Mehr als 90 Prozent der Menschen wünschen sich Treue, so eine Studie aus Hamburg und Leipzig. 50 Prozent der Befragten gaben zu, schon einmal fremdgegangen zu sein. 3 Prozent aller Säugetiere gehen Paarbeziehungen ein,wirklich monogam lebt kaum eins davon.

Fast alle wollen es, doch nur die Hälfte tut es: treu sein, lebenslang. Wunsch und Wirklichkeit klaffen drastisch auseinander. Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach, schon klar. Doch trotz breitgetretener Promi-Affären, Seitensprung-Dramen im Bekanntenkreis, eigener Fehltritte – der innige Wunsch nach Exklusivität mit dem oder der einen ist offenbar nicht zu zerstören. »Es ist verblüffend, aber das Ideal der Treue übersteht mühelos alle Varianten des Zeitgeistes – bürgerliche, unbürgerliche, antibürgerliche, konservative, liberale, rechte, linke«, schreibt der Journalist Markus Spieker in seinem gerade erschienenen Buch Mono. Die Lust auf Treue. Und der Autor Matthias Kalle feiert in seinem demnächst erscheinenden Buch Erstmal für immer ausgerechnet die Heirat aus Liebe als die Revolution der 30-jährigen Scheidungskinder. Warum überlebt das Ideal der Treue die stete Widerlegung durch die Realität? Warum streben wir immer wieder aufs Neue danach?

Wo doch der Reiz des Unbekannten stärker denn je lockt. Wo wir doch längst ein unausgesprochenes Zugeständnis gemacht haben: Heute gilt nicht mehr nur als treu, wer sein ganzes Leben exklusiv mit dem oder der einen verbringt; es reicht schon, wenn man einem Partner nach dem anderen die Treue hält. Serielle Monogamie also, Treue light.

Biologen bescheinigen uns ohnehin nur bedingte Eignung. Allenfalls »sozial monogam« sei homo sapiens – ein gemeinsames Nest ja, sexuelle Exklusivität na ja. Alles kruder, pessimistischer Biologismus? Sagen wir es so: Angesichts unserer evolutionären Vergangenheit ist es geradezu verblüffend, dass die Hälfte der Menschen es schafft, treu zu sein. Bei den allermeisten Lebewesen ist es mit der Monogamie nämlich nicht weit her. Selbst die zur Zweisamkeit neigenden Vögel, die possierlichen Blaumeisen, die romantisch verklärten Schwäne – sie wurden fast allesamt per DNA-Vaterschaftstest der Untreue überführt.

Unsere mäßige Monogamie ist da schon eine gewaltige kulturelle Leistung wider jede Natur. Aber was entscheidet letztlich, ob wir treu sind? Und: Stehen Wollen und Sein wirklich so unauflösbar im Widerspruch zueinander, wie die eingangs zitierten Zahlen es glauben machen? Eine Standpunktbestimmung in fünf Schritten.

1) Der Wunsch

Die Treue erscheint uns attraktiv. Das sagen alle Umfragen, alle Statistiken. Der Psychologe Christoph Kröger, Leiter der Psychotherapieambulanz der Technischen Universität Braunschweig, hat sie in einer Übersichtsstudie zusammengetragen. Er findet den starken Wunsch nach Treue wenig überraschend: »Wertvorstellungen sind sehr robust, sehr konservativ. Wenn man das auf dieser abstrakten Ebene abfragt, erhält man natürlich solche Antworten.«

Frühere Umfragen lieferten allerdings nur Momentaufnahmen, statistische Schnappschüsse. Endlich der Konjunktur der Treue und des Wunsches danach auf die Spur kommen wollen die Psychologin Sabine Walper von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität und ihre Kollegen vom Projekt pairfam. Seit 2008 befragen sie 12402 Deutsche zu Partnerschaft und Familie, jedes Jahr aufs Neue, 14 Jahre lang. Ein enormer Aufwand. Gerade fängt Walper an, die Ergebnisse der zweiten Welle auszuwerten, voller Ungeduld. »Ich würde liebend gern ein paar Jahre vorspulen.«

