein USB-Flash-Speicher
Jahrtausendelang hat der Mensch daran gearbeitet, dem Vergessen ein Ende zu bereiten. Lehmtafeln, Papyrus, Pergament, Papier, Buchdruck, Bibliotheken, Archive, Datenbanken – alles diente nur diesem einen Ziel. Denn ohne Erinnerung ist zivilisatorische Entwicklung nicht denkbar. Und jetzt endlich ist es so weit: Das Internet vergisst nichts mehr.
Doch manchen Zeitgenossen ist das auch wieder nicht recht. Viktor Mayer-Schönberger liebt das Internet und will, dass es funktioniert. Deshalb hat er früher einmal eine höchst erfolgreiche Software gegen Computerviren geschrieben. Heute fordert der Politikwissenschaftler nicht weniger als die Wiedereinführung des Vergessens. Es geht ihm nicht nur um abstrakten Datenschutz. Die Frage ist vielmehr, wie wir in Zukunft unsere moralische Integrität schützen und ob Vergessen und Vergeben bestimmende Kategorien unseres Zusammenlebens bleiben.
Denn das Netz speichert alles. Keine winzige Information, keine E-Mail, kein noch so peinliches Online-Foto, kein Twitter- oder Facebook-Eintrag, keine Buchungsanfrage beim Reiseanbieter ist jemals dahin. Die digitalen Speicher haben die Gesellschaft ihrer Fähigkeit zum Vergessen beraubt und ihr stattdessen ein umfassendes Gedächtnis verliehen. Ein Gedächtnis, das unfrei macht, weil jeder unserer Schritte, jeder fixierte Gedanke kontrollierbar wird. Ein Gedächtnis, das es erlaubt, unsere Worte und Taten umfassend zu rekonstruieren. Das die Zeit kollabieren lässt, weil wir nicht mehr unterscheiden können, was lange vergangen und was eben erst geschehen ist. »Das Netz verweigert uns Menschen die Gelegenheit zur Entwicklung, zum Wachsen und Lernen«, schreibt Viktor Mayer-Schönberger, »und lässt uns hilflos die Wahl zwischen zwei gleichermaßen beunruhigenden Optionen: einer permanenten Vergangenheit und einer ignoranten Gegenwart.«
Und es kommt noch schlimmer. Mit jedem Tag nimmt der Grad der Vernetzung zu. Wenn ich ein Bild von mir lösche, kann es schon hundertfach kopiert irgendwo im Internet zu finden sein. Selbst wenn ich alle diese Bilder entfernte, wären sie längst verlinkt, kommentiert oder mittels »Gefällt mir«-Hinweis in Sozialen Netzwerken verbreitet. Ein Rest bleibt immer zurück. Sogar wenn ich digitale Abstinenz übe und mich keinem Rechner auf mehr als einen Meter nähere, tauchen meine Signale doch immer wieder im Netz auf: weil der kleine Bruder ein Digitalfoto von mir auf seine Facebook-Seite lud; weil ein Vortrag von einem Zuhörer mit dem Smartphone gefilmt wurde; weil der Sportverein die Meldelisten für den Volkslauf online stellte. Davor schützen weder Datenschutzgesetz noch Widerspruchsregel. Vergessen im digitalen Zeitalter? Hübsches Gedankenexperiment, realitätsinkompatibel.
Falsch gedacht! Man könnte dem Netz das Vergessen nämlich leicht beibringen. Alle Informationen, die im Internet zu sehen sind, organisieren sich als einzelne Dateien. Fotos und Filme werden hochgeladen, Texte in einzelnen Bausteinen abgespeichert. Diese Daten haben sogenannte Meta-Informationen, die man nicht sieht, wenn man auf einer Website surft, die aber beispielsweise den Umfang oder das Datum ihrer Veröffentlichung angeben. Oder ein Verfallsdatum, schlägt Mayer-Schönberger vor. Informationen, die man länger oder für immer erhalten will, müsste man dann aktiv sichern. Es entstünde eine neue Form der Konzentration und Hierarchie von gespeichertem Wissen. Banales verschwände, Wichtiges bliebe erhalten.
