Dynastie der SalierKampf der Kaiser

Eine brillante Schau in Speyer erzählt die dramatische Geschichte der Salier, die von 1024 bis 1125 die deutschen Könige und Kaiser stellten. von Sven Behrisch

Unerhörtes ereignet sich am 12. Februar des Jahres 1111. Der Salierkönig Heinrich V. ist nach Rom gereist, um sich zum Kaiser krönen zu lassen. Er hat mit Papst Paschalis II. einen Kompromiss ausgehandelt, um den seit mehr als einem halben Jahrhundert schwelenden Investiturstreit zu beenden, der das Heilige Römische Reich beinahe zu zerreißen droht. Entbrannt ist der Konflikt 1071 zwischen Heinrichs Vater, Heinrich IV., und Papst Gregor VII. über die Frage, ob weltliche Fürsten auch weiterhin das Recht haben sollen, Bischöfe einzusetzen.

Nun scheint endlich eine Lösung in Sicht: Der König, so haben sich Heinrich V. und der Papst geeinigt, soll künftig keine Personen mehr in geistliche Ämtern erheben dürfen. Dafür verpflichtet sich der Papst, dem Reich sämtliche Territorien zurückzugeben, über welche die mächtigen Bischöfe als geistliche Fürsten verfügten. Doch als der Kompromiss in Rom verlesen wird, bricht lauter Tumult los: Die Bischöfe sehen sich unversehens ihrer weltlichen Macht beraubt und protestieren. Heinrich setzt daraufhin den Papst gefangen und zwingt diesen, ihn zum Kaiser zu krönen – unter seinen, Heinrichs, Bedingungen. Sie lauten: Alles bleibt beim Alten! Es ist der Anfang vom Ende seiner Herrschaft. Und damit auch der Anfang vom Ende der Salierzeit.

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Das Historische Museum der Pfalz in Speyer widmet dieser Dynastie, die vier Kaiser hervorbrachte und das später so genannte Heilige Römische Reich in einer seiner schwersten Krisenzeiten beherrschte, nun eine große Schau. Den Auftakt bilden die Ereignisse in Rom. Um die Brisanz der Geschehnisse zu verdeutlichen, die damals ganz Europa erschütterten, flimmert von einem Monitor im ersten Raum der Ausstellung das vertraute Gesicht von heute- Moderator Claus Kleber, der aus dem ZDF-Studio die Brandmeldung verliest: Die Kirche verzichtet auf weltlichen Besitz! Der Papst wurde gefangen genommen! Welche Konflikte hinter diesen Ereignissen standen, das entfalten die Ausstellungsmacher in den nachfolgenden Räumen. Schließlich ging es nicht um die Frage allein, wer befugt ist, Bischöfe zu ernennen. Es ging um das Verhältnis von Kirche und Staat. Es ging um Macht und Einfluss. Und es ging, seitens der Kirche, um eine grundsätzliche Neuorientierung.

Eine Welle der geistlich-religiösen Erneuerung rollte von der Jahrtausendwende an durchs Reich. Die Kirche drängte auf Reformen: Die Geistlichkeit, lautet ihr Wille, solle zu ihren eigentlichen Werten zurückfinden, zu Verzicht und Demut. Der päpstliche Ruf nach Rückbesinnung hatte dabei nicht nur auf den Klerus Einfluss – er bewegte die Massen. Lang gepflegte Koalitionen zerbrachen. Die Beschwörung einer kollektiven Höllenfahrt brachte manchen Landesfürsten dazu, seine Loyalität zum König aufzukündigen und damit den Herrscher als ungläubig und unglaubwürdig dastehen zu lassen.

Die Salierzeit, die mitten in diese turbulenten Jahrzehnte fiel, währte nicht lange. 1024 begann sie überhaus verheißungsvoll. In diesem Jahr endete die Epoche der Ottonenkaiser. Der erste Salier, Konrad II., kam auf den Thron und führte das Reich dem Höhepunkt seiner Macht und Ausdehnung entgegen. Doch nur hundert Jahre später, 1125, endete die Herrschaft der Salier im Desaster, mit HeinrichV. Diese einhundert Jahre waren ein einziger Kampf: gegen die Fürsten, gegen die Kirche und, im Fall HeinrichsV., auch gegen den eigenen Vater. Diesen – HeinrichIV. – hatte er mithilfe rebellischer Fürsten gefangen genommen, um ihn vom Thron zu stoßen. Der Brief HeinrichsIV. aus der Haft, den die Ausstellung zeigt, ist ein erschütterndes Dokument der Verzweiflung. Inständig appelliert »der im ganzen Erdkreis heimatlose Vater an das geliebte Kind«, ihn freizulassen, um nicht noch alles schlimmer zu machen. »Sieh, dass die Zwietracht unser Reich verheert [...]. Das Kirchenschisma ist entstanden, die Welt ist überall uneinig, der Klerus mit dem Volk, der Pöbel mit dem Adel.«

Die Frühzeit der salischen Herrschaft behandelt die Speyerer Schau nur stichpunktartig. Kein Wort und kein Bild finden sich etwa von dem berühmten » Gang nach Canossa « aus dem Jahr 1077: In Canossa hatte Papst Gregor VII. den Kirchenbann gelöst, den er infolge des Investiturstreits über Heinrich IV. verhängt hatte. Nur auf einem der unvermeidlichen Touchscreens kann man sich mit Heinrich IV. interaktiv über die Alpen klicken. Der Verzicht ist einerseits schade, weil Canossa wie wenige andere Ereignisse der deutschen Geschichte die nationale Mythenbildung beflügelt hat. Andererseits war der späterhin viel diskutierte »Gang« erst 2006 das Thema einer spektakulären Ausstellung in Paderborn .

Leserkommentare
  1. Danke für den Hinweis auf die Ausstellung und den schönen Artikel! Die Aufbereitung wissenschaftlicher Themen unterhalb des akademischen Niveaus und außerhalb des universitären Betriebs war 'mal eine Stärke des Feuilletons nicht zuletzt der ZEIT, die ich seit einiger Zeit vermisse. Es freut mich daher umso mehr, gerade im Bereich "Historie" einen Artikel ohne moralinsaure Wichtigtuerei lesen zu dürfen, die sich auf diesem Gebiet ansonsten gerne in einem unsäglichen Historizismus und harschen (Selbst-)Anklagen bemerkbar macht. Mögen andere dem guten Beispiel folgen!

    Beste Grüße,
    Gil-Galad

  2. Schöner Beitrag, ich lese grad ein Buch über die Epoche. Die Salier hatten es damals in Speyer nicht einfach.

  3. "Alle Herrschergeschichte wird klein, sobald sie vom Volk erzählt."

    Darum ist die tausendjährige Geschichte deutscher Kaiser 1918 unrühmlich zu ende gegangen. Eine Geschichte, gezeichnet durch unzählige Kriege und Rebellionen. Abermillionen Opfern im Streit um Macht und Einfluss.

    MfG
    AoM

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