Bisher sehen die Forscher den großen Wunsch nach Treue bestätigt – und machten eine hochspannende Entdeckung: Am wichtigsten ist Exklusivität den Jugendlichen (geboren zwischen 1990 und 1994). Der Aussage »Fremdgehen wäre für mich ein ernsthaftes Beziehungsproblem« stimmen 77 Prozent von ihnen »voll und ganz« zu, bei den 20 Jahre älteren Testpersonen sind es nur 62 Prozent. Die eingangs erwähnte Hamburg-Leipziger Studie von 2002 (die aktuellste abgeschlossene zu dem Thema, die sich allerdings auf Großstädte beschränkt) hatte bereits in eine ähnliche Richtung gedeutet: Die 30-Jährigen waren wesentlich strenger als die 60-Jährigen. Das passt ins Bild einer jungen Generation, die sich wieder auf alte Werte besinnt, wie diverse Jugendstudien zeigen. Eine Generation, die Exklusivität weit höher schätzt als ihre Eltern?

Die Wirklichkeit

2) Die Wirklichkeit

Damit beginnt der heikle Teil. Ständig verbreiten Männermagazine, Frauenzeitschriften und Internetforen Umfragen zu Bettgeschichten (nicht selten angefertigt im Auftrag von Kondomherstellern). Was soll man da glauben? Selbst die wenigen streng wissenschaftlichen Befragungen, auf denen dieser Artikel fußt, stoßen an Grenzen. In den peinlich genauen Interviews des US-Sexforschers Alfred Kinsey , der darauf spezialisiert war, seinen Probanden intime Details zu entlocken, führte in den vierziger und fünfziger Jahren keine andere Frage so oft zu der Antwort: »No comment.« Auch in der aktuellen pairfam-Studie verweigern rund drei Prozent die Auskunft.

Wenn die delikaten Fragen an der Reihe sind, lassen die pairfam-Interviewer daher die Teilnehmer ihre Antworten selbst in den Laptop tippen. »Sie sind angewiesen, in ihren Unterlagen zu wühlen oder zum Klo zu gehen«, sagt Walper. Dennoch müsse man mit den Daten vorsichtig umgehen: »Auch unsere Testpersonen haben bisher eher zurückhaltend geantwortet.« Sie hofft aber, dass sich in ihrer repräsentativen Längsschnittstudie über die Jahre hinweg ein Vertrauensverhältnis aufbaut. Wenn dann 2020 mehr Affären ans Licht kommen, muss das nicht heißen, dass die Deutschen untreuer geworden sind – sondern womöglich nur ehrlicher.

Anders als die Hamburg-Leipziger fragt die pairfam-Studie ausschließlich nach Seitensprüngen im jeweils vergangenen Jahr. Damit sinkt der Anteil der Fremdgänger erheblich, das zeigte bereits die Befragung der Großstädter. Während 50 Prozent irgendwann in ihrem Leben schon einmal untreu waren, waren es in der aktuellen Beziehung 28 Prozent und im vergangenen Jahr weniger als 10 Prozent. Man könnte auch sagen: Die meisten Menschen sind die meiste Zeit in ihrem Leben tatsächlich treu.

Die Daten von pairfam deuten nun auf ein überraschendes Phänomen hin. Ähnlich wie schon in der ersten gaben jetzt auch in der zweiten Runde 4,5 Prozent der Teenager einen Seitensprung im vergangenen Jahr an – aber nur 1,8 Prozent der Teilnehmer Ende 30. Während die Jugendlichen also Treue als weitaus wichtiger bezeichnen, sind sie in der Realität weniger treu.

