DIE ZEIT : Nach den Gesetzen der Branche müssten Sie Ihren Job längst los sein. Warum sitzen Sie überhaupt noch hier?

Wolfram Weimer: Wieso, ich habe ein Jahr durchgehalten – und der Focus ist wieder erfolgreich.

ZEIT : Ihr Verleger Hubert Burda hat eine lange Zeit voller Misserfolge ausgehalten.

Weimer : Es hätte auch schiefgehen können. Die Redaktion hat unangenehme Etappen hinter sich, aber nun fühle ich mich ein wenig, als hätte ich das Dornröschen wachgeküsst. Die dornige Zeit liegt hinter mir.

ZEIT : Sind Sie sicher?

Weimer : Die Zahlen für das erste Quartal sind sehr gut. So etwas hat der Focus seit Langem nicht mehr präsentieren können. Wir haben in vieler Hinsicht den Umschwung geschafft.

ZEIT : Wir hören es, allein uns fehlt der Glaube.

Weimer : Weil Sie viele Jahre fallende Auflagen beobachtet haben. Nun aber dreht sich der Trend.

ZEIT : Wie sieht der zählbare Erfolg aus?

Weimer : Wir haben zum ersten Mal seit Jahren ein namhaftes, zweistelliges Wachstum im Kioskverkauf. Auch wenn Sie die viel beworbene Ausgabe zum Jubiläum des Magazins im Januar herausrechnen, ist das Wachstum erstaunlich. Und das in einem Quartal, in dem der Spiegel verloren hat.

ZEIT : Es waren Wochen, in denen die Leute politische Orientierung gesucht haben. Und da haben sie tatsächlich öfter zum Focus gegriffen?

Weimer : Ja, weil wir bewusst auf aktuellen Qualitätsjournalismus gesetzt haben. Das ist ein Signal, auch an all diejenigen, die düster behaupten, es ginge nur noch um Boulevard, Billigjournalismus und Gefühlsthemen.

ZEIT : Wie schlägt sich das wirtschaftlich nieder?

Weimer : Wir verdienen wieder gutes Geld.

ZEIT : Vor zwei Jahren hat Focus noch 150.000 Stück die Woche am Kiosk verkauft, in den letzten Monaten 2010 waren es oft nur noch 75000. Jetzt liegen Sie irgendwo um 130000 Stück.

Weimer : Wenn Sie über viele Jahre Auflagenverluste melden müssen und jetzt zweistellig zulegen können, dann ist das wunderbar. Und wenn Ihnen das auch noch mit hartem Journalismus gelingt, dann ist das eine Genugtuung. Der Markt ruft uns zu: Hurra, der Focus ist wieder da.

ZEIT : Unser Eindruck ist weiterhin, dass der Focus nicht richtig wahrgenommen wird.

Weimer : Ich bitte Sie: Uns lesen jede Woche fünf Millionen Menschen, und es sind interessante Menschen, die urbane Führungselite des Landes. Sie sind süddeutscher und beruflich erfolgreicher als die Leser des Spiegels. Es sind ambitionierte Menschen, die, wie Thomas Mann einmal sagte, verliebt sind ins Gelingen. Sie haben eine konstruktive Weltsicht.