fair reisenUrlaub ist keine Entwicklungshilfe

Ein Gespräch mit der Tourismuskritikerin Christine Plüss über faires Reisen, bessere Vorbereitung und die Unschuld des ersten Blicks. von 

Christine Plüss, 56, ist Geschäftsführerin des Arbeiskreises für Tourismus und Entwicklung in Basel.

Christine Plüss, 56, ist Geschäftsführerin des Arbeiskreises für Tourismus und Entwicklung in Basel.  |  © Matthias Willi

DIE ZEIT: Frau Plüss, Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit den Schattenseiten des Tourismus. Haben Sie da überhaupt noch Lust zum Reisen?

Christine Plüss: Oh ja. Aber das liegt auch daran, dass ich nur noch selten weit wegfahre. Ich habe zwei Jahre nicht mehr in einem Flugzeug gesessen. Meinen Urlaub verbringe ich in der Schweiz.

Anzeige

ZEIT: Klimaschädigende Fernreisen kommen für die Geschäftsführerin des Basler Arbeitskreises für Tourismus und Entwicklung also nicht infrage?

Plüss: Doch, aber eine Fernreise ist für mich die ganz besondere Chance, Menschen zu besuchen und Projekte anzuschauen, mit denen ich mich beruflich beschäftige. Ich möchte in der nächsten Zeit unbedingt nach Südafrika. Unsere Partner im südindischen Kerala will ich auch bald wieder besuchen. Aber ich muss nicht für einen Erholungsurlaub um die ganze Welt jetten. Und wenn ich fliege, kompensiere ich wenigstens den CO₂-Ausstoß mit einem Klimaticket.

ZEIT: Das haben auch Sie vermutlich nicht immer so gehandhabt.

Plüss: Nein. Ich habe mein Studium als Reiseleiterin finanziert und war lange viel unterwegs. Da entwickelt man irgendwann einen Überdruss, weil Reisen ja auch mit Unbequemlichkeiten verbunden ist: das Kofferschleppen, die ewige Warterei am Flughafen. Gleichzeitig habe ich damals begonnen, den gängigen Tourismus kritisch zu hinterfragen.

ZEIT: Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Plüss: Ende der siebziger Jahre habe ich acht Monate als Reiseleiterin im Senegal gearbeitet. Da habe ich mitbekommen, wie das Hotel, in dem wir untergebracht waren, über Nacht an Spekulanten verkauft wurde. Man konnte zuschauen, wie sich von einem auf den anderen Tag die Arbeitsbedingungen verschlechterten, die Menschen unter Druck gesetzt wurden. Viele verloren ihre Arbeit. So kam dann eines zum anderen: Ich hatte viel mit Straßenkindern zu tun, die in meinem Auto übernachteten, wenn ich es nicht abgeschlossen hatte, oder am Flughafen herumhingen, um den Ausländern ihre Kofferträgerdienste aufzunötigen. Es war ganz offensichtlich, dass die Misere im Land mit dem Tourismus zusammenhing.

ZEIT: Dem hätte Ihr damaliger Arbeitgeber vermutlich sofort widersprochen: Die großen Reiseveranstalter betrachten sich auch als Entwicklungshelfer, schon wegen der Devisen, die sie ins Land bringen.

Plüss: Natürlich bringt Tourismus neue Einnahmen. Aber nicht jede Form von Tourismus trägt automatisch dazu bei, dass es den Menschen vor Ort besser geht. Die aktuellsten Beispiele sind Ägypten und Tunesien. Hier hat der Tourismus in den vergangenen zwanzig Jahren die Kluft zwischen Arm und Reich noch vergrößert. Kein Wunder, dass sich der Zorn der Aufständischen am Rande auch gegen Reisebusse und touristische Einrichtungen wandte. Ein Luxushotel mit Swimmingpools und üppigen Grünanlagen verkörpert für die Einheimischen das Unrecht, das ihnen angetan wird, wenn ihnen das Wasser fehlt, um ihre Felder zu bewirtschaften, und sie deshalb kein menschenwürdiges Auskommen finden.

ZEIT: Das heißt, alle, die dort in der Vergangenheit einen schönen Urlaub verbracht haben, sollten jetzt ein schlechtes Gewissen haben?

Plüss: Es ist nicht mein Anliegen, den Menschen ein schlechtes Gewissen zu machen. Ich möchte die Reisenden vielmehr ermutigen, selbst dazu beizutragen, dass die lokale Bevölkerung mehr vom Tourismus hat. Man kann ein Hotel wählen, das faire Löhne zahlt und die Umweltstandards einhält, das lokale Produkte anbietet, damit die örtliche Landwirtschaft, die Fischerei davon profitieren. Vor allem müssen aber die Reiseveranstalter ihre Angebote nach diesen Kriterien auswählen und der Kundschaft transparent darüber Auskunft geben.

