Morgens um halb acht wird am Meißner Burgberg der König verteidigt. Begeistert erklärt ein Achtklässler des Landesgymnasiums Sankt Afra mit Laptop und Beamer die Rochade, einen Schachspielzug. Nach zehn Minuten steht eines fest: Unkundigen wird das komplizierte Regelwerk auch heute ein Rätsel bleiben. Das Niveau ist hoch am Sankt Afra, und zwar schon im Frühkonzil, das an Sachsens Schule für Hochbegabtenförderung sowohl für Schüler wie auch für Lehrer Pflicht ist – egal wie lang der Arbeitstag noch werden wird.

Nicht nur für die 300 Schüler, sondern auch für Maria Degkwitz, 48, Lehrerin für Latein, Theater und katholische Religion, steht heute einiges auf dem Stundenplan. Seit zehn Jahren ist sie hier angestellt, seit zehn Jahren beginnen ihre Tage beim morgendlichen Treffen in der Aula, bei Presseschau und Kulturprogramm. Am Sankt Afra unterrichtet sie fächerübergreifend, in einer Sechstagewoche. Degkwitz passt schon auf den ersten Blick zu diesem Ort. Groß und schlank, kerzengerade Haltung, druckreife Rhetorik: So stellt man sich eine Lehrerin an einem Elitegymnasium vor.

Und genau das ist Sankt Afra nach dem Plan seiner Gründerväter: Die Begabtenschule, erklärte der damalige Kultusminister Matthias Rößler (CDU) zur Eröffnung im Jahr 2001 immer wieder, stehe für das Bemühen der Sachsen, das Beste aus sich zu machen. Die Afraner sollten als »zukünftige sächsische Elite« zur »Revitalisierung der Region« beitragen. Ähnliches schwebte auch dem Ministerpräsidenten vor, der zu dieser Zeit noch Kurt Biedenkopf hieß.

Die Nachwende-Neugründung berief sich auf eine jahrhundertelange Tradition: 1543 von Kurfürst Moritz von Sachsen gegründet, sollte die Fürstenschule nahe der Meißner Burg seit je besonders gelehrte Landeskinder hervorbringen. Nach 1989 griff man diese Idee wieder auf – und knüpfte ungehemmt an eine Eliten-Vorstellung an, die in den alten Bundesländern verpönt war, in der DDR aber selbstverständlich zum Bildungswesen gehört hatte: Besonders begabte Schüler wurden auf Spezialschulen geschickt und sollten später als Spitzenforscher dem sozialistischen Staat international Glanz verleihen. Der Staat ist heute ein anderer, am Prinzip hat sich jedoch nicht viel geändert. Doch auch wenn sächsischen CDU-Politikern solch ein Elitebegriff gefällt, tut die Schule sich schwer damit. Bescheidener will sie nach außen wirken, auf keinen Fall elitär-dünkelhaft. Ein besonderes Lernumfeld will sie bieten, dabei den Bedürfnissen hochbegabter Kinder gerecht werden.

Schüler aus ganz Deutschland besuchen heute dieses Gymnasium, immerhin ein Viertel der Afraner stammt nicht aus Sachsen. Auf die 48 Plätze jährlich kann sich nur bewerben, wer erwiesenermaßen hochbegabt ist, die Empfehlung eines Fachlehrers mitbringt – und sich vorstellen kann, unter strengsten Internatsregeln zu leben. Mobiltelefone und Alkohol sind in der Schule verboten, Heimfahrten nur alle vier Wochen erlaubt. Dennoch bewerben sich auf jeden Platz zwei Schüler. Der finanzielle Hintergrund der Familien spielt dabei keine Rolle: Landeskinder aus Sachsen zahlen 225 Euro pro Monat für Unterkunft und Verpflegung, alle anderen 390 Euro. Teure westdeutsche Elite-Internate kosten locker das Zehnfache.

Der Freistaat hofft, dass sich seine Investitionen irgendwann rechnen werden. Rund 300 Afraner haben bislang ihren Abschluss gemacht. Erfüllt sich Rößlers Wunsch? Kommt aus Meißen die neue sächsische Elite? »Eine Umfrage unter 180 Absolventen hat ergeben, dass ihr Weg sie eher in die alten Bundesländer geführt hat«, sagt Schulleiterin Ulrike Ostermaier. Die 53-Jährige stammt aus Thüringen, hat nach der Wende als Mitarbeiterin des Regionalschulamts die sächsischen Gymnasien mit aufgebaut. Von den ehemaligen Afranern, sagt Ostermaier, lebten viele in Berlin, dagegen nur wenige in Leipzig oder Dresden.

Dass die Afra-Absolventen sich dem Freistaat offenbar nicht übermäßig verpflichtet fühlen, mag daran liegen, dass Schüler und Lehrer die hohen Erwartungen, die man in sie setzt, nur bedingt erfüllen wollen. Als Teil der sächsischen Elite versteht sich hier kaum einer: »Das klingt so abgehoben«, sagt die 14-jährige Lisa. »Wir sind hier doch ganz normal.« Normal zu sein, das ist für Afraner oft ein wichtiges Ziel, waren sie das doch an ihren alten Gymnasien selten: Den Status des sonderbaren Strebers zu haben, schon aufgrund der guten Mathe-Note jede Coolness abgesprochen zu bekommen – das sind die Erfahrungen vieler hier aus ihren früheren Schulen.