Literaturgeschichte Die Utopie der Liebe

Was uns die Dichter und Philosophen über die Sehnsucht nach Dauer lehren.

Vivien Leigh und Kieron Moore in dem Film Film "Anna Karenina" (Archivbild: 1948)

Vivien Leigh und Kieron Moore in dem Film Film "Anna Karenina" (Archivbild: 1948)

Mit der Treue verhält es sich wie mit dem ICE. Kommt er pünktlich ans Ziel, so redet keiner davon. Entgleist er jedoch, so ist es eine Nachricht, die jeden beschäftigt. Die Seitensprünge königlicher Hoheiten, die Scheidungen prominenter Präsidenten füllen die Blätter, und von den Affären der Reichen und Schönen zehren die Magazine tagaus, tagein. Ihre Leser und Zuschauer nehmen begierig daran Anteil, ob mit offener Schadenfreude oder verhohlener Nachahmungslust.

Es entsteht der Eindruck, die Treue sei etwas Seltenes, allmählich Verschwindendes. Ist sie nicht eine unrettbar altmodische Tugend, die einer zeitgemäß flexiblen Lebensweise nicht mehr entspricht? Tatsächlich aber sind Paare einander aber häufiger treu als untreu, und heutzutage nicht seltener als zu anderen Zeiten. Die Liebe ist ohne das Gelöbnis der Treue im Grunde nicht denkbar. Denn, wie es in Kierkegaards Traktat Entweder – Oder (1843) heißt: »Die Liebe begehrt nur einen zu lieben und hat darin ihre Glückseligkeit, sie begehrt nur einmal zu lieben und hat darin ihre Ewigkeit.«

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Man muss sich aber, wenn man diesen wunderbar pathetischen Satz zitiert, vor Augen halten, wer ihn spricht. Kierkegaards listiges Buch ist ein Streitgespräch zweier Gegenspieler. Der eine schwelgt in Fantasien der Verführung, der andere preist die ewige Treue. Der Verführer sagt: »Man hüte sich vor der Ehe! Eheleute geloben einander Liebe auf ewig. Das ist nun zwar ziemlich leicht, hat aber auch nicht viel zu bedeuten. Denn würden wir mit der Zeit fertig: die Ewigkeit sollte uns nicht viel zu schaffen machen. Wenn die Betreffenden statt ›auf ewig‹ etwa sagen würden bis ›Ostern‹ oder ›bis zum Mai nächsten Jahres‹, so hätte das doch einen Sinn, damit wäre wirklich etwas gesagt, etwas, worüber sich reden ließe.«

Während der Verführer also das Versprechen der Dauer als Illusion entlarvt, zeigt der Verteidiger der Treue, dass eine Liebe, die einzig auf den Augenblick der Wollust zielt, keine sein kann. Keine Liebe kann auf den Gedanken der Dauer verzichten, sie will die Ewigkeit des Augenblicks. Er kritisiert einen Liebhaber, »der frech genug ist, dem unglücklichen Mädchen, das nur einmal lieben konnte, zu sagen: so viel verlange ich ja gar nicht, ich bin mit weniger zufrieden; es fällt mir gar nicht ein, von dir zu fordern, dass du mich in alle Ewigkeit liebst, wenn du mich bloß in dem Augenblick liebst, da ich dich begehre.« Nein, sagt der Verteidiger, »die Liebe hat eine Analogie mit dem Sittlichen durch das wenn auch illusorische Ewigkeitsbewusstsein, das sie veredelt und aus dem Reich der bloßen Sinnlichkeit heraushebt. Aber diese wahre Ewigkeit kommt nur zustande durch eine Willenbestimmung.«

Damit ist das Problem benannt. Wer sagt: »Ich liebe dich«, der kann nicht, ohne sich zu widersprechen, hinzufügen: »...bis zum nächsten Jahr.« Und wenn er aus Gründen der Ehrlichkeit oder des Selbstzweifels einschränkend sagen würde: »Ich liebe dich, solange ich es vermag«, so müsste das für den Partner eine einseitige, schwer erträgliche Willkür bedeuten, weil ihn jederzeit der Zufall des Nicht-mehr-Geliebtwerdens treffen könnte. Unweigerlich ist mit jeder Liebeserklärung das Versprechen der Dauer verbunden – also die Treue.

Wenn Kierkegaard aber das »Ewigkeitsbewusstsein« als »illusorisch« bezeichnet, so hat er die Erfahrung auf seiner Seite, und fast jeder, der einmal geliebt hat, könnte etwas dazu beisteuern. Im entflammten Augenblick glaubt der Liebende an die Dauer und gelobt ewige Treue. Im grauen Rückblick aber, wenn alles vorbei ist, erkennt er, dass er sich getäuscht hat, in sich selber oder in seinem Gegenüber. Jedoch: Wenn er sich aufs Neue verliebt, wird er neuerdings an die Unverbrüchlichkeit seiner Liebe glauben. Anders geht es nicht.

