Psychologen"Monogamie ist nicht natürlich"

David P. Barash und Judith Eve Lipton entlarvten viele Treue-Klischees. Ein Gespräch an ihrem 34. Hochzeitstag. von 

Das Psychologen-Ehepaar Barash und Lipton erforscht die Untreue.

Das Psychologen-Ehepaar Barash und Lipton erforscht die Untreue.  |  © privat

DIE ZEIT: In Ihrem Buch The Myth of Monogamy behaupten Sie, Monogamie komme in der Natur praktisch nicht vor. Gibt es wirklich kein Tier, das absolut treu ist?

David P. Barash: Doch, Diplozoon paradoxum, ein Fischparasit. Männchen und Weibchen treffen sich früh, dann wachsen ihre Körper zusammen.

ZEIT: Also keine Chance fremdzugehen...

Barash: ...kein bisschen! Sie haben keine Wahl.

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ZEIT: Aber wer die Wahl hat, ist untreu?

Barash: Ja, wahrscheinlich. Einige Tiere erscheinen zwar bis jetzt monogam, aber das liegt einfach daran, dass sie noch nicht genau genug beobachtet wurden. Tiere sind genau wie Menschen gut darin, ihr Sexleben zu verbergen.

Judith Eve Lipton: Sie wollen nicht erwischt werden. (Barash grinst sie an.) Wenn ein Vogelmännchen seine Partnerin mit einem anderen sieht, verlässt es womöglich das Nest.

ZEIT: Aber gerade Vögel gelten doch als besonders monogam, Schwäne zum Beispiel.

Barash: Ja. Aber als DNA-Analysen möglich wurden, entdeckte man plötzlich, dass einige der Jungen nicht vom eigentlichen Partner stammten.

ZEIT: Wie hoch ist der Anteil solcher Kuckuckskinder?

Barash: Bei einigen Vögeln mehr als 70 Prozent!

ZEIT: Und wie treu sind Säugetiere?

Barash: Die sind am wenigsten monogam! (Lipton schaut amüsiert zu ihm herüber.) Das liegt daran, dass die Männchen nicht für die Aufzucht der Jungen gebraucht werden; die schauen sich dann nach anderen Partnerinnen um.

ZEIT: Was steckt dahinter?

Barash: Männchen produzieren sehr viele, sehr kleine Spermien; für sie ist es kein großer Aufwand, Nachwuchs zu zeugen. Für Weibchen sehr wohl: Sie produzieren wenige, große Eizellen; dazu kommt die Trächtigkeit und die Säugeperiode. Deshalb ist es für Biologen nicht überraschend, dass Männchen sich zusätzliche Partnerinnen suchen, mit denen sie zusätzliche Junge haben.

ZEIT: Und die Weibchen?

Lipton: Die betrügen auch! Das fand man aber erst in den neunziger Jahren heraus. Die vermeintlich so trauten Hausmütterchen (Barash prustet los.) schlagen sich tatsächlich in die Büsche und treiben es mit jemand anderem.

ZEIT: Was haben sie davon?

Lipton: Zum einen können sie die genetische Ausstattung ihres Nachwuchses, zum anderen ihre eigene Stellung verbessern. Beim Menschen würde man sagen: die sozio-ökonomische Position. 

Leserkommentare
    • jazzer
    • 12. April 2011 7:05 Uhr

    WIR gehen natürlich nicht fremd ...

  1. Wie ist das dennm wenn ich jemanden aus Hass umbringen will? Auch völlig natürlich. Also einfach seinen Gefühlen freien lauf lassen, ist ja natürlich?

    Triebhaftes Verhalten ohne an die Folgen zu denken entspricht tierischem Verhalten (die können nicht anders).

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    • Natasi
    • 12. April 2011 10:55 Uhr

    Das einzige Tier, das nämlich glaubt ein Mensch zu sein ist der Menach selbst.

    Das soll jetzt nicht heißen, dass wir alle anfangen sollen rumzuhuren und nie wieder treu sein sollen, aber über all unserer Menschlichen Arroganz sollten wir nich vergessen, dass wir nichts anderes als Tiere sind, die sich nur für etwas Besseres halten.

    Zitat aus dem Artikel:

    "Tatsächlich ist Monogamie für so gut wie jede Tierart – auch für den Menschen – nicht natürlich. Das heißt nicht, dass sie nicht möglich oder keine gute Idee ist, aber sie erfordert es, gegen die Biologie anzugehen."

    • tecnyc
    • 12. April 2011 13:54 Uhr

    Angetrieben vom Hass andere Menschen umbringen tun die allerwenigsten Menschen. Das liegt daran, dass die gesunden Mitglieder unserer Spezies eine innere Schranke im Kopf haben. Diese ist Teil des Selbsterhaltungstriebes. Die Selbsterhaltung sorgt nicht nur dafür, dass man selber zu überleben versucht, sondern auch andere Menschen und somit die eigene Spezies am Leben erhalten will.
    Wie sonst ist es zu erlären, dass vier von fünf amerikanische Soldaten während der Landung in der Normandie absichtlich daneben geschossen haben.

    http://www.presseportal.d...

    In Vietnam gab es ähnliche Ergebnisse.
    Seitdem sind Militärs bestrebt, diesen Trieb durch ausgepfeilte Methoden zu unterdrücken.

    Sie liegen mit ihrem Kommentar also falsch.

    • _bla_
    • 12. April 2011 7:49 Uhr

    Es ist doch völlig egal, ob Monogamie auch natürlich ist oder erst durch die Kultur entsteht.