»Nirgendwo klaffen Wunsch und Wirklichkeit so weit auseinander wie bei den ganz Jungen«, sagt die Psychologin Walper. Und Silja Matthiesen vom Institut für Sexualforschung der Universität Hamburg meint: »Bei Jugendlichen zeigt sich das Problem der Treue wie unter einem Brennglas.« Sie hat an der Hamburg-Leipziger Studie mitgearbeitet und erforscht besonders die Sexualität von Jugendlichen. »Treue ist für Teenager ein ganz wichtiger Wert, und Untreue beginnt schon beim ›Fremdknutschen‹.« In der Praxis aber wechselten sie sehr schnell den Partner, sobald sie jemand Neues interessiere – pro forma bleibe die Exklusivität gewahrt. »Aber die Idee der Treue ist ja eine andere«, sagt Matthiesen. »Der große Wunsch danach entspringt dem Versuch der Jugendlichen, in der komplizierten Welt der Beziehungen Ordnung zu schaffen, sich an einfachen Maßstäben zu orientieren.«

Wenn sich also regelmäßig neun von zehn Erwachsenen Treue wünschen, dann ist auch das womöglich vor allem eins: ein Wunsch. Er spricht vom Bedürfnis nach Verlässlichkeit, der Sehnsucht nach geordneten Verhältnissen – gerade weil die Wirklichkeit oft anders aussieht. So gesehen widerspricht die Sehnsucht der Realität gar nicht, sie ergibt sich im Gegenteil aus ihr.

Die Lust auf Neues

3) Die Lust auf Neues

Für Evolutionsbiologen ist die Sache klar: Die Chance, dass die eigenen Gene weiterverbreitet werden, wächst sowohl mit der Qualität als auch mit der Quantität des Nachwuchses. Und Männer können mehr Kinder haben, wenn sie mehr Frauen haben. Frauen wiederum können sich, um gesündere, klügere, hübschere Kinder zu bekommen, gezielt interessante Erzeuger angeln (zusätzlich zum verlässlichen Versorger). Spätestens wenn in einer Partnerschaft die Kinder aus dem Gröbsten heraus seien, wachse daher die Lust auf Abwechslung. Und das Ende der Verliebtheit markiere den Beginn eines »neuen genetischen Projekts«, wie es der Evolutionspsychologe Dietrich Klusmann vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf trocken formuliert.

Die Empirie der Untreue scheint das zu bestätigen. Fast drei Viertel der Fremdgänger aus der Hamburg-Leipziger Studie nannten schlicht den »Reiz des Neuen« als Grund – ebenso viele fühlten sich weder unglücklich in ihrer Partnerschaft noch sexuell unbefriedigt. Offenbar lockt das Fremde auf die Dauer selbst dann, wenn das Bekannte glücklich und zufrieden macht.

»Die meisten erwischt es in einer an sich guten Beziehung aus Zufall«, sagt Kurt Starke, einer der Autoren der Hamburg-Leipziger Studie. Zufall? Vom »Gelegenheitskonzept« spricht der Braunschweiger Psychologe Christoph Kröger. Und Gelegenheiten für den Zufall gibt es heute mehr denn je: Wir sind mobiler, treffen auf mehr fremde Menschen in kürzerer Zeit. Überall auf der Welt und selbst im eigenen Wohnzimmer – das Internet eröffnet dem Reiz des Neuen Myriaden Möglichkeiten. Schon suchen in Krögers Ambulanz erste Paare Hilfe, weil ein Partner über das Internet untreu wurde.

Dabei muss es nicht einmal zum Äußersten kommen. »Untreue definiert jeder für sich. Es braucht dafür nicht unbedingt Körperkontakt«, sagt die Psychologin Sabrina Brüstle von der Universität Zürich. Sie fängt gerade an, die Untreue im Internet zu erforschen – natürlich mit einer Onlineumfrage. Erste Ergebnisse erwartet sie im Sommer, schon jetzt überrascht sie aber: »Es nehmen wesentlich mehr Leute teil, als ich je gedacht hätte.«

Die Sehnsucht nach Beständigkeit

4) Die Sehnsucht nach Beständigkeit

Mit diesen Möglichkeiten der Moderne konfrontiert und dem Erbe der Evolution im Gepäck ist es eigentlich eher erstaunlich, dass wir nicht alle zu notorischen Seitenspringern und Fremdgängern werden. Doch die Neigung zur Untreue hat einen natürlichen Gegenspieler – unser tief verwurzeltes Bedürfnis nach Bindung. Das begründen die Evolutionspsychologen gewohnt nüchtern: Die Überlebenschancen der Sprösslinge steigen, wenn sich beide Elternteile um diese kümmern. Das gilt umso mehr, je aufwendiger die Aufzucht ist. Und da ist der Mensch einsame Spitze.

