ÖkohotelsNachhaltig überzeugend

Holzhackschnitzel in der Heizung und Biogemüse auf dem Buffet – wie Ökohotels das Reisen umweltverträglicher machen. von 

Das Bio-Hotel Gutshaus Stellhagen in Mecklenburg

Das Bio-Hotel Gutshaus Stellhagen in Mecklenburg  |  © Michael Kromat/Gutshaus Stellshagen

Murmeltierfett! Das klingt eher nach Luis Trenkers Notapotheke als nach einem Ökoprodukt in der Vital-Oase eines grünen Hotels. Bei der Vorstellung, der Winterspeck eines Erdhörnchens könne in meine verspannte Muskulatur eindringen, zucke ich innerlich ein bisschen zusammen auf meiner Wellnesspritsche. »Das ist hier in den Bergen ein ganz altes Heilmittel«, haucht beruhigend die Tiroler Masseurin. Schon ist sie auch mit den Kräuterstempeln bei der Hand. Weiße Säckchen voller Arnika, Ringelblume, Kamille und Johanniskraut hüpfen über den Rücken, duftend nach Ötztaler Wiesen. »Gell«, gurrt die Dame in Weiß beim Klopfen und Kneten, »das ist Natur pur!« Da muss ich schon wieder zusammenzucken. Denn einerseits fühlt man sich murmeltierisch. Andererseits weckt so eine Floskel Misstrauen: Ist der Ökoanspruch des »Naturhotels« Waldklause in Längenfeld womöglich doch nur Reklame? Die nüchtern kalkulierte Antwort auf eine neue Tourismusmode?

Erst hatte ich noch gedacht, es wäre Zufall, dass lauter Kollegen und Freunde aus ähnlichen Bioherbergen zurückkehrten nach Urlauben in Sachsen, dem Schwarzwald, der Schweiz. Aber auch um die Ecke in Berlin-Charlottenburg hat ein »Energiehotel« eröffnet, und der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband meldet, nachhaltiges Wirtschaften entwickle sich zur Leitkultur. Das wäre doch mal eine positive Marktentwicklung. Trotzdem fragt man sich im österreichischen Kräuternirwana: Kann sich das überhaupt vertragen, Verantwortung für die Umwelt und vier Sterne?

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Mal ausprobieren. Hier in der Waldklause – einem Ziel für betuchtere Ökotouristen , die sich Naturnähe nicht nur beim Skilaufen und Wandern wünschen, sondern auch in ihrem Quartier. »Wir wollten etwas Sensibles auf unser Waldgrundstück setzen«, sagt Irene Auer, die Besitzerin. Der Holzbau wirkt geradlinig, klar, elegant. Tanne, Fichte und Zirbe prägen japanisch streng anmutende Flure. Dass auch alle Kunst um das Thema Bäume kreist, mag man etwas hartnäckig finden. Die Holzarchitektur selbst jedoch ist mehr als ein Look. Als sie den Neubau 2004 plante, war das Ziel klar, sagt Irene Auer: Er sollte komplett aus dem Urmaterial der Nachhaltigkeit sein. Dem Rohstoff aus der Region, oder: gebundenem CO₂. »Schauen Sie«, in einem der lichten Flure zeigt die Chefin auf eine Naht, »die Bretter sind alle ohne Leim verdübelt, um Ausdünstungen zu vermeiden.« Auch sonst ist alles baubiologisch und energetisch ausgeklügelt. Rundherum sei das Haus wärmegedämmt, sagt Irene Auer; die Heizung werde mit Holzhackschnitzeln befeuert. Bei zig Details habe man auf Effizienz geachtet.

Ist man Ökostalinistin, wenn man fragt, warum bei »Anfahrt« Flughäfen stehen?

In den Zimmern: natürlich Holz. Alle Objekte sind fast schon zu designverliebt ausgewählt, trotzdem fühlt man sich geborgen wie in einem hohlen Baum, wo es genauso nach Harz und Honig duftet. Der Blick wird auf einen Hain vor dem Balkon gelenkt, sein Grün ist das Erste, was man beim Aufwachen sieht. In diesen Wochen bauen die Auers auch noch ein Schwimmbad mit weiteren Wellnessräumen und Ruheterrassen zwischen diese Tannen. Das passt zur Kundschaft, die neben der Umwelt auch an die Karriere denkt, Leuten, die »kaum mehr Urlaub haben und in drei, vier Tagen wieder fit sein müssen«, wie eine Mitarbeiterin beobachtet hat. Solche Gestressten werden dann die neue »Burn-out-Suite« mieten können. Und sich noch ein bisschen mehr abschotten vom normalen Tourismus im Tal der Widersprüche. Den Aqua Dome nebenan zum Beispiel müssen sie dann nicht mehr nutzen, einen Klotz in einem zersiedelten Ort. Aber zum Skilaufen werden auch die Ökohotel-Urlauber weiter hinauf nach Sölden fahren mit seinen »zwei Kilometern Beleidigungsarchitektur«, wie der Tourismuskritiker Hans Haid einmal spottete. Rofen, Gamskopf und Hauerkogel überragen zwar souverän alle Lifte und Discos. Doch die Gletscher haben sich zurückgezogen. »Als wir klein waren, hörte man sie krachen«, sagt Irene Auer, »jetzt sieht man sie kaum noch.« Im Winter läuft auf Hängen und Loipen ohne Schneekanonen wochenlang gar nichts.