Leserkommentare
  1. dass ein Urlauber sich nie in politische Angelegenheiten
    des Gastlands mischen soll, wie Sticker tragen, an Demos
    teilnehmen etc. AA Warnungen beruecksichtigen.
    Ansonsten bin ich der Meinung, dass jeder Euro der in Ent-
    wicklungsland getragen wird, hilft, selbst wenn 90 cents nicht ankommen. Keine Jogging-Schuhe aus Indonesien zu kaufen, weil die Leute dort schlecht bezahlt werden, hilft
    mit Sicherheit nicht und genauso ist es mit dem Urlaub in
    einem Hotel, wo die Zimmermaedchen schlecht bezahlt werden.
    Oft haengt an einem Zimmermaedchen-Job eine ganze Familie.
    Damit haben wir allerdings nicht das Recht uns als Wohl-
    taeter zu fuehlen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • dacapo
    • 22. April 2011 17:04 Uhr

    Von einem Mindestlohn kann auch ein dauerbeschäftigtes "Zimmermädchen" keine Familie ernähren, lediglich ein bisschen dazu beitragen.
    Gerade in Nordafrika, und Afrika überhaupt, werden nur gesetzliche Mindestlöhne gezahlt (durchschnittlich 130 Euro). Im Gegensatz dazu werden aber leitende und höhere Angestellte mit Gehältern bezahlt, die fast europäisches Niveau haben. Es ist ein unverschämter Unterschied. Die mit Mindestlöhnen dort arbeitenden Menschen bekommen ja mit, wieviel die Gäste für das Essen, Trinken bezahlen, wieviel die Gäste für die Hotelübernachtung zahlen müssen. All diese Preise dafür stehen in keinem Verhältnis zu den üblichen Preisen für Speis und Trank im Land. Sie können sich abstrakt eine Rechnung machen, wieviel Geld Tourismus abwirft und wieviel in ihre Taschen kommt. Der Tourismus macht Leute reich, sehr reich, aber es kommt viel zu wenig dort an, wo es auch ankommen sollte, nämlich nicht nur bei denen, die die Arbeit verrichten, sondern auch bei denen, die unter dem Tourismus zu leiden haben.

    • dacapo
    • 22. April 2011 17:19 Uhr

    Mit einem Mindestlohn kann auch ein festangestelltes "Zimmermädchen" keine Familie ernähren, dazu beitragen schon. Gerade in Nordafrika, und Afrika überhaupt, werden in der Regel nur die gesetzlichen Mindestlöhne gezahlt. Im Gegensatz dazu bekommen höhere und leitende Angestellte Gehälter, die annähernd euopäisches Niveau haben. Es gibt im "Hintergrund" solcher Touristenhotels Situationen, die den Touristen den Schlaf rauben würden, bekämen sie das zu Augen oder zu Ohren. Es spielt sich ganz in der Nähe ab, in Hinterzimmern, im Keller. Die Mondestlöhner/innen kennen ja die Preise, die die Touristen zahlen. Diese Preise stehen in keinem Verhältnis zu den Preisen, die man in der Öffentlichkeit bezahlt. Es wird viel verdient an den Touristen, es bringt viel Reichtum, sehr viel sogar. Aber es kommt nur im Mindestmass bei den hart arbeitenden Leuten in der Tourismusbranche an (Trinkgelder können da schon sehr helfen), sie kommen auf jeden Fall zu wenig bei den Menschen an, die für den Tourismus viel opfern. Der Reichtum wird auf Bankkonten gehortet oder in Ländereien investiert. Dort wird dann wieder mit SMIG-Löhnern gearbeitet und somit nochmal max. Profit erreicht. Der Tourismus-Rubel rollt so gut wie garnicht.

