ZEIT: Sie sprechen gleichermaßen von Tieren wie Menschen. Das ist doch ein Riesenunterschied! Lässt sich da überhaupt etwas übertragen?

Lipton: Eine Menge! Nur ist es genauso unbewusst wie bei Tieren. Sogar Evolutionsbiologen sagen ja nicht bei einem Date: "Oh, diese Frau hat ein Taille-Hüfte-Verhältnis von 0,8; mit ihr kann ich tolle Babys haben!" Die Instinkte schreien nicht, sie flüstern. Bewusst würden wir denken: "Wow...

Barash: ...die ist scharf!" Tatsächlich ist Monogamie für so gut wie jede Tierart – auch für den Menschen – nicht natürlich. Das heißt nicht, dass sie nicht möglich oder keine gute Idee ist, aber sie erfordert es, gegen die Biologie anzugehen.

Lipton: Es gibt natürlich Ausnahmen, die sich trotz allem für die Monogamie entscheiden – so wie wir. Heute ist unser 34. Hochzeitstag! (Schaut stolz zu Barash, der lächelt zärtlich zurück.) Sicher haben wir uns gefragt: Warum macht man das? Zum einen ist es ein Vorteil für die Kinder, wenn sich beide Eltern um sie kümmern. Und in einer langjährigen Partnerschaft hat man eben auch einen wirklich guten Freund. Untreue führt zu Hass und Feindschaft – ein weiteres Argument für die Monogamie.

Barash: (nickt heftig) Das stimmt!

ZEIT: Inwieweit beeinflusst uns die Umwelt?

Lipton: Da ist etwa die Empfängnisverhütung, die vieles verändert hat. Heute können junge Leute aus allen möglichen Gründen Sex haben und alle möglichen Formen von Beziehungen.

ZEIT: Und wenn soziale und religiöse Normen schwächer werden, kommen wir dann zurück zu unseren biologischen Wurzeln?

Barash: Wir haben sie nie verlassen. Es ist wie bei einem Kuchen: Die Glasur, die Norm, ändert sich. Aber der Kuchen darunter, die menschliche Natur, bleibt ziemlich gleich. Und die hat diese Tendenz zur Bindung, aber auch zum Herumstromern.

ZEIT: Selbst mal in Versuchung geraten?

Lipton: Natürlich kommt es vor, dass man jemand anderen sexuell anziehend findet...

Barash: ...aber man muss nicht ja sagen. Es funktioniert ein wenig wie nukleare Abschreckung: Ich bleibe treu, damit du nicht verrückt wirst; und du bleibst treu, damit ich nicht verrückt werde.

Judith Eve Lipton ist Psychiaterin. Der Biologe David P. Barash unterrichtet Psychologie an der University of Washington. Sie haben zusammen zwei Töchter

Das Gespräch führte Stefanie Schramm