    Wir Menschen verfügen über eine hoch entwickelte Kultur und vollbringen damit viele Leistungen, die absolut nicht natürlich sind und auf die wir selbstverständlich sehr stolz sein können:
    Wir essen gekochte Nahrung, tragen Kleidung, bauen komplexe Maschinen, heilen Kranke, die natürlich sterben würden, usw.

    Die Biologie erklärt, warum es schwierig ist, dauerhaft treu zu sein, aber das kann keine Ausrede sein, welche rechtfertigt, es trotzdem nicht so gut wie möglich zu versuchen.

    Oder was würde man von einem Arzt halten, der einem sagt:
    "Menschen sind halt von Natur aus etwas anfällig für Krankheit x, ganz verschwinden wird sie nie, also können wir gleich aufgeben, jegliche Heilungsversuche sind überflüssig."

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    • BooNoc
    • 12. April 2011 9:16 Uhr

    "Die Biologie erklärt, warum es schwierig ist, dauerhaft treu zu sein, aber das kann keine Ausrede sein, welche rechtfertigt, es trotzdem nicht so gut wie möglich zu versuchen."

    Warum sollte man das tun? Warum ist die Treue die Maxime?
    Sie setzen es einfach voraus. Was Sie da sagen, ist, dass man sich quasi gegen seine Biologie für die Treue entscheiden sollte. Warum?

    "...Oder was würde man von einem Arzt halten, der einem sagt:
    "Menschen sind halt von Natur aus etwas anfällig für Krankheit x, ganz verschwinden wird sie nie, also können wir gleich aufgeben, jegliche Heilungsversuche sind überflüssig."..."

    Sie finden, Polygamie ist ein Zeichen von geringerer Kultiviertheit und Monogamie drücke eine höhere Kultur aus?
    Das finde ich... stark. Woher nehmen Sie ihre Wertmaßstäbe?

    • tom310
    • 12. April 2011 8:16 Uhr

    trotzdem akzeptieren wir Homosexualität, Menschen sind Allesfresser, trotzdem erlauben wir Vegetarismus. Die meisten Planeten sind unbewohnt, wir halten uns trotzdem nicht dran. Aufrechter Gang, Sprache, Zahlen, Werkzeuge, Geld, Ferneher, Mobiltelefon, iPAD... machen Tiere nicht - also zurück auf die Bäume und frieren!

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    • joppo
    • 12. April 2011 8:41 Uhr
    5. Fremd

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke. Die Redaktion/wg

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    Wie klug Sie sind... mir fallen ja jetzt gleich wieder ganz großartige Dnge ein die ich dazu schreiben könnte und die sogar zum Thema passen. Die würden aber so oder so, und womöglich auch aus gutem Grund und zurecht, wegmoderiert ;)

    Wie auch immer. Die beiden sagen ja ausschließlich das es natürlich ist, sie rufen nicht dazu auf. Wo ist also das Problem? Ich finde das Thema interessant. Und wenn man über so etwas forscht, dann gehört der Mensch nunmal dazu. Warum gehen hier gleich alle so auf die Barrikaden? Trifft das einen Wunden Punkt?

  2. Wie klug Sie sind... mir fallen ja jetzt gleich wieder ganz großartige Dnge ein die ich dazu schreiben könnte und die sogar zum Thema passen. Die würden aber so oder so, und womöglich auch aus gutem Grund und zurecht, wegmoderiert ;)

    Wie auch immer. Die beiden sagen ja ausschließlich das es natürlich ist, sie rufen nicht dazu auf. Wo ist also das Problem? Ich finde das Thema interessant. Und wenn man über so etwas forscht, dann gehört der Mensch nunmal dazu. Warum gehen hier gleich alle so auf die Barrikaden? Trifft das einen Wunden Punkt?

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    Antwort auf "Fremd"
  3. doch tatsächlich gegen den Vegetarismus damit argumentiert wird, der Mensch sei von Natur aus Fleisch essend, dann muss die Argumentation doch hier auch gelten dürfen, da monogame, partnerschaftliche Beziehungen nicht "natürlich" sind. Hochgradig spannend. Die nächste Frage wäre, auf welchen Füßen eine Beziehung steht: Emotional? Sexuell? Gehört das körperliche dazu? Was ist dann aber mit der Beziehung, wenn das sexuelle aus welchen Gründen auch immer nicht mehr Kit sein kann?

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    Sie schreiben: "Was ist dann aber mit der Beziehung, wenn das sexuelle aus welchen Gründen auch immer nicht mehr Kit sein kann?"

    Antwort steht im Artikel:

    "Ich bleibe treu, damit du nicht verrückt wirst; und du bleibst treu, damit ich nicht verrückt werde."

    Man es auch positiv ausdrücken: "Ich vertraue dir, du vertraust mir. Das ist zu wertvoll, um es mutwillig für einen Augenblicksspaß zu zerstören."

    PS: Vertrauensverlust war eines der am schwierigsten zu lösenden Probleme bei der weltweiten Finanzkrise.

  4. davon, ob die These nun wahrscheinlich oder weniger wahrscheinlich ist, wirkt dieses Forscherehepaar wie ein Teenagerpärchen, dass sich gerade mal kurz ein paar Gedanken über Sex gemacht hat und diese jetzt giggelnd hervorbringt. Und bei dem "alle nur nicht wir"-Satz musste ich dann doch schmunzeln. Wissenschaft sieht anders aus...

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