Und sogar vor dem Hintergrund der Untreue noch gilt die Treue als Unterpfand der Zugeneigtheit. Selbst die Geliebte, die den Seitensprung empfängt, erwartet Treue hinsichtlich potenzieller Konkurrentinnen, und einer der Gründe für Jörg Kachelmanns Fall scheint ebendies gewesen zu sein: dass sich seine Gespielinnen dadurch betrogen fühlten, dass es noch andere gab. Was immer wir Liebe nennen wollen, ob sexuelles Begehren oder ganzheitliches Vertrauen, kommt ohne den Gedanken der Treue nicht aus.

Leser-Kommentare
  1. In seinem epochalen soziopsychologischem Werk "Die Kunst des Liebens" von 1956 (seitdem hat sich nichts geändert) schreibt er bereits: "Trotz unserer tiefen Sehnsucht nach Liebe halten wir doch fast alles andere für wichtiger als diese: Erfolg, Prestige, Geld und Macht. Unsere gesamte Energie verwenden wir darauf zu lernen, wie wir diese Ziele erreichen, und wir bemühen uns so gut wie überhaupt nicht darum, die Kunst des Liebens zu erlernen."
    Mühe ist in unserer Zeit sowieso sehr unpopuläre geworden, man hat sich doch längst an den Imperativ des absoluten Spasshabens gewöhnt. Diesen Terror wird unsere Gesellschaft wohl nicht so schnell wieder los.
    Dass dabei so ein altmodisches Konzept wie die Treue hintenüberfällt, mag dabei nicht weiter verwundern. Wenn man sich mitunter einen zurückgelehnten Blick auf die kulturelle Entwicklung der letzten 30 Jahre erlaubt, muss man vermutlich die eine oder andere melancholische Regung in Kauf nehmen.
    Das schöne am freien Willen, wenn man ihn denn benutzen möchte, ist die Tatsache, dass man ja nicht mitmachen MUSS. Spart viel Aerger. Aber dazu muss man erst seine FOMO (fear of missing out), bzw. seine FOMOOIOI (fear of missing out other information on the internet) in den Griff kriegen... Ich schalte dann mal ab.

  2. Ich freue mich, dass Erich Fromm zitiert wird. Das geschieht viel zu selten, obwohl sein Gesamtwerk lesenwert ist wie früher. besonders "Haben oder Sein" Was Liebe für den Menschen bedeutet, kann man aber auch im ersten Brief des Paulus an die Korinther im 13. Kapitel nachlesen.Er schreibt:

    1Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle.
    2Und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, also daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts.
    3Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze.
    4Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht,
    5sie stellet sich nicht ungebärdig, sie suchet nicht das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu,
    6sie freut sich nicht der Ungerechtigkeit, sie freut sich aber der Wahrheit;
    7sie verträgt alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles.

    Die Liebe höret nimmer auf.

    • AMD
    • 13.04.2011 um 8:45 Uhr

    ...es ist, was es ist, sagt die Liebe...
    ...es sei, was es sein sollte, was wir uns wünschen, woran wir scheitern... mag die Treue hinzufügen.

    • Pyr
    • 13.04.2011 um 10:01 Uhr

    Dass Liebe nicht ohne Treue geht, das haben Sie eindrucksvoll dargestellt, Herr Greiner. Mir scheint es jedoch zu zeigen, dass nie jemand genau darüber nachgedacht, was eigentlich der Kern von Treue ist, der die Liebe erst ermöglicht. Sie schreiben:

    "Die Liebe ist ohne das Gelöbnis der Treue im Grunde nicht denkbar. Denn, wie es in Kierkegaards Traktat Entweder – Oder (1843) heißt: »Die Liebe begehrt nur einen zu lieben und hat darin ihre Glückseligkeit, sie begehrt nur einmal zu lieben und hat darin ihre Ewigkeit.«"
    Nur einen, nur einmal. Passt das wirklich zur Realität, oder ist es romantisch-literarische Utopie? Das hat schließlich einige Implikationen.

    Die erste ist das Ideal davon, dass bereits die erste Liebe auf ewig hält (oder zumindest ein Menschenleben lang). Doch das Lieben will gelehrt sein, ebenso wie eine Beziehung zu führen. Nun könnte man sagen, dass das, was wir als Jugendliche als "Liebe" bezeichnen, eigentlich keine ist. Aber ich finde, das geht etwas weit und ist ein Spiel mit den Definitionen.