Schuld daran ist der Klimawandel , der sich auch durch die zunehmende Mobilität beschleunigt. In kaum einem anderen Wirtschaftszweig wächst der CO₂-Ausstoß vergleichbar rasch, vor allem des Verkehrs wegen. Immerhin: Um nach Österreich zu kommen, müssen mitteleuropäische Touristen nicht fliegen. Auch das Auto können Waldklausen-Urlauber getrost daheim lassen. Sie werden am Bahnhof abgeholt, das bieten die Gastgeber auf ihrer Website an. Ist man schon Ökostalinistin, wenn man es merkwürdig findet, dass unter »Anfahrt« trotzdem auch die Flughäfen München, Salzburg und Innsbruck stehen?

Die Auers sind konsequenter als viele andere Hoteliers in ihrem Bemühen um ökologische Integrität. Dafür haben sie das Europäische Umweltzeichen bekommen, eines der glaubwürdigsten Gütesiegel . Aber im Paradoxon des Ökotourismus bleiben auch sie gefangen: Nichts ist so umweltfreundlich, wie daheim zu bleiben. Vielleicht ist das, neben der Sorge um die Gesundheit, auch das stärkste Motiv der umweltbewussten Kunden: das Gewissen zu beruhigen. Wiedergutmachung, wenigstens teilweise. Und das ist ja besser als nichts.

Bei der Suche nach geeigneten Quartieren sollen mehrere Dutzend Labels und Zertifikate helfen. Doch ihr Wildwuchs stiftet ebenso große Verwirrung wie die unterschiedlichen, oft vagen Anforderungen. In Deutschland ist zum Beispiel die Umweltmarke Viabono verbreitet. 18 Organisationen vom ADAC über den BUND bis zum Umweltbundesamt wollen unter diesem Dach die Betreiber von Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen dazu ermuntern, weniger Wasser, Material und Energie zu verbrauchen und sich für den Schutz der Landschaft einzusetzen. CO₂OL qualifiziert »klimaneutrale Hotels«, der Schweizer Steinbock fordert ein konsequentes Ressourcenmanagement. Daneben demonstrieren die Norm Iso 14001, die Blaue Schwalbe, der Green Globe, ehc, Emas, dass immerhin etwas passiert. Aber auf einen Kompromiss wie das Biosiegel bei Lebensmitteln konnten sich die Idealisten und Pragmatiker, die Naturschützer und Standortentwickler nicht einigen. So bleibt Urlaubern wenig anderes übrig, als blind zu vertrauen – oder im Internet die Kriterienkataloge zu wälzen und danach zu entscheiden, wie rigoros sie es selbst gern hätten.

Leserkommentare
  1. Das ist wohl der neue Luxus fürs Bürgertum, diesmal in grün.
    Die geschilderten Erfahrungen dürften nämlich kaum tauglich für die Urlaubswünsche und noch mehr, -möglichkeiten der "Massen" sein. Oder sollen die gleich zuhause bleiben, damit die neue Schicht des Öko-Mittelstandes unter sich bleiben kann?
    Ich frag ja bloß und will mit diesen Anmerkungen den Ansatz keineswegs in Grund und Boden kritisieren.Ich denk einfach nur ein bisschen weiter, inwiefern das tatsächlich ein Modell für alle sein könnte. Irgendwie seh ich das nicht.

    2 Leserempfehlungen
    • anin
    • 08. April 2011 14:01 Uhr

    mir erzählen, dass es ökologisch "wertvoll" sei, den Waldboden vom Fall- und Bruchholz zu befreien. Der beste Naturschutz ist immer noch dann gegeben, wenn sich der Mensch vollständig aus den entsprechenden Refugien zurückzieht. Wir werden noch einmal dankbar für die letzten unberührten Landstriche sein!

    4 Leserempfehlungen
  2. Damit ist eigentlich alles gesagt.

    Eine Leserempfehlung
  3. Ist umweltbewusst leben eigentlich ohne Esoterikkäse wie Elektrosmogglauben, Heilfasten und ähnlichem Klimbim unmöglich?
    Dagegen bin ich nun wiederum allergisch.

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