NigeriaEin Obama für Afrika

Die Geschichte von Nuhu Ribadu, einem Geächteten, der Präsident Nigerias werden will.

Präsidentschaftskandidat Mallam Nuhu Ribadu winkt seinen Unterstützern.

Präsidentschaftskandidat Mallam Nuhu Ribadu winkt seinen Unterstützern.

Abuja. Einsteigen. Tür zu. Losfahren. Alles muss ganz schnell gehen. »Ich will vor dem Hotel von niemandem erkannt werden«, sagt Nuhu Ribadu und drückt aufs Gas. »Sie sind hinter mir her.« Er deutet auf die geborstene Windschutzscheibe. Von drei Einschusstrichtern laufen Sprünge sternförmig über das Panzerglas. »Das war der letzte Mordanschlag.«

Der silberfarbene Honda biegt in die achtspurige Stadtautobahn ein. Ribadu steuert seinen Dienstwagen selber. Einen Chauffeur hat er seit Monaten nicht mehr. Langsam gleitet das Fahrzeug durch die Straßen von Abuja. Der Aso-Felsen, das Wahrzeichen der Hauptstadt Nigerias, schimmert im Mondlicht. Um diese Zeit, kurz vor Mitternacht, ist nicht mehr viel Verkehr. Das beruhigt Ribadu. Doch jedes Mal, wenn er im Rückspiegel ein Fahrzeug herannahen sieht, beginnen sein Augen, nervös zu flackern. Es sei für ihn lebensgefährlich, Journalisten zu treffen, sagt er, aber er müsse seine Geschichte unbedingt loswerden.

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Es ist die Geschichte eines Mannes, der zu den höchsten Staatsbeamten Nigerias gehörte. Den die einfachen Leute bewunderten und die Reichen und Mächtigen hassten. Den die ausländische Presse als erfolgreichsten Korruptionsbekämpfer Afrikas rühmte. Und der im Zenit seiner Karriere in einen Abgrund stürzte. Nuhu Ribadu, vor Kurzem noch der gefürchtetste Strafverfolger im Lande, ist in dieser schwülen Novembernacht des Jahres 2008 selber ein Verfolgter, der sich fürchtet.

Fast auf den Tag genau zwei Jahre später fahren wir wieder durch Abuja, und wieder sitzt Ribadu am Steuer. Diesmal ist allerdings helllichter Tag, die Mittagssonne knallt auf den Aso Rock. Im Prominentenviertel Minister’s Hill stoppt er an einer mit Wahlkampfschildern zugestellten Verkehrsinsel. Auf den Plakaten sieht man ein staatsmännisch lächelndes Gesicht, darunter steht »Ribadu for President«. Ein Verkehrspolizist winkt den schwarzen BMW durch und ruft hinterdrein: »Nuhu, du schaffst es!«

Die Geschichte des Nuhu Ribadu ist nun eine ganz andere, eine, die wie ein Märchen klingt. Es handelt von einem Geächteten, der auszog, Präsident zu werden.

Ribadu will die Wahlen am 16. April gewinnen und Nigeria vor sich selber retten : den selbsternannten »Giganten Afrikas«, der in Wirklichkeit wankt wie ein Koloss auf tönernen Füßen. Als achtgrößter Ölexporteur der Welt gehört Nigeria zu den reichsten Staaten des Kontinents, doch die Mehrheit seiner 158 Millionen Einwohner lebt in bitterer Armut. Es fördert jeden Tag zwei Millionen Barrel Rohöl, aber an seinen Tankstellen gibt es oft kein Benzin. Es leistet sich 96 Universitäten, aber in seinen Dörfern ist jeder zweite Erwachsene Analphabet. Seit fünf Jahrzehnten verprassen die herrschenden Eliten die Reichtümer des Landes. Insgesamt haben sie rund 380 Milliarden Dollar auf ausländischen Bankkonten gebunkert, schätzt Ribadu. Die systematische Plünderung liefert eine Erklärung für die Misere des Landes, für die Massenarmut, die verwahrlosten Schulen oder die Ruinen, die man Krankenhäuser nennt. Seine Heimat sei der »korrupteste, abgebrühteste, untüchtigste Landstrich unter der Sonne«, schrieb der Nationaldichter Chinua Achebe einmal. Er hält Nigeria für unregierbar. Und nun taucht plötzlich ein Mann auf, der dieses unregierbare Land regieren will! Bei unserer ersten Begegnung vor zweieinhalb Jahren ist Nuhu Ribadu allerdings noch sternenweit von dieser Vision entfernt.

