Yoani SánchezKuba und Kairo in einem Atemzug

Zwischen Suezkanal und Karibik liegen keine Welten, glaubt die regimekritische kubanische Bloggerin Yoani Sánchez. Hier wie dort wächst eine kritische Generation heran. von 

Die kubanische Bloggerin Yoani Sánchez

Die kubanische Bloggerin Yoani Sánchez  |  © Adalberto Roque/AFP/Getty Images

Sie ist erst Mitte dreißig, die studierte Philologin Yoani Sánchez. Und doch zählte das amerikanische US-Magazin Time die Kubanerin schon 2008 zu den hundert einflussreichsten Frauen der Welt. Ihr oppositionelles Blog ist mit Preisen ausgezeichnet und als Buch nachgedruckt worden (auf Deutsch: Cuba Libre, erschienen bei Heyne). Das hat ihr Umfeld bisher kaum verändert; allein der alte, öltriefende, sowjetische Fahrstuhl – einer der Alltagshelden ihrer Einträge – ist einem neuen, russischen Lift gewichen. Sánchez’ digitaler Kosmos dagegen erweitert sich seit Wochen unaufhörlich. Dehnt sich bis in ungeahnte arabische Räume aus.

»Mir erscheint es«, sagt sie auf dem Balkon ihrer Wohnung mit Blick auf Havanna, »als ob ein Meteorit voll demokratischer Partikel die Erde getroffen hat. Sie verbreiten sich mit rasender Geschwindigkeit über die verbliebenen Diktaturen. Jahrhunderte hat es bis zum Ende der Sklaverei gedauert. Dann wich der Kolonialismus zurück. Doch was er hinterließ, starb nur langsam und unter fortdauernden Schmerzen. Und nun ist es so, als ob ein einziger Einschlag zur Auslöschung der totalitären Saurier führt. Niemand kann sagen, was dem folgt. Aber ich glaube jetzt, dass ich und mein Blog es überleben und beschreiben werden.«

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Wird sie dann von ihrem 14. Stock aus beobachten können, wie das Meer wieder von Schiffen befahren wird? Seit sie hier wohnt, schließt ein vollkommen leeres Blau Havannas Uferstraße ein. Rund um die Insel gilt die Schifffahrts-Verbotszone, weil das lockende Ufer und die propagandistischen Sirenen Floridas nur 145 Kilometer nördlich von diesem Wasser liegen. Kühl weht der Wind von dort. Sánchez wickelt sich fröstelnd in eine zweite, an der Seite aufgerissene Bluse. Das war das Werk der Staatssicherheit. Auf dem Weg zu einer Demonstration hatten Geheimdienstler die Bloggerin im November 2009 in ein Auto gezerrt, geprügelt und am Rande der Stadt auf die Straße geworfen.

»Zu den Bildern von Kairos Tahrir-Platz nach Mubaraks Rücktritt, Yoani, hast du geschrieben, der Sueskanal und die Karibik seien keine so entfernten Orte...«

»Geschichte und Kultur haben in Kuba und Nordafrika sehr unterschiedliche Welten geschaffen. Nun stellt sich beiden eine Schicksalsfrage, für die ökonomische und anthropologische Vergleiche überhaupt keine Bedeutung haben. Sie lautet: Wie lange können Menschen ohne Freiheit aushalten? In Libyen, Kairo, Kuba haben charismatische Herrscher sich selbst und ihre Völker glauben gemacht, dass kostenlose Gesundheitsfürsorge und Bildung auf ewig Macht sichern und niemand sie infrage stellt. Doch nun hat sich eine Generation vernetzt, für die solche symbolischen Errungenschaften keine Geschenke mehr sind. Keine Gaben, die ewigen, nie hinterfragten Dank verlangen.«

»Und was planst du in dieser Lage?«

»Meine Zukunft hat schon begonnen. Ich bastele an einer Zeitung. Sie wird nicht um jeden Preis ein oppositionelles Pamphlet sein, das die Missbräuche der Diktatur anprangert...« – »...sondern?« – »Es soll eine richtige Zeitung sein mit Lesestoff für jedermann und über alle Aspekte unseres Lebens, ohne Rücksicht darauf, wie unbequem oder bedrohlich sie sind. Vorerst wird sie den Planeten keinen einzigen Baum kosten, weil wir sie ins Netz stellen. Wir haben schon das Team, die Technik und das All, das die Zensur nicht erreicht...«

»Das Regime, das dich bisher schon überwacht und bedrängt, wird das zulassen?« – »Wir brauchen dafür nicht die Erlaubnis der Regierung, wir brauchen nur Verzicht und Glaubwürdigkeit. Verzicht auf verbale Gewalt und persönliche Attacken. Glaubwürdigkeit, weil niemand von uns Rückendeckung hat durch ›institutionales Prestige‹, Mainstream-Medien und hegemoniale Monopole. Meine Hoffnung ist, dass wir so zur Neuformierung einer Nation beitragen können, in der alle Kubaner Platz finden und zu Wort kommen können.«

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Leserkommentare
  1. Eben darum dürfte sie mit ihren klugen Worten hier in unserem demokratiemüden und allzu gerne autoritätshörigen Deutschland bestenfalls auf demonstratives Desinteresse stoßen.

    Wir werden sie -und mit ihr Zigmillionen von nach Demokratie und Freiheit strebenden Menschen in allen möglichen Teilen der Welt- so inbrünstig wie möglich zu ignorieren versuchen, und statt dessen lieber weiterhin wie gehabt auf die despotischen Unterdrücker setzen, mit denen wir so gern die lukrativsten Geschäfte zu machen pflegen.

    Gegen das global grassierende Freiheits-Virus haben wir Deutsche uns (leider) längst immunisiert.

    Nun stehen wir Deutschen verständnis- und ratlos vor dem neuen mächtigen globalen Schub freiheitlicher Umwälzungen, und verstehen einfach nicht, warum andere Menschen sich nicht damit begnügen wollen, von ihrem jeweiligen autoritären "Übervater Staat" leidlich mit dem Überlebensnotwendigsten versorgt zu werden, um ihm dafür in ewiger Dankbarkeit brav (also gewissenlos) als fremdbestimmte Untertanen dienen zu dürfen.

    Mental haben wir in Deutschland längst den Anschluss an aufgeklärte Freiheitlichkeit und bürgerlich-demokratische Mündigkeit verpasst.

    Ich freue mich für die Menschen auf Cuba und anderswo, dass sie gegenseitig solidarisch bestärkt und unbeirrt an ihrem individuellen Streben nach Freiheit festhalten, und sie damit bereits das verdiente Ende der antidemokratischen und freiheitsfeindlichen Despoten einläuten.

    Was für eine tolle Frau, diese Yoani Sánchez!

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    • EllyS
    • 12. April 2011 19:12 Uhr

    Ein sehr treffender Kommentar, viele in Deutschland kennen den Wert der Freiheit nicht (mehr). Ein Blick in andere Länder, die nicht so privilegiert sind, könnte so manchem die Augen öffnen, viele sind dafür aber zu bequem.

    • EllyS
    • 12. April 2011 19:12 Uhr
    2. Danke

    Ein sehr treffender Kommentar, viele in Deutschland kennen den Wert der Freiheit nicht (mehr). Ein Blick in andere Länder, die nicht so privilegiert sind, könnte so manchem die Augen öffnen, viele sind dafür aber zu bequem.

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