Sonoko Higaya in einem Supermarkt. In Japan wurden nach dem Beben viele Lebensmittel knapp. © Privat

31. März: Schlechte Nachrichten für Raucher

Sapporo. Morgens ruft ein Freund aus Miyagi an, einer vom Tsunami zerstörten Provinz. Er will ein Evakuierungszentrum besuchen und soll Zigaretten und Alkohol mitbringen. »Könntest du in Sapporo einen Karton Marlboro besorgen?«, fragt er mich. »Hier bekommt man sie nirgendwo.« In meiner Nachbarschaft gibt es zwei Kioske, bei denen man bis vor Kurzem problemlos Zigaretten kaufen konnte. Nun sind die Regale fast leer. Japan Tobacco hat gestern aufgehört, Zigaretten auszuliefern, weswegen die Raucher schnell die Restbestände aufgekauft haben. Ich kaufe hier eine Schachtel, dort eine. Ich fühle mich so wie vergangene Woche, als ich verzweifelt nach Batterien gesucht habe und keine fand. Ist es schon so weit, dass wir die einfachsten Dinge nicht mehr kaufen können? Sapporo liegt nicht im Katastrophengebiet, das Leben hier läuft auf den ersten Blick normal. Trotzdem sickert auch hier die Angst durch, die Angst nach der Katastrophe.

1. April: Wahlkampf in Eniwa

Mein Bekannter Daisuke tritt bei den lokalen Wahlen nächste Woche als Kandidat der Demokraten an. Er lebt in Eniwa, einer Nachbarstadt von Sapporo. »Kannst du mir beim Wahlkampf helfen?«, fragt er mich, und ich sage Ja. Zusammen mit zwei anderen Helfern fahren wir in seinem kleinen Honda durch jede noch so schmale Straße in Eniwa, wir kurbeln die Fenster herunter, und er ruft über seinen Lautsprecher: »Nicht mehr als dreißig Schüler pro Klasse!« oder »Umschalten auf erneuerbare Energien!« Ich kenne Daisuke seit der Schulzeit, ich weiß, dass er Kernenergie immer für ein notwendiges Übel gehalten hat. »Hast du deine Meinung wegen Fukushima geändert?«, frage ich ihn. »Ja«, sagt er. Daisuke findet nicht, dass man das Kernkraftwerk bei uns in der Nähe sofort abschalten sollte. Aber er sagt, dass er die Sicherheitsstandards erhöhen und die erneuerbaren Energien ausbauen wolle, falls er gewählt wird.

2. April: Wer soll Tokyo mit Stromversorgen?

Früher habe ich mir zum Thema Energieversorgung nicht viele Gedanken gemacht, aber seit Fukushima mache ich mir große Sorgen. Im Internet versuche ich, mich schlau zu machen. Meine Familie, meine Freunde, das ganze Land will Energie sparen. Aber wenn man liest, wie in Japan Energie verschwendet wird, könnte einem schlecht werden: Tepco und die anderen Energiefirmen haben in den vergangenen Jahren aggressiv für Häuser geworben, in denen mit Strom geheizt wird. Diese Technik ist zwar günstig, aber der Verbrauch ist enorm. Im Großraum Tokyo ist der Energieverbrauch in den letzten drei Jahren daher um zwei Millionen Kilowatt gestiegen – das ist die Leistung von zwei Kernkraftwerken.

Im Großraum Tokyo geht nun die Angst vor Stromknappheit um, denn die Menschen dort bekamen ihren Strom vor dem Unfall von dem beschädigten Kernkraftwerk in Fukushima. Die Regierung schätzt, dass ihnen im Sommer eine Versorgungslücke von 8,5 Millionen Kilowatt droht. (Zum Vergleich: Deutschlands größtes Kernkraftwerk Brokdorf hat eine Leistung von 1,4 Millionen Kilowatt.) Woher soll der Strom für Tokyo kommen? Die Kraftwerke in der Nachbarregion, in Tohoku, werden für den Wiederaufbau gebraucht, denn Tohoku liegt im Tsunamigebiet. Die im Westen können nicht liefern, weil sie Wechselstrom mit der falschen Frequenz produzieren. Als einzige mögliche Stromlieferanten bleiben daher nur die Kraftwerke bei uns auf der Nordinsel Hokkaido – aber bei dem weiten Transport von hier nach Tokyo würde zu viel Energie verloren gehen.