DIE ZEIT: Frau Plüss, Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit den Schattenseiten des Tourismus. Haben Sie da überhaupt noch Lust zum Reisen?

Christine Plüss: Oh ja. Aber das liegt auch daran, dass ich nur noch selten weit wegfahre. Ich habe zwei Jahre nicht mehr in einem Flugzeug gesessen. Meinen Urlaub verbringe ich in der Schweiz.

ZEIT: Klimaschädigende Fernreisen kommen für die Geschäftsführerin des Basler Arbeitskreises für Tourismus und Entwicklung also nicht infrage?

Plüss: Doch, aber eine Fernreise ist für mich die ganz besondere Chance, Menschen zu besuchen und Projekte anzuschauen, mit denen ich mich beruflich beschäftige. Ich möchte in der nächsten Zeit unbedingt nach Südafrika. Unsere Partner im südindischen Kerala will ich auch bald wieder besuchen. Aber ich muss nicht für einen Erholungsurlaub um die ganze Welt jetten. Und wenn ich fliege, kompensiere ich wenigstens den CO₂-Ausstoß mit einem Klimaticket.

ZEIT: Das haben auch Sie vermutlich nicht immer so gehandhabt.

Plüss: Nein. Ich habe mein Studium als Reiseleiterin finanziert und war lange viel unterwegs. Da entwickelt man irgendwann einen Überdruss, weil Reisen ja auch mit Unbequemlichkeiten verbunden ist: das Kofferschleppen, die ewige Warterei am Flughafen. Gleichzeitig habe ich damals begonnen, den gängigen Tourismus kritisch zu hinterfragen.

ZEIT: Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Plüss: Ende der siebziger Jahre habe ich acht Monate als Reiseleiterin im Senegal gearbeitet. Da habe ich mitbekommen, wie das Hotel, in dem wir untergebracht waren, über Nacht an Spekulanten verkauft wurde. Man konnte zuschauen, wie sich von einem auf den anderen Tag die Arbeitsbedingungen verschlechterten, die Menschen unter Druck gesetzt wurden. Viele verloren ihre Arbeit. So kam dann eines zum anderen: Ich hatte viel mit Straßenkindern zu tun, die in meinem Auto übernachteten, wenn ich es nicht abgeschlossen hatte, oder am Flughafen herumhingen, um den Ausländern ihre Kofferträgerdienste aufzunötigen. Es war ganz offensichtlich, dass die Misere im Land mit dem Tourismus zusammenhing.

ZEIT: Dem hätte Ihr damaliger Arbeitgeber vermutlich sofort widersprochen: Die großen Reiseveranstalter betrachten sich auch als Entwicklungshelfer, schon wegen der Devisen, die sie ins Land bringen.

Plüss: Natürlich bringt Tourismus neue Einnahmen. Aber nicht jede Form von Tourismus trägt automatisch dazu bei, dass es den Menschen vor Ort besser geht. Die aktuellsten Beispiele sind Ägypten und Tunesien. Hier hat der Tourismus in den vergangenen zwanzig Jahren die Kluft zwischen Arm und Reich noch vergrößert. Kein Wunder, dass sich der Zorn der Aufständischen am Rande auch gegen Reisebusse und touristische Einrichtungen wandte. Ein Luxushotel mit Swimmingpools und üppigen Grünanlagen verkörpert für die Einheimischen das Unrecht, das ihnen angetan wird, wenn ihnen das Wasser fehlt, um ihre Felder zu bewirtschaften, und sie deshalb kein menschenwürdiges Auskommen finden.

ZEIT: Das heißt, alle, die dort in der Vergangenheit einen schönen Urlaub verbracht haben, sollten jetzt ein schlechtes Gewissen haben?

Plüss: Es ist nicht mein Anliegen, den Menschen ein schlechtes Gewissen zu machen. Ich möchte die Reisenden vielmehr ermutigen, selbst dazu beizutragen, dass die lokale Bevölkerung mehr vom Tourismus hat. Man kann ein Hotel wählen, das faire Löhne zahlt und die Umweltstandards einhält, das lokale Produkte anbietet, damit die örtliche Landwirtschaft, die Fischerei davon profitieren. Vor allem müssen aber die Reiseveranstalter ihre Angebote nach diesen Kriterien auswählen und der Kundschaft transparent darüber Auskunft geben.