So ganz bei sich sind die Salzburger Festspiele immer erst, wenn ein österreichischer Politiker die Bühne betritt und mit einem Skandal zum Gelingen des Welttheaters aus Kunsternst, Starrummel und Sponsorengelagen beiträgt. In diesem Jahr hat die Salzburger Landeshauptfrau Gabi Burgstaller (SPÖ) diesen Auftritt übernommen und ihn ins Frühjahr vorverlegt. Sie wollte nämlich, dass der Globalisierungskritiker Jean Ziegler die Rede bei der feierlichen Festspieleröffnung im Sommer hält. Zum Fünf-Sektkelche-Termin mit Fernsehübertragung hat sie einen Provokateur gebeten: Der Schweizer Soziologe, Expolitiker und frühere UN-Sonderbeauftragte hegt schäumenden Groll gegen internationale Konzernchefs, Großbanker und verantwortungslose Superreiche. Ihnen gibt er die Schuld am Hunger und der Ungerechtigkeit in der Welt. In der Felsenreitschule hätten sie ihm nun im Smoking gegenübersitzen und anhören müssen, was er ihnen zu sagen hat.

Ziegler erkennt in der »herrschenden Weltdiktatur des globalisierten Finanzkapitals« nur »entfesselte Profitgier, Ausbeutung des Menschen, Zerstörung der Natur«. Die mächtigen Lebensmittelkonzerne und die Schweizer Banken hält er dabei für besondere Übeltäter. Da passt es sehr gut, dass zwei Hauptsponsoren der Festspiele Nestlé und die Credit Suisse sind. Irgendwie muss der SPÖ-Politikerin der Gedanke gefallen haben, dass der Schweizer Moralist den Reichen in Salzburg einmal den Kopf wäscht. Schließlich wusste sie, wen sie einlädt. Er habe seinen Vortrag mit der Politikerin durchgesprochen, erklärt Ziegler. Er sollte davon handeln, »dass etwa alle drei Sekunden ein Kind verhungert« und die Kunst »eine Waffe« sei.

Aber dann hat Gabi Burgstaller Jean Ziegler plötzlich wieder ausgeladen – wegen Muammar al-Gadhafi . Zu dem libyschen Machthaber wird dem Schweizer seit Jahren eine gewisse Nähe nachgesagt. Eine mit Ziegler in Verbindung stehende Organisation habe die Verleihung von Gadhafis dubiosem Menschenrechtspreis organisiert, der auch schon einem Holocaustleugner verliehen wurde, heißt es immer wieder. Der Schweizer gehöre zu den Preisträgern. Ziegler hat die Vorwürfe stets zurückgewiesen, so auch jetzt: Den Preis habe er nie angenommen, der libysche Despot sei ein Fall für den Psychiater.

Warum wurde Ziegler also ausgeladen? Haben die Sponsoren etwa Druck gemacht? Die Salzburger Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler dementiert das empört. Gabi Burgstaller wiederum erklärt, sie habe Ziegler lediglich vor Gadhafi-Diskussionen schützen wollen. Der Ausgeladene selbst freilich mag nicht daran glauben, dass seine Gegner aus dem Sponsorenkreis untätig waren. »Das ist Blödsinn, das sind keine Chorknaben«, sagt er. »Diese Zürcher Geldsäcke wollten nicht gezwungen werden, mir bei den Festspielen zuzuhören.«

Ob die Opern- und Theaterinszenierungen des Festspielprogramms auch so krawallig ausfallen? Elfriede Jelinek und Peter Turrini haben sich schon mit dem Ausgeladenen solidarisiert. Wir können den Sommer kaum erwarten.