Stimmt's / Stimmt's? : Linksdrehende Bücher

Eine Kolumne von
"Gibt es eine Regel für die Beschriftung von Buchrücken?", …fragt Raimund Wolfert aus Berlin.

Eine kurze, nicht repräsentative Bestandsaufnahme im Büro des Autors ergab: 88 Prozent der deutschsprachigen Bücher sind so beschriftet, dass man, wenn das Buch aufrecht im Regal steht, den Kopf nach links drehen muss, um den Titel auf dem Rücken zu lesen ("linksdrehende" Bücher). Die wenigen rechtsdrehenden sind fast ausschließlich wissenschaftliche Werke. Die englischsprachigen Bücher dagegen sind alle rechtsdrehend beschriftet.

Warum dieses Chaos? Die Antwort ist: Es gibt keine verbindliche Vorschrift. Zwar legt eine internationale Norm aus dem Jahr 1985 (ISO 6357, Spine titles on books and other publications) die rechtsdrehende Variante fest, auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels empfiehlt das, aber die wenigsten deutschen Verlage halten sich daran.

Für weitere Artikel zur Serie "Stimmt's?" klicken Sie auf dieses Bild © Jeff J. Mitchell/Getty Images

Was ist besser für den Leser? Die angelsächsische Variante hat den Vorteil, dass bei Büchern, die flach mit dem Titel nach oben auf dem Tisch gestapelt werden, die Schrift auf dem Buchrücken gut lesbar ist. Als Argument für die deutsche Beschriftung wird immer wieder angeführt: Ein Leser, der ein Regal von links nach rechts abschreitet, liest mit linksgedrehtem Kopf die Titel nacheinander von oben nach unten – im rechtsdrehenden Fall liest man von unten nach oben.

In der Realität allerdings führt die uneinheitliche Beschriftung zu wildem Kopfdrehen, manchmal sogar bei unterschiedlichen Büchern eines Autors desselben Verlags. Ob dies gesund ist, darf angezweifelt werden. Dasselbe Chaos herrscht übrigens bei CDs und DVDs.

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Individualismus vs Sozialismus

Buch und Bibliothek sind auch Chiffren für das Individuum und seine Rolle in der Gesellschaft.

Wenn man von einem einzelnen Buch ausgeht, das auf dem Tisch liegt, erscheint die angelsächsische Variante als die einzig richtige: die Schrift auf dem Rücken steht nicht auf dem Kopf, sondern aufrecht. Damit wird das Buch als individuelles Wesen respektiert, das eigene Rechte und eine eigene Würde besitzt. Das Nebeneinander von Büchern erscheint sekundär.

Die linksdrehende Schreibweise geht dagegen von der Bibliothek aus. Nur im Ausnahmefall erscheint das Buch als Einzelwesen. Erst wenn es wieder in seine Lücke zurückgeschoben am rechten Platz steht, ist die Ordnung wieder hergestellt. Im Kontext seiner Nachbarn ergeben die Buchrücken einen eigenen Text, der nur flüssig (quasi von oben nach unten) gelesen werden kann, wenn die Schrift nach links gedreht ist.