Längst werden ja Daten systematisch aus dem Netz gelöscht. Digitale Akten des Staates von seinen Bürgern unterliegen beispielsweise ebenso Archivierungs- und Datenschutzvorschriften wie analoge und müssen nach bestimmten Fristen vernichtet werden. »Sehr gut« oder »mangelhaft« – nach zehn Jahren ist die Abiturklausur dahin. Gleiches gilt für digital abgegebene Steuererklärungen oder den Eintrag im Strafregister. Auch sie müssen irgendwann vernichtet werden. Daraus ließen sich Standards entwickeln für Soziale Netzwerke, für öffentlich zugängliche Datenbanken und Suchmaschinen. Dann fragt der Fotoapparat nach jedem Knipsen: Wie lange willst du dieses Bild behalten? Gerade in einer Welt, wo bald jedes Ding Informationen sammelt und speichert, sind solche Regeln dringend geboten.
Wer so denkt, argumentiert nicht automatisch gegen das Erinnern im Netz. Aber er wehrt sich dagegen, dass jede kleinste digitale Regung gespeichert wird. Denn erst das Vergessen befähigt den Menschen, zu verallgemeinern und von konkreten Erfahrungen zu abstrahieren. Früher war es anstrengend, sich zu erinnern und dieses Erinnern für die Gegenwart nutzbar zu machen. Das digitale Zeitalter hat dieses Verhältnis von Erinnern und Vergessen umgekehrt. Heute müssen wir uns anstrengen, Unwichtiges loszuwerden.
- Datum 08.04.2011 - 15:50 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 7.4.2011 Nr. 15
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Gute Zusammenfassung der Speicherproblematik. Interessant ist vor allem die Frage, wer eigentlich bestimmt, auf welchen Daten im Rückblick der Fokus liegt. Klar ist es schön ein paar alte Fotos wiederzufinden, aber welche und wo?
Das größte Problem sehe ich darin, dass der Einzelne zu schnell den Überblick über den Digitalen Fußabdruck verliert, den er im Internet hinterlässt. Die Informationen fließen nicht nur auf zu vielen Kanälen, sie sind auch noch ständig rekonstruierbar. Technisch betrachtet ist es überhaupt nicht mehr möglich, ein Bild oder eine Textnachricht wirklich zu löschen, da die Daten in den Zwischenspeichern der Rechenzentren liegen. Man müsste also gleich mehreren Servern im selben Moment den Saft abdrehen, um tatsächlich von dieser Erinnerung "frei" zu sein.
Natürlich sind diese Daten nicht für jeden sichtbar. Aber wenn eine Firma tatsächlich Interesse an einem Fußabdruck oder Profil hat, kann sie danach suchen lassen. Für viele höhere Positionen werden zum Beispiel screenings durchgeführt, um zu prüfen, ob der Anwärter auf die Stelle auch wirklich seriös ist. Wer dann tief genug gräbt, findet wahrscheinlich auch einige unvorteilhafte Daten.
Deshalb: lieber nicht zu viel Privates ins Netz stellen und sich der "Unsterblichkeit" der Daten bewusst werden.
"Für viele höhere Positionen werden zum Beispiel screenings durchgeführt, um zu prüfen, ob der Anwärter auf die Stelle auch wirklich seriös ist. Wer dann tief genug gräbt, findet wahrscheinlich auch einige unvorteilhafte Daten."
Das ist sicherlich richtig, aber nicht wirklich neu. Wer die Mittel und Möglichkeiten hatte, konnte auch schon früher so einiges über eine bestimmte Person herausfinden. Solche sensiblen Daten, wie z. B. ob Herr XY eine Affaire neben seiner Ehe hat, schon mal einen Job verloren hat oder mal irgendwann eine Straftat begangen hat, könnte ein Profi immer herausfinden, auch ohne Internet.
Wer sich aber als Azubi bei einer Firma bewirbt, wird jedoch wohl auch in Zukunft kaum befürchten müssen, dass der potenzielle Arbeitgeber einen Profi anheuert, der das Internet nach dem Bewerber durchkämmt. Der Chef / Personaler selbst wird vielleicht höchstens eine kurze Google- und Facebook- Recherche durchführen. Aber was man damit zutage fördern kann, kann man als "Zielperson" durchaus noch selbst kontrollieren.
