Monogamie Sittenbilder

Treu sein, zwei sein, Familie sein? Das konnten Paare selten frei wählen – drei historische Momentaufnahmen.

Eine Zeichnung aus der Zeit um 1850: Eine Anstandsdame wacht über ein verliebtes Paar

Eine Zeichnung aus der Zeit um 1850: Eine Anstandsdame wacht über ein verliebtes Paar

Untreue: Basel um 1530

Nein, es gibt keine definitiven Zahlen, die heute der Neugier entgegenkämen: Eine historische Statistik der Ehebrüche, Seitensprünge und Treulosigkeiten pro Milieu, Region und Geschlecht hat zum Glück keiner erstellt. Das Geheimnis der Nächte bleibt ein Geheimnis.

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Anderes aber weiß man: Wie die sogenannte Unzucht geächtet wurde und erst in der europäischen Neuzeit das Treuegebot zustande kam, das lässt sich am Beispiel der Stadt Basel zur Reformationszeit zeigen.

Die Historikerin Susanne Burghartz hat die Politik der sexuellen Reinheit anhand der Akten der damals neuen Institution des Ehegerichts studiert und allerhand Handicaps des Ehelebens gefunden: Anfechtung, böswilliges Verlassen und Impotenz, illegitime Kinder und was der Hindernisse mehr sind. Die Ehe soll von Obrigkeit wegen künftig vor allem ein Bollwerk gegen sexuelle Verfehlungen sein, denn der guten Ordnung halber gehört Sex ausschließlich in die Ehe.

Das sogenannte Frauenhaus, bisher ein Ort der tolerierten Unzucht, wird in Basel im Jahr 1524 geschlossen. Doch was hilft es: Kurz darauf blüht die freie Prostitution. Und der Ehebruch – ob durch Männer oder Frauen begangen – wird in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts am häufigsten als Scheidungsgrund vor dem Gericht angeführt.

In Basel ist aber auch, jenseits von Moral, Gesetz und Kontrolle, jener unverwechselbare Urton zu hören, der Liebenden aller Zeiten gemeinsam ist. Als zum Beispiel eine Ottilia sich im Jahr 1539 darüber äußert, warum sie einen gewissen Hans nur lieben wollte, ans Heiraten aber nicht dachte, nennt sie den Grund: »dorumb, das es mir wol that«.

Unzucht: Württemberg um 1860

Die Ewigkeit der Treue währt um das Jahr 1842 nicht lang. Die statistische Lebenserwartung liegt bei nur 32 Jahren, nicht zuletzt, weil so viele Mütter im Kindbett sterben. Ein Paarleben dauert oft nur ein paar Jahre, bis dass der Tod es scheidet. Und was der hartnäckige Versuch, trotz Armut treu zu sein, im Fabrikarbeitermilieu um 1860 heißen kann, lässt sich dank der Mikrostudien der Historikerin Carola Lipp zum württembergischen Spinnereidorf Kuchen erzählen: Die Arbeiter sind überwiegend zugezogen und bleiben ledig, denn es gibt keine Eheerlaubnis ohne Bürgerrecht, und das kostet drei Jahreslöhne – unerschwinglich, wenn zum Sparen nichts übrig bleibt.

So steigt das durchschnittliche Heiratsalter von Arbeiterinnen auf fast dreißig Jahre an. Nichteheliche Sexualität ist als Unzucht strafbar. Wer will das schon riskieren? Jeder möchte ehrbar wirken, um seine Arbeit nicht zu verlieren. Wer hingegen als Paar leben und Kinder haben will, muss es entschlossen illegal tun. Denn nur die rechtsgültige Ehe gilt als Siegel des sittlichen Wohlverhaltens, nur verheiratet gilt man als anständiger Mensch. Aber ist der Steinhauer Jacob Grabis kein anständiger Mensch? 18 Jahre lang hat die Polizei ihm nachgesetzt, dem steten Gefährten von Pauline Maier und Vater ihrer drei Kinder, die er alle in »Vaterpflicht und Treue versorgt«. Die Staatsgewalt tut rastlos alles, um das Paar zu trennen. Vergeblich. Auch die Studien der Historikerin Karin Gröwer zu »wilden Ehen«, also illegalem Paarleben, unter den Armen in Hamburg um 1850 belegen einen Wunsch nach Beständigkeit – als gelte es, dem Ideal auch unter höchstem Risiko in Wirklichkeit treu zu sein.

Leser-Kommentare
  1. Bei einem ausgewogenen Artikel wäre doch einen historischen Schritt weitergegangen, und hätte mir das Werk von Attatürk zumindest angeguckt!

    Die Monogamie ist nicht nur unsere legale und offizielle Einstellung, sie ist auch Basis eines Teils unserer Hilfe auf Gegenseitigkeit, die derzeit schwer missbraucht wird! Unterstützung, an welche korrekt lebende Menschen nicht herankommen, auch wenn auch sie sie gut gebrauchen könnten, werden von anderen schamlos erschlichen!

    Auch leiden Kinder in heimlich polygamen Haushalten in unseren Ländern teilweise sehr schwer, weil rein gar nichts darauf abgestimmt ist.

    • dschun
    • 14.04.2011 um 15:27 Uhr

    Wer sich ausgiebig mit Monogamie & Co beschäftigen möchte, dem ist der Aufsatz von Friedrich Engels aus dem Jahr 1891 ans Herz zu legen. Dort erfährt man, wie sich das familiäre Leben über die Jahrtausende entwickelt hat. Ja, ja.

    http://gutenberg.spiegel....

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