Der Mann, der seinem Dresden jetzt an den Kragen will, ist 82 Jahre alt. Er hat graues Haar, trägt eine Brille und schüttelt den Kopf: Nein, einen Präzedenzfall habe er nie schaffen wollen, sagt Wolfgang Hänsch. Jedoch ist er gerade dabei, genau das zu tun. Hänsch pocht, als erster DDR-Architekt überhaupt, auf sein Urheberrecht an einem Haus, das umgebaut werden soll. Am 3. Mai wird der Fall vor dem Leipziger Landgericht verhandelt, das unter anderem auf Urheberrechtsfragen spezialisiert ist.

Hänsch steht vor seinem Kulturpalast in der Dresdner Innenstadt, er ist der Schöpfer dieses Gebäudes. Er sagt: »Dieser Eingriff ist barbarisch.« Die Stadt will das Festspielhaus der Schlagerfeste, den Konzertsaal des schunkelnden Volkes zum Spielort der Hochkultur umbauen. Es soll Stammhaus der Philharmonie werden, mit perfekter Akustik statt riesiger Ränge. Auch das Kabarett Herkuleskeule und die Stadtbibliothek sollen einziehen. Hänschs Kulturpalast muss dafür entkernt werden; in die alte Hülle wird ein neuer Saal gepflanzt, so ist es besiegelt. Geplanter Baustart ist 2012. »Eine ganz tragische, schlimme Geschichte!«, sagt Hänsch. »Es tut weh, wie da ein Gesamtwerk zerstört werden soll.«

Seit Wochen treffen sich regelmäßig Umbau-Gegner vor dem Haus und protestieren mit Megafon und Transparenten im Sinne Hänschs. Denn der Streit um den Kulturpalast ist ein Kampf der Kulturen geworden; es geht um mehr als Architektur. Es geht um DDR-Erinnerung und um die Frage, ob man sie austauschen soll gegen die Bedürfnisse der Touristenstadt. Will man in Dresdens Zentrum nur noch klassische Musik? Will man Robert Schumann, Matthias Reim aber nicht? Will man die Vertreibung der Kastelruther Spatzen, die am Montag ihr nächstes Konzert im »Kulti« genannten Gebäude geben?

Die Außenwirkung des Kulturpalasts soll künftig eine andere sein. Der Mix aus Volksmusik, Kochshows und Klimbim ist Dresden zu provinziell für seine City. Das Spitzenorchester bekommt einen neuen Spitzensaal, die Innenstadt noch mehr Glanz. Die leichte Musik, das ist der Plan, soll künftig in der Messe spielen. Am Stadtrand.

Im Gerichtsprozess Anfang Mai wird es nicht um Geschmacksfragen gehen, sondern ums Copyright des Architekten. Gewinnt Wolfgang Hänsch, muss der Mehrzwecksaal bleiben. Denn einst war der Kulturpalast als zentraler Gemeinschaftsbau für die Interessen aller gedacht gewesen, als großer Raum für Schlagerfeste, Jugendweihen und philharmonische Konzerte. Hänsch errichtete das Haus 1969: ein flacher Glasquader auf einem Granitsockel, 2400 Plätze im großen Saal. Die Fachwelt, nicht nur die sozialistische, feierte das schlichte Gebäude als Beginn der Nachkriegsmoderne in Dresden; die Einwohner nahmen es begeistert an.

Laut einer Studie des Instituts für Kommunikationswissenschaft der TU Dresden von 2008 hat sich an der Begeisterung nichts geändert: Über 70 Prozent der Bürger sind für den Erhalt des Kulturpalasts in seiner jetzigen Form. Der Streit um das Haus wird emotional geführt. Jüngst, auf einer eilig einberufenen Bürgerversammlung, meldete sich ein früherer Bauarbeiter, der in den sechziger Jahren selbst am Haus mitgebaut hatte. Er drohte, eine Mauer um den »Palast« zu errichten, sollte jemand versuchen, das Gebäude auch nur anzurühren. Dabei muss der Kulturpalast dringend saniert werden. 2012 läuft seine Betriebsgenehmigung aus, weil er die Brandschutzvorgaben der neuen Zeit nicht erfüllt. Wäre der Bau barock – man hätte ihn wohl längst gerettet. Dresden aber, scheint es, wählt zwischen seinen Vergangenheiten.

Die Dresdner Philharmonie, die sich heute den Kulturpalast noch mit der Populärkultur teilt, jubiliert über den geplanten Totalumbau, der einen langen Streit beenden könnte. »Hochwertige Säle kennen die Musiker nur von ihren Tourneen«, sagt Anselm Rose, Chef der Philharmonie. Dabei wolle man doch Konzertstadt mit Weltniveau sein. Auch Kulturbürgermeister Ralf Lunau (parteilos) glaubt, es brauche einen Saal von internationalem Rang. Einen Saal, »dessen Akustik Orchester nicht vertreibt, sondern sie anlockt«. Als weithin beachtetes Orchester forderte die Philharmonie seit Jahren eigentlich sogar eine gänzlich neue Spielstätte. Dagegen wehrte sich der Stadtrat aus Kostengründen. Man könne unmöglich neben Kulturpalast und Semperoper ein drittes Haus betreiben, der Unterhalt sei nicht finanzierbar, erklärten mehrere Fraktionen. Kulturbürgermeister Lunau ließ sich zu der Äußerung hinreißen: »Wenn ich ein neues Konzerthaus geschenkt bekäme, ich würde es nicht haben wollen.« Dumm nur, dass Wirtschaftsbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) im Wahlkampf einen Konzerthaus-Neubau versprochen hatte. »Schon Richard Wagner forderte ein separates Konzerthaus, schon damals ist es nichts geworden«, schimpft Architekt Hänsch.