    • dacapo
    • 22. April 2011 18:42 Uhr

    Mit einem Mindestlohn kann auch ein festangestelltes "Zimmermädchen" keine Familie ernähren, dazu beitragen schon. Gerade in Nordafrika, und Afrika überhaupt, werden in der Regel nur die gesetzlichen Mindestlöhne gezahlt. Im Gegensatz dazu bekommen höhere und leitende Angestellte Gehälter, die annähernd euopäisches Niveau haben. Es gibt im "Hintergrund" solcher Touristenhotels Situationen, die den Touristen den Schlaf rauben würden, bekämen sie das zu Augen oder zu Ohren. Es spielt sich ganz in der Nähe ab, in Hinterzimmern, im Keller. Die Mondestlöhner/innen kennen ja die Preise, die die Touristen zahlen. Diese Preise stehen in keinem Verhältnis zu den Preisen, die man in der Öffentlichkeit bezahlt. Es wird viel verdient an den Touristen, es bringt viel Reichtum, sehr viel sogar. Aber es kommt nur im Mindestmass bei den hart arbeitenden Leuten in der Tourismusbranche an (Trinkgelder können da schon sehr helfen), sie kommen auf jeden Fall zu wenig bei den Menschen an, die für den Tourismus viel opfern. Der Reichtum wird auf Bankkonten gehortet oder in Ländereien investiert. Dort wird dann wieder mit SMIG-Löhnern gearbeitet und somit nochmal max. Profit erreicht. Der Tourismus-Rubel rollt so gut wie garnicht.

  2. ...für Neugierige. Das Fremde, das Neue ist der Reiz anderer Länder, sich zu bewegen wie der Einheimische, einzutauchen in fremde Kulturen. Mir Einheimischen an einem Tisch, in deren Häusern. Nicht der 5*-Kasten am abgezäunten Luxusstrand.

  3. die Dame: was mit Spenden passiert, kann man sich ja gerade am Fall Haiti genauer anschauen. Und zum politischen Engagement in Chiapas: die mexikanische Regierung hat schon viele "Menschrechtsbeobachter" ausgewiesen - und lässt sie auch nicht so ohne weiteres zurück ins Land.

    Eine Leserempfehlung
  4. Frau Plüss war Reiseleiterin und musste früher viel reisen.
    Jetzt hat sie verständlicherweise keine Lust mehr auf Fernreisen und verbringt ihren Urlaub lieber in der Schweiz. Bis dahin ist alles in Ordnung.

    Jetzt wird diese neue Neigung auf eine moralische Ebene gehoben. Die Fernreise wird fast zu etwas unmoralischen erklärt: Klimaschädigung, Ausbeutung von Arbeitskräften im Hotel, Erzeugung von Neid, ....

    Das geht mir zu weit!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Warum geht ihnen das zu weit? Wenn Menschen in einem Hotel ausgebeutet werden, muss man sich meiner MEinung nach überlegen, ob man dort sein Geld lassen möchte. Es ist leicht, sich zu Hause hinzusetzen und zu meinen, man könnte nichts ändern. Aber mit unserem Konsumverhalten zementieren wir doch die Verhältnisse. Kaufen sie fair gehandelten Kaffee, Schokolade, etc.? Da gehts doch schon los, auf den Plantagen werden die Leute ausgebeutet und mit jeder Tasse Kaffee, die nicht fair gehandelt ist, unterstützen sie genau das. Sie können nicht die Welt verändern, aber wenigstens ein paar Menschen durch einen minimalen Beitrag ein besseres Leben ermöglichen. Ich habe kein Verständnis dafür, wie man das von sich weisen kann. Reisen, Kakao, Tabak, Kaffee..das sind Luxusgüter. Da könnte man doch darauf achten, dass wir unseren Luxus nicht auf den billiegn Löhnen und den schlechten Bedingungen für andere Menschen ausleben, oder?
    Mir geht das ehrlich gesagt nicht weit genug.. Wir zahlen nicht nur den eigentlichen Preis einer Sache, sondern eigentlich stützen wir die Produktionskette dahinter gleich mit. Man kann nicht alles nachvollziehen, aber es ist verantwortungslos dass man dort, wo man um die Umstände weiß, nicht umdenkt und anders handelt.

  5. Leider plätschert das Interview so dahin, an der Oberfläche, wie ein Tourist im Toten Meer, anstatt in die Tiefe zu gehen, neue Erkenntnisse zu bieten. Ein aus meiner Sicht sehr schwieriger Punkt beim Tourismus in ärmere Länder sind die Bilder, die die europäischen Reisenden dort zeichnen und hinterlassen: das "schiefe" Bild des reichen, sorglosen und glücklichen Touristen, v.a. die Österreicher, Deutschen, Schweizer. Hartz IV-Empfänger reisen ja nicht, also sieht man sie nicht. Dieses Europabild, das die Touristen da exportieren, trägt aus meiner Sicht durchaus seinen Beitrag dazu, dass man in ärmeren Ländern (Bsp. aktuell Tunesien) die Vorstellung hat, nach Europa zu kommen, löse alle Probleme und man werde innerhalb kürzester Zeit ein reicher Mann. Eine andere Art von American Dream.

