Gabriel Bach : "Mein Vater hatte den sechsten Sinn"

Der Eichmann-Ankläger Gabriel Bach über seine jüdische Familie, die den Nazis in letzter Minute entkam.
Eichmann-Ankläger Gabriel Bach © Herlinde Koelbl

ZEITmagazin: Herr Bach, Sie sind 1938, zwei Wochen vor der Reichspogromnacht, in die Niederlande geflohen. Nur einen Monat bevor dort die Deutschen einmarschierten, wanderten Sie nach Palästina aus – und zwar auf dem Schiff »Patria«, das auf der nächsten Fahrt dann gesunken ist. Warum, glauben Sie, sind Sie immer rechtzeitig entkommen?

Gabriel Bach: Also, dass jemand über mein Schicksal bestimmt hätte, das kann ich nicht glauben. Ebenso wenig, dass ich es verdient hätte, von einem Herrgott beschützt zu werden, während es die Millionen jüdischen Kinder, die umgekommen sind, nicht verdient hätten. Nein, es war einfach Glück. Und in gewisser Weise hat mich auch der britische Premierminister Neville Chamberlain gerettet.

ZEITmagazin: Wie das?

Gabriel Bach

84, geboren in Halberstadt, ist ein israelischer Jurist und war im Prozess gegen Adolf Eichmann stellvertretender Ankläger. Eichmann hatte die Vertreibung und Deportation der Juden im Deutschen Reich organisiert. Nachdem er in Argentinien gefasst worden war, wurde am 11. April 1961 in Jerusalem der Prozess gegen ihn eröffnet.

Bach: Mein Vater war Generaldirektor in der Schwerindustrie. Als die Tschechei-Krise ausbrach, nahm uns die Gestapo unsere Pässe weg, damit er als kriegswichtige Person das Land nicht verlassen konnte. Erst nach der Kapitulation Chamberlains im Münchner Abkommen bekamen wir sie wieder zurück. Wenn Chamberlain heute kritisiert wird, bin ich rational damit einverstanden. Aber ich bin dann ganz still, weil uns das wahrscheinlich gerettet hat.

ZEITmagazin: Wie alt waren Sie, als Sie Deutschland verließen?

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Bach: Elf. Und ich erinnere mich noch genau, wie an der holländischen Grenze SS-Leute in den Zug kamen und sagten: Familie Bach, raus! Wir mussten in einer Baracke die Koffer öffnen, und sie warfen alles in eine Ecke. Erst als sich der Zug wieder in Bewegung setzte, durften wir gehen. Wir liefen dem Zug nach, und ein SS-Mann trat mich in einen gewissen Körperteil. So wurde ich mit einem Fußtritt aus Deutschland hinausbefördert.

ZEITmagazin: Wie lange blieben Sie in Holland?

Bach: Noch bis zum März 1940, weil mein Vater die ganze Familie retten wollte. Und das ist ihm auch gelungen. Er hat alle Onkel, die in Dachau und Buchenwald waren, herausgeholt und ihnen Einreisebewilligungen für Palästina verschafft.

ZEITmagazin: Dann verdanken Sie und Ihre Familie die Rettung auch ihm?

Bach: Ja, er hat die Dinge vorausgesehen. In Israel sagten die Leute, mein Vater habe einen sechsten Sinn, wann man sich absetzen muss. Aber es war eben auch Glück. Hitler hatte den Einmarsch in Holland siebenmal verschoben. Bevor er beim achten Mal wirklich einmarschierte, hatten wir Holland soeben verlassen.

ZEITmagazin: Vor genau 50 Jahren waren Sie stellvertretender Staatsanwalt im Eichmann-Prozess. Sie beschrieben das als traumatisches Erlebnis.

Bach: Auf jeden Fall war es das. An dem Tag, an dem ich Eichmann zum ersten Mal begegnete, las ich gerade in der Autobiografie von Rudolf Höß, wie er in Auschwitz jeden Tag tausend Kinder in die Gaskammern stoßen musste und davon manchmal Kniezittern bekam. Er schämte sich für diese Schwäche, nachdem er mit Eichmann gesprochen hatte. Dieser erklärte ihm, dass man die Kinder zuerst töten müsse, da sie die Keimzelle für die Wiedererrichtung der Rasse seien. Zehn Minuten nachdem ich das gelesen hatte, wollte mich Eichmann sprechen. Ich höre noch immer seine Schritte da draußen und sehe, wie er sich mir gegenübersetzt. Eichmann war ein absolut Besessener gewesen, der sich ganz mit seinem Tun identifizierte. Noch am Schluss, als er den Krieg längst verloren glaubte, fuhr er persönlich nach Auschwitz, um die Zahl der Tötungen von zehn- auf zwölftausend täglich heraufzusetzen.

ZEITmagazin: Während des Prozesses haben Sie einmal fast einen Kollaps erlitten.

Bach: Ja, als ein Ungar, der als einziger seiner Familie überlebt hatte, mir erzählte, wie er nach Birkenau kam. Und wie sich dort sein Töchterchen, das einen roten Mantel anhatte, in der Menge von ihm entfernte, bis es als roter Punkt ganz aus seinem Leben verschwand. Erst zwei Wochen davor hatte ich meiner eigenen Tochter einen roten Mantel gekauft. Es verschlug mir völlig die Stimme. Ich konnte keinen Ton mehr herausbekommen...

ZEITmagazin: Welche Spuren haben all diese Erfahrungen bei Ihnen hinterlassen?

Bach: Ich denke noch heute sehr oft daran. Jeden Tag gibt es irgendetwas, das mich daran erinnert. Zum Beispiel wenn ich ein Kind im roten Mantel sehe. Oder wenn ich nach Deutschland komme. Vielleicht konnte und kann ich das alles ja nur deshalb ertragen, weil meine eigene Familie nicht dieses Schicksal erleiden musste – weil mein Vater die Onkel rechtzeitig aus den Lagern holte und uns alle damals rettete.

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Kommentare

12 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Hess vs. Höß

"An dem Tag, an dem ich Eichmann zum ersten Mal begegnete, las ich gerade in der Autobiografie von Rudolf Hess, wie er in Auschwitz jeden Tag tausend Kinder in die Gaskammern stoßen musste und davon manchmal Kniezittern bekam."

Ich bekomme Kniezittern, wenn eine Redaktion den Unterschied von Rudolf Hess und Rudolf Höß nicht mehr kennt.