"Für viele höhere Positionen werden zum Beispiel screenings durchgeführt, um zu prüfen, ob der Anwärter auf die Stelle auch wirklich seriös ist. Wer dann tief genug gräbt, findet wahrscheinlich auch einige unvorteilhafte Daten."
Das ist sicherlich richtig, aber nicht wirklich neu. Wer die Mittel und Möglichkeiten hatte, konnte auch schon früher so einiges über eine bestimmte Person herausfinden. Solche sensiblen Daten, wie z. B. ob Herr XY eine Affaire neben seiner Ehe hat, schon mal einen Job verloren hat oder mal irgendwann eine Straftat begangen hat, könnte ein Profi immer herausfinden, auch ohne Internet.
Wer sich aber als Azubi bei einer Firma bewirbt, wird jedoch wohl auch in Zukunft kaum befürchten müssen, dass der potenzielle Arbeitgeber einen Profi anheuert, der das Internet nach dem Bewerber durchkämmt. Der Chef / Personaler selbst wird vielleicht höchstens eine kurze Google- und Facebook- Recherche durchführen. Aber was man damit zutage fördern kann, kann man als "Zielperson" durchaus noch selbst kontrollieren.
Hmm.
Das meine ich ehrlich. Zum einen ist dieser Artikel eine gute Zusammenfassung der Problematik und geht dabei sogar an einigen Stellen deutlich weiter bei den Fragen. Zum anderen haftet ihm aber auch die "alte Welt" an, ist er verfasst unter der Idee, wie man das Gewohnte auf das Neue übertragen kann, so dass dieses Neue wieder dem Gewohnten ähnelt. Gerade hier sehe ich aber das Versagen überall.
Das zeigt die Frage "Wer definiert, woran wir uns erinnern wollen?" deutlich. Sie ist auf dieser Basis die entscheidende Frage, aber erhält sie wirklich eine Antwort? Und zwar allein im Sinne einer praktikablen, selbst nicht so sehr kritischen Möglichkeit? Ich sehe es nicht.
Und damit muss man diese Fragestellung selbst kritisch betrachten. Ist das Wollen an sich noch eine Möglichkeit? Der Text führt auch dazu kritische Gedanken an, verweigert sich aber letztlich der Vorstellung, dass mit den neuen Medien auch eine neue Qualität Einzug hielt, dass nämlich das Vergessen oder Vergessen-Wollen nicht mehr abhängig von unserer Entscheidung und letztlich uns diese Freiheit abhanden gekommen ist.
Ich sage, wir können nicht mehr zurück. Da helfen auch keine Löschstempel bei Dateien, kein anderer Umgang mit dem System. Wir müssen vielmehr unsere Gesellschaft dahin gehend passend machen, so dass eine längst verschimmelte Datei nicht mehr über unsere heutigen Meinungen entscheidet. Das Netz kann nicht lernen, kennt keine Werte - wir schon.
"Für viele höhere Positionen werden zum Beispiel screenings durchgeführt, um zu prüfen, ob der Anwärter auf die Stelle auch wirklich seriös ist. Wer dann tief genug gräbt, findet wahrscheinlich auch einige unvorteilhafte Daten."
Das ist sicherlich richtig, aber nicht wirklich neu. Wer die Mittel und Möglichkeiten hatte, konnte auch schon früher so einiges über eine bestimmte Person herausfinden. Solche sensiblen Daten, wie z. B. ob Herr XY eine Affaire neben seiner Ehe hat, schon mal einen Job verloren hat oder mal irgendwann eine Straftat begangen hat, könnte ein Profi immer herausfinden, auch ohne Internet.
Wer sich aber als Azubi bei einer Firma bewirbt, wird jedoch wohl auch in Zukunft kaum befürchten müssen, dass der potenzielle Arbeitgeber einen Profi anheuert, der das Internet nach dem Bewerber durchkämmt. Der Chef / Personaler selbst wird vielleicht höchstens eine kurze Google- und Facebook- Recherche durchführen. Aber was man damit zutage fördern kann, kann man als "Zielperson" durchaus noch selbst kontrollieren.
Nur mal rein hypothetisch: Angenommen, es käme weltweit zu einem Stromausfall. Sei es durch einen Meteoriteneinschlag, Atomkrieg oder sonst was für einen undenkbaren Ausnahmefall (gewiss: das Restrisiko solcher Situationen ist ja so gering wie schwere atomare Zwischenfälle...), dann würde auch das Internet vergessen und zwar restlos.