    Europäische Touristen, die Luxusreisen in Dritte- Welt-Länder machen, sollten dies reflektieren, sollten auch ihr Auftreten dort reflektieren. Dass man übrigens auch anders und durchaus luxuriös reisen kann und dabei zugleich einen Beitrag zur lokalen und regionalen Entwicklung leistet, zeigt zum Beispiel Wilderness Safaris: http://www.wilderness-saf...

  6. Warum geht ihnen das zu weit? Wenn Menschen in einem Hotel ausgebeutet werden, muss man sich meiner MEinung nach überlegen, ob man dort sein Geld lassen möchte. Es ist leicht, sich zu Hause hinzusetzen und zu meinen, man könnte nichts ändern. Aber mit unserem Konsumverhalten zementieren wir doch die Verhältnisse. Kaufen sie fair gehandelten Kaffee, Schokolade, etc.? Da gehts doch schon los, auf den Plantagen werden die Leute ausgebeutet und mit jeder Tasse Kaffee, die nicht fair gehandelt ist, unterstützen sie genau das. Sie können nicht die Welt verändern, aber wenigstens ein paar Menschen durch einen minimalen Beitrag ein besseres Leben ermöglichen. Ich habe kein Verständnis dafür, wie man das von sich weisen kann. Reisen, Kakao, Tabak, Kaffee..das sind Luxusgüter. Da könnte man doch darauf achten, dass wir unseren Luxus nicht auf den billiegn Löhnen und den schlechten Bedingungen für andere Menschen ausleben, oder?
    Mir geht das ehrlich gesagt nicht weit genug.. Wir zahlen nicht nur den eigentlichen Preis einer Sache, sondern eigentlich stützen wir die Produktionskette dahinter gleich mit. Man kann nicht alles nachvollziehen, aber es ist verantwortungslos dass man dort, wo man um die Umstände weiß, nicht umdenkt und anders handelt.

    Antwort auf "Die Null-Bock Dame"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es gibt kein Hotel, in dem nicht ausgebeutet wird. Keine Firma, kein Geschäft. Ausbeutung ist das Wesen des Kapitalismus. Sie dürfen bei keinem Onlinehändler bestellen, in keinem Geschäft in ihrem Wohnort oder anderswo einkaufen gehen, nicht krank ins Krankenhaus eingeliefert werden und zusehen, wie ihr Krankenzimmer gereinigt wird, gar nichts.
    Ohne Ausbeutung geht gar nichts.
    Bitte aufwachen.

  7. Offenbar scheint sich Frau Plüss darin zu gefallen sich selbst zu "vergackeiern" und zu bespaßen.

    Da wird um die halbe Welt gejettet aber mit einem "Klimaticket". Was soll das sein? Fliegt das Flugzeug dann nicht mehr mit Kerosin sondern wird von Adlern gezogen?!

    Noch lustiger ist die Sache, dass die Reisebüromitarbeiterin (wiso eigentlich "-in", darf das kein Mann sein?) in fremden Landen wegen "der Ausbeutung" anrufen soll. "Buenos tardes Seniora, beuten Sie ihre Mitarbeiter ganz schlimmm aus?"

    Soziales Engagement finde ich gut. Bei mir im der Wohnanlage sind auch ein paar Leute im sog. "betreuten Wohnen" untergebracht. [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie trotz Kritik sachlich. Danke. Die Redaktion/lv

    Eine Leserempfehlung
    • dacapo
    • 22. April 2011 17:04 Uhr

    Von einem Mindestlohn kann auch ein dauerbeschäftigtes "Zimmermädchen" keine Familie ernähren, lediglich ein bisschen dazu beitragen.
    Gerade in Nordafrika, und Afrika überhaupt, werden nur gesetzliche Mindestlöhne gezahlt (durchschnittlich 130 Euro). Im Gegensatz dazu werden aber leitende und höhere Angestellte mit Gehältern bezahlt, die fast europäisches Niveau haben. Es ist ein unverschämter Unterschied. Die mit Mindestlöhnen dort arbeitenden Menschen bekommen ja mit, wieviel die Gäste für das Essen, Trinken bezahlen, wieviel die Gäste für die Hotelübernachtung zahlen müssen. All diese Preise dafür stehen in keinem Verhältnis zu den üblichen Preisen für Speis und Trank im Land. Sie können sich abstrakt eine Rechnung machen, wieviel Geld Tourismus abwirft und wieviel in ihre Taschen kommt. Der Tourismus macht Leute reich, sehr reich, aber es kommt viel zu wenig dort an, wo es auch ankommen sollte, nämlich nicht nur bei denen, die die Arbeit verrichten, sondern auch bei denen, die unter dem Tourismus zu leiden haben.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service