Leser-Kommentare
  1. Obama, der Geächtete, der in Amerika Präsident wurde und mit der Korruption aufräumte, Bänker ins Gefängnis schickte, die SEC verstärkte, den Finanzmarkt regulierte und mit klugen Schachzügen die Wirtschaft wieder in Gang brachte und mehrere Mordanschläge überlebte.
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    Naja, vielleicht in einem Paralleluniversum.

    Ansonsten viel Glück, Herr Ribadu. Das Land hätte einen echten Wandel verdient, nicht einen der auf falschen Hoffnungen ruht.

    2 Leser-Empfehlungen
  2. Wenn die gesamte Bevölkerung sich überhaupt nur aus der "prassenden Elite der Reichen" und den "analphabetischen Mitgliedern der Massenarmut" zusammen setzt, wer studiert dann eigentlich an den 96 Universitäten und wer fährt auf der achtspurigen Autobahn?

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    • dsip
    • 13.04.2011 um 19:13 Uhr

    Erstens spricht Ribadu doch laut Artikel auch von der aufstrebenden Mittelschicht?
    Zweitens ergeben bei den erwähnten 158 Millionen Einwohnern jedes Prozent, das zur Elite gehört, knapp 1,6 Millionen Leute - wenn das also fünf Prozent sind, sind wir schon bei knapp 8 Millionen Leuten angelangt.

    Was soll uns der Kommentar also sagen?

    • dsip
    • 13.04.2011 um 19:13 Uhr

    Erstens spricht Ribadu doch laut Artikel auch von der aufstrebenden Mittelschicht?
    Zweitens ergeben bei den erwähnten 158 Millionen Einwohnern jedes Prozent, das zur Elite gehört, knapp 1,6 Millionen Leute - wenn das also fünf Prozent sind, sind wir schon bei knapp 8 Millionen Leuten angelangt.

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    • dsip
    • 13.04.2011 um 19:13 Uhr

    Erstens spricht Ribadu doch laut Artikel auch von der aufstrebenden Mittelschicht?
    Zweitens ergeben bei den erwähnten 158 Millionen Einwohnern jedes Prozent, das zur Elite gehört, knapp 1,6 Millionen Leute - wenn das also fünf Prozent sind, sind wir schon bei knapp 8 Millionen Leuten angelangt.

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  3. "Seine Heimat sei der »korrupteste, abgebrühteste, untüchtigste Landstrich unter der Sonne«, schrieb der Nationaldichter Chinua Achebe einmal."

    Gut, daß er es nicht im Zeit-Forum versucht hat -- diese Pauschalisierung wäre in Minutenschnelle wegzensiert worden. Natürlich nicht ohne "Danke."

    Eine Leser-Empfehlung
  4. Nach dieser sehr guten Reportage (danke) wäre Ribadu der Sieg nur zu wünschen. Weil die Korruption eine der schädlichsten und folgenreichsten Seuchen in Afrika ist, wäre er genau der richtige. Wenn er dann auch seinen Prinzipien treu bleibt. Da aber gesagt wurde, dass er schon als Kind einen stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn hatte, scheint das charakterlich verankert zu sein.

    Umso besser. Es scheint sich auch in Afrika wieder was zu tun. Aufrichtige Hoffnung und treues Gebet werden selten nicht erhört.

  5. Denn da sind die Wahlen manipuliert worden: ivoireleaks.de

    Eine eindeutige sicher gewonnene Wahl wäre gut für das Land gewesen, stattdessen hat Frankreich es eilig seine Puppe an die Macht zu schießen...die Folgen, eine Genozid , sind noch gar nicht in unseren Medien angekommen.
    Frankreich und UNO haben das billigend in Kauf genommen.

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