Entsprechend wichtig ist eine starke emotionale Bindung, für die sich in der Biochemie des Hirns zwei Botenstoffe herausgebildet haben, die Hormone Oxytozin und Vasopressin. Ein Team um den schwedischen Genetiker Hans Walum vom Karolinska-Institut in Stockholm fand heraus, dass Männer, bei denen ein Gen für den Vasopressin-Rezeptor verändert war, seltener verheiratet waren und häufiger Ehekrisen oder Scheidungen durchmachten (und obendrein von ihren Ehefrauen ein schlechteres Zeugnis ausgestellt bekamen).

Es widerspricht allen bisherigen Erkenntnissen, ein einzelnes »Treuegen« für Monogamie zu suchen. Jedoch haben verschiedene Studien gezeigt, dass Menschen mit einem guten Selbstwertgefühl, geringen narzisstischen oder neurotischen Persönlichkeitszügen und geringer depressiver Veranlagung seltener fremdgingen. Ob jemand treu ist, hängt also durchaus mit seiner Persönlichkeit zusammen – die wiederum in Teilen erblich ist.

Außerdem erhöhen äußere Einflüsse die Bindung zwischen zwei Partnern und senken das Untreue-Risiko. »Das sind vor allem der Haus-und-Hof-Faktor und ein gemeinsamer Bekanntenkreis«, sagt der Psychologe Kröger – gemeinsame Investitionen also und soziale Kontrolle. Welche Rolle hingegen Kinder spielen, ist umstritten: »Sie können natürlich zusammenschweißen, aber eine Beziehung auch extrem belasten.« Und auch die Wirkung des Faktors Ehe ist undurchsichtig. Zwar sind Verheiratete nur halb so oft untreu wie Unverheiratete, doch vielleicht heiraten ja treue Menschen einfach eher als untreue. Religiosität indes befördert die Tugendhaftigkeit nur äußerst bedingt: Gläubige sind nicht per se treuer, sondern nur dann, wenn sie ohnehin mit ihrer Beziehung sehr zufrieden sind. Dagegen lasse eine als feindlich wahrgenommene Außenwelt die Sehnsucht nach Beständigkeit in der Beziehung deutlich wachsen, sagt Kröger. »Wer zum Beispiel im Beruf Druck verspürt, dem ist die Partnerschaft als sicherer Hort wichtig.«

Der Wille zur Treue

5) Der Wille zur Treue

Was für ein Gezerre! Da tuschelt uns via Gene und Hormone dauernd die Evolution ins Ohr (»Reizvolles Neuland hier, heimeliges Territorium dort!«). Da funkt unsere Persönlichkeit dazwischen (»Eine günstige Gelegenheit zur Affäre, wie prächtig für das Ego!«). Dann die Ratio (»Aber das Reihenhaus!«). Und schließlich, natürlich, das tiefe Gefühl – die Liebe zum Partner.

Egal ob Psychologie oder Soziologie, Anthropologie oder Hirnforschung: Die Wissenschaft liefert uns eine Vielzahl von Einflussfaktoren für die Treue – und die Erkenntnis, dass keiner davon allein unser Verhalten bestimmt. Was entscheidet also, ob wir treu sind oder nicht? »Treue ist ein kognitiver Prozess«, sagt der Zürcher Paartherapeut Guy Bodenmann, nämlich die willentliche Entscheidung für die Exklusivität. »Es geht um commitment. Auf mehreren Ebenen, natürlich auf der emotionalen und der sexuellen. Aber eben vor allem mit dem Willen.« Commitment – dafür gibt es ein schönes deutsches, ein wenig altmodisch klingendes Wort: Hingabe.

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