Theater: Abgrund, von oben gesehen
Luk Perceval inszeniert Borcherts "Draußen vor der Tür" in Hamburg.
Ein Mann tritt auf, der keinen Vornamen besitzt; den hat man ihm im Krieg weggeschossen. Nun bleibt ihm nur das, was man braucht, um von einem Vorgesetzten ins Feuer geschickt zu werden: ein Brüll- und Nachname. Der Mann heißt Beckmann.
Beckmann hat den Krieg überlebt. Drei Jahre nach der Schlacht um Stalingrad kehrt er zurück nach Deutschland. Er ist in einen Heeresmantel gehüllt, er hinkt, weil ihm eine Kniescheibe fehlt, und er trägt immer noch die Brille, die er im Krieg unter der Gasmaske trug und die ihm, wie er selbst sagt, ein »Robotergesicht« gibt.
Mit Beckmann fing einst die deutsche Dramatik wieder an: ein erschöpftes Gesicht, eingeschirrt in Metall. Das Stück, in dem er auftaucht, stammt von Wolfgang Borchert und heißt Draußen vor der Tür, es ist das erste große Stück nach dem Zweiten Weltkrieg, aber es beschreibt keinen Neuanfang, es handelt vom Nach-Krieg, an dem Beckmann zugrunde geht (auch Borchert hat ihn nicht überlebt, er starb am 20. November 1947, am Tag vor der Uraufführung von Draußen vor der Tür, im Alter von 26 Jahren).
Der Krieg ist noch im Gang in den Albträumen Beckmanns: Dort schreien die Toten und Verwundeten, die er als Unteroffizier in den Untergang geführt hat. Und der Krieg geht weiter in Beckmanns Gegenwart: Die Überlebenden kämpfen um Geltung, Liebe, eine warme Wohnung. Immer wieder fallen Türen ins Schloss, und Beckmann bleibt draußen. Gleich zu Beginn will er sich ertränken, aber selbst die Elbe, in die er springt, stößt ihn wieder aus: »Du bist mir zu wenig, mein Junge. Lass dir das von einer alten Frau sagen: Lebe erst mal. Lass dich treten. Tritt wieder!«
Es ist oft geschrieben worden, der wahre Kern von Borcherts Stück sei: ein Schrei – der Schrei der gepeinigten Kreatur. Am Hamburger Thalia Theater wird es jetzt genau so begriffen. Der Regisseur Luk Perceval hat Draußen vor der Tür als einen Vielklang von Stimmen inszeniert, bei dem man nicht weiß, ob er außerhalb von Beckmanns Kopf überhaupt zu hören ist. Wir alle, so die Suggestion, sind in Beckmanns Kopf. Und Beckmanns Schmerz ist so groß, dass er ihn nur singend ertragen kann. Percevals Aufführung ist ein Theaterkonzert, in welchem der Schauspieler Felix Knopp (als Beckmann) auf einer leeren Bühne steht und sich an einen Mikrofonständer klammert, wie es die großen, todgeweihten Rocksänger tun. Er spricht Borcherts Text, die Dialoge und die Monologe, er wispert ihn, er heult ihn in die Musik der Rockband My Darkest Star hinein, die am Rand der Bühne spielt – Gitarre, Bass und Schlagzeug. Er verrät, was innere Stimmen ihm zuflüstern: ein vom Beicht- und Redezwang gehetzter Improvisationskünstler eher als die Hauptfigur eines Dramas. Ein Mann, der seine Schuld loswerden will. Schattenwesen verfolgen ihn. Diese Wesen werden von Mitgliedern des Thalia-Theaterprojektes Eisenhans dargestellt, es sind Spieler, die mit dem Down-Syndrom geboren wurden.
Felix Knopps große Partnerin, die nahezu alle anderen Sprechrollen spielt, den rülpsend überfressenen Tod, den einsamen Gott, den prätentiösen Kabarettdirektor, ist die Schauspielerin Barbara Nüsse. Die Figuren, die sie, wie nebenbei, in grandioser Schärfe zeichnet, verhalten sich zum Wiederkehrer Beckmann wie Wiedergänger, hämische Untote, welche den müden Krieger nun, da er zu Hause ist, in den Untergang hetzen. In Barbara Nüsses dunklen Tönen, ihrem Jenseits-Timbre, lebt der tödliche Witz von Borcherts Text.