Die Menschheit ist nicht für die Ewigkeit gemacht und unsere Daten schon gar nicht. ;-)
Auch wenn der Strom ausfällt, so eine Festplatte dürfte ihre Daten über etwa 10 Jahre speichern, danach könnte es mit dem Auslesen problematischer werden.
Bei Solid State Drives (oder sonstwie hochwertigem Flash Speicher) sind es vermutlich um die 5 Jahre.
Sofern sie also nicht alle Datencenter gleichzeitig "ausschalten" bleiben die Daten weiterhin erhalten.
-> Natürlich, wenn sie die Menschheit komplett auslöschen wird es niemanden interessieren, aber manche Daten werden noch eine Zeit lang weiterleben.
Auch wenn der Strom ausfällt, so eine Festplatte dürfte ihre Daten über etwa 10 Jahre speichern, danach könnte es mit dem Auslesen problematischer werden.
Bei Solid State Drives (oder sonstwie hochwertigem Flash Speicher) sind es vermutlich um die 5 Jahre.
Sofern sie also nicht alle Datencenter gleichzeitig "ausschalten" bleiben die Daten weiterhin erhalten.
-> Natürlich, wenn sie die Menschheit komplett auslöschen wird es niemanden interessieren, aber manche Daten werden noch eine Zeit lang weiterleben.
Auch wenn der Strom ausfällt, so eine Festplatte dürfte ihre Daten über etwa 10 Jahre speichern, danach könnte es mit dem Auslesen problematischer werden.
Bei Solid State Drives (oder sonstwie hochwertigem Flash Speicher) sind es vermutlich um die 5 Jahre.
Sofern sie also nicht alle Datencenter gleichzeitig "ausschalten" bleiben die Daten weiterhin erhalten.
-> Natürlich, wenn sie die Menschheit komplett auslöschen wird es niemanden interessieren, aber manche Daten werden noch eine Zeit lang weiterleben.
...zeigt einen Sony NW-E002/3/5, also primär einen digitalen Music-Player, dem leider durch Sonys beharrliches Festhalten am extrem DRM-lastigen ATRAC-Format der Erfolg, den er aufgrund seiner Qualität eigentlich verdient hätte, versagt geblieben ist.
Dieses Foto unter der Rubrik "USB-Speicher" zu präsentieren zeugt schon von einer gewissen Unkenntnis. Klar KANN man darauf Daten speichern...es ist aber nicht Hauptzweck. Genauso gut könnte man einen iPott zeigen.
Attrac und DRM? Ist mir nicht untergekommen, ich habe lange Zeit einen tragbaren Sony CD Spieler mit Attrac benutzt, Discs in Sonic Stage selbst erstellt.
Ich weiß nicht wo ihr DRM Problem herrührt - und selbst wenn, sie erstellen doch eh nur eine Attrac Disc zum eigenen Gebrauch aus einer CD, insofern wäre es auch kein Problem.
Attrac und DRM? Ist mir nicht untergekommen, ich habe lange Zeit einen tragbaren Sony CD Spieler mit Attrac benutzt, Discs in Sonic Stage selbst erstellt.
Ich weiß nicht wo ihr DRM Problem herrührt - und selbst wenn, sie erstellen doch eh nur eine Attrac Disc zum eigenen Gebrauch aus einer CD, insofern wäre es auch kein Problem.
Sie finden Daten die andere angelegt haben oder sie finden gar nichts und sie finden alles - heute wäre die Stasi völlig verzweifelt, denn die Leute müssen ja dann auch zu sich selbst stehen, was für eine große Erungenschaft!
allerdings dürften die meisten Menschen damit überfordert sein, die "optimale Lebensdauer" ihrer Datei schon im vornherein abzuschätzen.
Ich nehme eher an, dass das Gehirn auch das Vergessen im Internet übernehmen wird.
Denn: ich suche im Internet ja nur nach Inhalten, an die ich mich erinnere, denen ich eine gewisse Relevanz zubillige.
So werden irrelevante Inhalte, z.B. Klatsch und Tratsch von Anno Tobak, zum Datenmüll, der die Kosten für seine Bereitstellung nicht rechtfertigt.
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