    Die zweite Implikation ist, dass Treue nur in trauter Zweisamkeit möglich ist. Doch es ist hinreichend bekannt, dass Menschen auch zu dritt eine gemeinsame, feste Partnerschaft eingehen können. Die Treue ist dann eben auf zwei statt auf nur eine Person ausgeweitet, die Beteiligten sehen in dem "Verlust" ihrer Exklusivität überhaupt kein Problem.

    Das Gegenteil von Treue mag Verführung, mag Bindungslosigkeit sein. Nicht aber Sex außerhalb der trauten Zweisamkeit.

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  3. 5. Treue

    'Monogamie ist eine Kulturleistung, die jeden Tag neu erbracht werden muss.'

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    • Pyr
    • 13.04.2011 um 12:43 Uhr

    Eine Aussage, als Zitat verpackt - würden Sie es auch begründen, oder stellen Sie's einfach nur nichtssagend hier rein? ;)

    • Pyr
    • 13.04.2011 um 12:43 Uhr

    Eine Aussage, als Zitat verpackt - würden Sie es auch begründen, oder stellen Sie's einfach nur nichtssagend hier rein? ;)

    • pense
    • 13.04.2011 um 12:34 Uhr

    ich die Zeit : kluger Artikel und kluge Kommentare von reflektierten Menschen !
    Merci et bonne journée !

    • Pyr
    • 13.04.2011 um 12:43 Uhr
    7. Warum?

    Eine Aussage, als Zitat verpackt - würden Sie es auch begründen, oder stellen Sie's einfach nur nichtssagend hier rein? ;)

    Antwort auf "Treue"
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    • pense
    • 13.04.2011 um 19:02 Uhr

    war doch nicht Alles so klug .
    Zunächst macht die Aussage von ego-ideal doch durchaus Sinn - lassen Sie Ihre Vorstellungskraft und Ihr Wissen schweifen .
    Und was Ihre Aussage betrifft "das Lieben will gelehrt sein ..." , lässt sich das umfassend lehren ? Ich denke , jede Generation muss anderen Ansprüchen gerecht werden versuchen , mit anderen Worten die überkommenen Werte erneuern bzw. neu erfinden ; und der Jugend absprechen zu wollen , zu wissen , was Liebe ist , klingt mir etwas vermessen , mögen sie doch gerade auf dem Weg dieser Erneuerung sein , wobei durchaus Vorbilder eine Rolle spielen können aber nicht müssen . Das Leben und Lieben lässt sich leider nicht immer so einfach kausal aufschlüsseln , auch nicht nach Alter ...
    Bonne soirée

    • pense
    • 13.04.2011 um 19:02 Uhr

    war doch nicht Alles so klug .
    Zunächst macht die Aussage von ego-ideal doch durchaus Sinn - lassen Sie Ihre Vorstellungskraft und Ihr Wissen schweifen .
    Und was Ihre Aussage betrifft "das Lieben will gelehrt sein ..." , lässt sich das umfassend lehren ? Ich denke , jede Generation muss anderen Ansprüchen gerecht werden versuchen , mit anderen Worten die überkommenen Werte erneuern bzw. neu erfinden ; und der Jugend absprechen zu wollen , zu wissen , was Liebe ist , klingt mir etwas vermessen , mögen sie doch gerade auf dem Weg dieser Erneuerung sein , wobei durchaus Vorbilder eine Rolle spielen können aber nicht müssen . Das Leben und Lieben lässt sich leider nicht immer so einfach kausal aufschlüsseln , auch nicht nach Alter ...
    Bonne soirée

    • pense
    • 13.04.2011 um 19:02 Uhr

    war doch nicht Alles so klug .
    Zunächst macht die Aussage von ego-ideal doch durchaus Sinn - lassen Sie Ihre Vorstellungskraft und Ihr Wissen schweifen .
    Und was Ihre Aussage betrifft "das Lieben will gelehrt sein ..." , lässt sich das umfassend lehren ? Ich denke , jede Generation muss anderen Ansprüchen gerecht werden versuchen , mit anderen Worten die überkommenen Werte erneuern bzw. neu erfinden ; und der Jugend absprechen zu wollen , zu wissen , was Liebe ist , klingt mir etwas vermessen , mögen sie doch gerade auf dem Weg dieser Erneuerung sein , wobei durchaus Vorbilder eine Rolle spielen können aber nicht müssen . Das Leben und Lieben lässt sich leider nicht immer so einfach kausal aufschlüsseln , auch nicht nach Alter ...
    Bonne soirée

    Antwort auf "Warum?"

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