Was meinen Migrationshintergrund betrifft, bin ich Afrikaner, ich bin der weiße Massai. Mein Großvater lebte in Namibia, mein Vater lebt in Südafrika. In der vergangenen Woche war ich in Südafrika unterwegs. Ich durfte eine Studentendelegation auf einer Studienreise begleiten. Die Studenten erforschten Kultur, Politik und Soziales. In Kapstadt hörten wir einen Vortrag, es ging auch um den Toilettenskandal, der Südafrika seit Längerem erschüttert.

Die örtliche Regierung wollte in einem der Slums, die hier »Townships« heißen, Toiletten für die Bewohner errichten, mit Wasserspülung. Das Geld reichte aber nur, um für jeweils fünf Häuser eine Toilette zu bauen. Die Regierung hatte die Idee, nur die Leitungen zu verlegen, die Installationen einzurichten und das Fundament zu gießen. Das Häuschen sollten die Bewohner selber hinstellen. Die meisten sind arbeitslos, Zeit ist vorhanden. Auf diese Weise konnte man, so der Plan, für jedes Haus eine Toilette bereitstellen. Die Regierung war stolz auf ihre Kreativität. Kaum waren die ersten Fundamente fertig, tauchten in den Zeitungen Fotos auf. Sie zeigten Bewohner der Township, die vor Blicken fast ungeschützt, quasi auf offener Bühne, ihr Geschäft verrichteten. Sie sahen unglücklich aus. Sie benutzten die Installationen, das Häuschen aber fehlte. Dies sei, so erklärte die Opposition, ein Beweis für den Rassismus der Regierung. Nach Ansicht der Regierung hätten schwarze Menschen keinen Anspruch auf Schutz ihrer Intimsphäre. Die Provinzchefin Helen Zille ist nämlich weiß.

Ein anderer Vortrag ging über Frauen. Eine afrikanische Feministin sprach über Winnie Mandela, Spitzenpolitikerin im Ruhestand. Winnie Mandela war in einen Kriminalfall verstrickt. Sie hat einen 14-Jährigen von ihrem Leibwächter ermorden lassen und wurde deshalb zu einer Geldstrafe verurteilt. Ich bin kein Jurist, aber dies scheint mir kein übertrieben hartes Urteil zu sein. Sie ist aber immer noch bis oben hin voller Charisma und sehr beliebt. Die Feministin erklärte, die Verurteilung sei ein weiterer Beweis dafür, dass die Sexisten Frauen in Führungspositionen einfach nicht ertragen. Falls Winnie Mandela die Tat begangen habe, wofür manches spricht, dann nur deshalb, weil sie unter dem Apartheid-Regime seelische Schäden erlitten hat. Schuld an Winnies Tat hätten erstens die Männer, zweitens die Apartheid. Ich dachte an Berlusconi, an Berlusconis juristischen Problemen sind bekanntlich die Frauen schuld, warum lassen sie ihn nicht in Ruhe.

Dann sprach ein Professor über Simbabwe. In Simbabwe wurden die weißen Farmer vertrieben, jetzt ist der Staat pleite, und viele hungern, für die Freunde des Präsidenten trifft dies nicht zu, sie haben den Spitznamen »die fetten Katzen«. Die fetten Katzen schnurren den ganzen Tag. Der Professor sagte, die Krise der Landwirtschaft hänge eher damit zusammen, dass Simbabwe keine Entwicklungshilfe mehr bekommt. Wenn die Kapitalisten Simbabwe genug Geld geben würden, dann hätte Simbabwe keinerlei finanzielle Probleme. Eine gewisse Logik kann man dieser Argumentation nicht absprechen.

Wir waren auch in einem Kinderladen. Die Kindergärtnerin machte Musik an. Es ertönte der Mainzer Karnevals-Hit Rucki Zucki, und zwar mit englischem Text, der Refrain lautete »Räcki Zäcki, Räcki Zäcki«. Die Kinder tanzten den Räcki Zäcki, und ich dachte, in Afrika gibt es exakt die gleichen Probleme wie bei uns auch. In erster Linie sind es Sexismus, Rassismus und Kapitalismus.

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