Man stelle sich vor: Die Bundesregierung verkündet, dass Millionen Deutsche weder lesen noch schreiben können . Tauchte eine solche Meldung danach nicht prominent in allen Zeitungen auf, und würden nicht Leitartikler den Niedergang der »Bildungsrepublik Deutschland« beklagen? Politiker aller Parteien forderten »Sofortmaßnahmen«. Sofort gäbe es eine Aktuelle Stunde im Bundestag. Auf dem Höhepunkt der Debatte würde die Kanzlerin einen »Alphabetisierungsgipfel« einberufen. So würde es geschehen, oder?

Von wegen. Die Veröffentlichung hat stattgefunden, das Bildungsdesaster ist real – sämtliche Reaktionen aber blieben aus. Tatsächlich stellte Ende Februar das Bundesbildungsministerium eine Studie vor, der zufolge in Deutschland mehr als sieben Millionen funktionale Analphabeten leben ( ZEIT Nr. 10/2011 ). Diese Menschen können nur mit Mühe kurze Sätze lesen und schreiben; zwei Millionen kapitulieren sogar ganz vor dieser Aufgabe. Weitere 13 Millionen Erwachsene kommen in puncto Formulierungsfähigkeit nicht über Grundschulniveau hinaus.

Doch den meisten Zeitungen war der Befund nur eine kleine Nachricht wert. Auch für die Politik war das Ausmaß der Lese- und Schreibunfähigkeit kein Thema. Der von Annette Schavan angekündigte »Pakt für Grundbildung« ist so unverbindlich, dass er getrost vergessen werden kann.

Es gab eben wichtigere Themen, werden viele sagen: die Guttenberg-Affäre, der bedrohte Euro, schließlich die Katastrophe in Japan oder die Krise der FDP.

Man könnte die Nachrichten des Frühjahrs aber auch anders gewichten: Die Millionen Analphabeten sind verheerender für das Bildungssystem als Hunderte gefälschter Doktorarbeiten. Sie sind konkreter als der vermeintliche Untergang des Euro und zahlenmäßig bedeutender als alle FDP-Wähler zusammen. Ganz zu schweigen von den finanziellen und sozialen Konsequenzen der nationalen Leseschwäche: So gelten viele der Betroffenen den Arbeitsagenturen als nicht vermittelbar.

Analphabeten jedoch haben nun einmal keine Lobby. Sie lesen keine Zeitung, gehen nur selten zur Wahl. Massendemonstrationen sind von ihnen nicht zu erwarten. Statt sich zu ihrer Schwäche zu bekennen, kaschieren die meisten Illiteraten trickreich ihr Defizit (»Lesebrille vergessen«).

Als politisches Hindernis, um dem Missstand entgegenzutreten, erweisen sich einmal mehr die zersplitterten Zuständigkeiten, zwischen Berlin und den Ländern, zwischen Bildungs-, Sozial- und Arbeitsministerien. Immerhin: Der Bund hat ein Forschungsprogramm finanziert. In den Ländern dagegen herrscht, obwohl sie auf dem Feld hauptverantwortlich sind, völliges Phlegma.

Wie es anders geht, zeigt Nachbar England. Hier hat die Regierung eine nationale Alphabetisierungsstrategie entwickelt und dafür mehr als 3,6 Milliarden Euro ausgegeben. Das war vor zehn Jahren – seither sinken die Analphabetenzahlen auf der britischen Insel. In Deutschland dagegen wird man das Problem vermutlich auch die nächsten zehn Jahre ignorieren.