Peter HandkeNimm den Wanderstab!

Peter Handkes neuer hochfahrender, sanfter, überwältigender Marsch durch die Welt des Erzählens von Thomas E. Schmidt

Peter Handke

Peter Handke 2009 auf dem Estoril Film Festival in Estoril bei Lissabon.  |  © Francisco Leong/AFP/Getty Images

Also wieder einmal Peter Handke folgen auf einer Wanderung – einer Wort- und Dingwanderung, weniger, wie stets, durch eine erzählte Geschichte führend als vielmehr sehr dicht unter der Hirnschale des Autors an Wahrnehmungen entlang. An einzelnen Bildern macht Handkes schlichte Erzählung halt, sie meditiert über diese Bilder, lotet sie aus, lädt den Leser zum Mitfreuen ein oder zieht ihn in eine veritable Handkesche Niedergeschlagenheit. Sie gleitet durch das zwiespältige Universum des Dichters, trifft auf die üblichen Gestalten, die es auch sonst bevölkern, »ein ganzer Schock der Leibhaftigen«. Gelegentlich droht diese Wanderung in resignierte Müdigkeit zu sinken, dann schwingt sie sich plötzlich wieder auf, eine Beschleunigung, ein Ziel wird womöglich sichtbar, ein echtes Ende, und dann bricht sie doch irgendwann ab: »Statt dessen der Große Fall«. In Handkes Büchern ereilt den Leser ein Aufhören, manchmal ist es grausam, manchmal erleichternd. Nicht immer lohnte es sich in den vergangenen Jahren, mit Handke zu wandern. Es gab Strecken, die waren zu lang, zu viele Ressentiments lagen auf dem Weg. Es ging in Gegenden, in die man nicht wollte. Bei diesem Buch sei dem Leser geraten: Nimm Deinen Stock, stecke Dir, wie der Held des Großen Falls, eine Feder an den Hut und folge. Es ist zu Deinem Besten, und Du wirst es nicht bereuen.

Im Großen Fall steckt der Sommertag eines Schauspielers. Der Schauspieler ist nicht mehr ganz jung, er hat keine Lust mehr zum Schauspielern, aber er wird es sehr bald wieder tun müssen. Schon am nächsten Tag. Die Nacht hat er mit seiner Geliebten verbracht, und morgens tobt ein Gewitter. Es ist in jeder Hinsicht ein Weckruf. Er steht auf und frühstückt, wäscht ab und liest in einem Buch. Darin ist von einem die Rede, der zum Amokläufer wurde, und genau das wird die nächste Rolle des Schauspielers sein. Dann bricht er auf, er läuft zu Fuß vom Haus der Geliebten am Rand der Stadt ins Zentrum derselben, nicht zu schnell, eigentlich eher ziellos. Von nichts anderem handelt das Buch. Und natürlich handelt es genau davon nicht. Es handelt nicht von den Obdachlosen und Joggern, denen der Held begegnet, weder von den alten Freunden, den Priestern oder den Pärchen noch von missgelaunten Polizisten oder rangelnden Jugendgangs. Es handelt auch nicht von Pilzen oder Greifvögeln. Es handelt von all diesen Dingen nur, insofern sie dem wachen Gemüt die Welt zeigen, sie es seiner Wachheit vergewissern, was beileibe nicht nur schön ist. Mitten im Geläufigen ereignet sich eine Entdeckung der Welt. Das Erzählen wechselt die Augen aus. Und die Frage stellt sich, wie das alles eingefangen, wie das dargestellt werden kann, damit es nicht im nächsten Moment schon wieder verloren ist. So ist diese Erzählung eine Wanderung durch das Erzählen selbst.

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Nun ist dieser Schauspieler ja bereits ein Darsteller. Das heißt, er ist ein Profi im Überschreiten der Wirklichkeit, einer Vermischung von Realität und Fiktion. Bloß, dass er die Darstellung nicht mehr auf eine routinierte Weise hinbekommt, so »erachtete er sich selber nicht mehr als Schauspieler«. Morgen soll er wieder spielen, abends noch einen Preis entgegennehmen. Es kommt anders. Mit dem morgendlichen Donnerschlag spürt er, dass er an die Schwelle zur Überschreitung der gewohnten Lebenswelt nicht mehr aus eigener Kraft gelangt. Vielmehr widerfährt ihm diese Erfahrung nun, und er ändert seinen Modus der Aufmerksamkeit: Im »Müßiggang« findet er die hellen Partikel der Welt. Sie passieren ihm. Und er weiß auch, dass die Schwelle nicht das Tor zur Erlösung ist, dass im Jenseits des Geläufigen nicht ein Paradies oder die Wahrheit wartet. Er ist ja bereits ein gewiefter Schwellenbesucher: Seine Liebe ist glücklich, so glücklich, dass seine Geliebte und er von sich behaupten können, dem schleichenden Niedergang der Liebe entkommen zu sein, die Zeit besiegt zu haben: »Haben über sie gesiegt, und sie hat nicht mehr gegolten, ist verduftet, und wir, wir zwei, wir beide, sind die geltende Welt geworden. Sind geworden und gewesen, was der Fall ist.«

Leserkommentare
  1. 1. igitt

    ist das nicht der typ, der die grabrede auf einen massenmörder gehalten hat? und ohne den soll deutsche literatur nicht vorstellbar sein? igitt. danke, ich verzichte!!

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    Igitt.
    Literatur ist kein Freizeitpark.

  2. 2. igitt

    Günter Grass: ist das nicht der Typ, der bei der Waffen-SS war? Und ohne den soll deutsche Literatur nicht vorstellbar sein? Igitt. Danke, ich verzichte!!

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    Ihnen ja zum Glück frei. Aber wen interessiert das?

  3. Wer weiß... Vielleicht hätte es nie eine europäische Literatur gegeben ohne den Gesang auf das Gemetzel vor und in Troja.

  4. Mit Verlaub: zwei Seiten Gewäsch über ein Buch, in dem keine Geschichte erzählt wird. Ich habs versucht, dieses Buch zu lesen. Hat auch tatsächlich ein paar schöne Stellen, aber es reicht insgesamt einfach nicht: Literaturbetriebsliteratur und viele, viele Worte um eigentlich nichts.
    Und BITTE: Handke und Homer in einem Zusammenhang ...

  5. 5. Handke

    ist überbewertet! Seine Werke werden mit ihm verschwinden und das ist auch nicht tragisch.
    Seine Rede auf den Schlächter vom Balkan, Milosevic, und seine verbale Unterstützung für diesen Massenmörder zeugt davon, wessen Geistes Kind er ist.
    Dass Günter Gras bei der Waffen-SS war, wusste er offensichtlich selber nicht. Dieser Eintrag wurde aus formalen Gründen vorgenommen. Diesbezügliche Taten kann man ihm nicht vorwerfen.
    Grass ist tatsächlich ein großer deutscher Romancier.

  6. Ihnen ja zum Glück frei. Aber wen interessiert das?

    Antwort auf "igitt"
    • Zack34
    • 12. April 2011 14:26 Uhr

    Aber so etwas wie Argumente enthält sie definitiv nicht.

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    Entfernt. Bitte bemühen Sie sich um einen respektvollen Umgangston. Danke. Die Redaktion/ag

  7. Igitt.
    Literatur ist kein Freizeitpark.

    Antwort auf "igitt"

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  • Schlagworte Peter Handke | Erzählung | Schauspieler | Paris
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