Die größte Szene des Abends zeigt, wie Beckmann seinen ehemaligen Oberst aufsucht, damit der ihn von seiner Schuld losspricht. Er könne nicht mehr schlafen, sagt Beckmann, die Angehörigen der Toten verfolgten ihn. Der Vorgesetzte, beim Abendessen gestört, empfängt Beckmann und kaut einfach weiter, es ist das malmende Geräusch eines in den Untergang marschierenden Heeres, der Gleichschritt der Zähne.






...dass sie es versäumt haben, weitere Links zu setzen. Das macht das Navigieren im Netz einfacher.
http://www.thalia-theater...
schrank und ein Telefon. Was machen wir nun?"
fragte der Fabrikbesitzer.
"Bomben!" sagte der Erfinder
"Krieg!" sagte der General
"Wenn es nicht anders geht!"
sagte der Fabrikbesitzer."
Wolfgang Borchert: „Draußen vor der Tür"
Ein weiterhin aktuelles Stück. Vielleicht sollte der Bundestag sich das Stück ansehen, bevor die Mandate für irgendwelche Auslandseinsätze beschlossen werden. Beckmann erfährt eben auch, dass Verantwortung unteilbar ist und jeder Beteiligte diese persönlich zu tragen hat für sein handeln. Immerhin schleppt ein Beckmann schwer daran, ein Baron Copypaste würde ein paar Subalterne entlassen.
Vielleicht auch ein sehenswertes Stück für die Generalität - bevor wieder Luftunterstützung angefordert wird wegen einiger festgefahrener Tanklastzüge.
Ein sehenswertes Stück für die Herren, welche Ghadaffi mit Waffen und einer Giftgasfabrik ausgestattet haben.
Und selbst das Merkel könnte lernen, dass man das Richtige tun kann aus falschen Motiven.
Besetzt ihn endlich.
Bringt Transparente mit, Zelte, Schlafsäcke, Musik und alles was dazugehört.
Theatervorstellungen jeweils 20 Uhr am:
* Mi,20.04.2011
* Sa,23.04.2011
* Di,10.05.2011
* Di,24.05.2011
* Mi,08.06.2011
... um das Stück.
Ich bin schon ohne Erwartungen hingegangen und wurde noch enttäuscht.
Die Schauspieler haben Großartiges geleistet, konnten damit das Versagen des Regisseurs aber nicht überdecken.
Für jeden der des Stück nicht gut kannte ging die Aussage völlig unter in Gegröhl, absolut unpassenden Slappstick-Einlagen und dem Versuch möglichst oft nackte Oberkörper zu präsentieren.
Der Bezug der laut Programmheft zum aktuellen Afghanistan-Einsatz hergestellt werden sollte war, egal wie man zu diesem Thema steht, an den Haaren herbeigezogen und im Stück nicht erkennbar.
Die Art der Einbindung der an Down-Syndrom Leidenden bewegte sich irgendwo zwischen Geschmacklosigkeit und Menschenverachtung. Auch auf der Theater-Bühne sollte, insbesondere bei Personen die sich nicht wehren können, der Schutz der Menschenwürde gelten.
Niemand mit dem ich gesprochen habe konnte dem Stück etwas abgewinnen, also meine Empfehlung: Erspaaren sie sich diesen pseudo-postmodernen Schund, es sei denn sie wollen sich mal so richtig über verschwendetes Geld ärgern.
Auch ist es merkwürdig, dass dieses jahrzehntelang in der deutschen Theater-Landschaft vernachlässigte Stück plötzlich wieder hervorgekramt wird, nachdem es nur Monate vorher, ebenfalls in Hamburg, von studierenden Offizieren und Offiziersanwärtern der Helmut-Schmidt-Universität (Universität der Bundeswehr) aufgeführt wurde. Da bangen wohl gewisse Künstler-Kreise um ihre Deutungshoheit...
Stopp den Waffenlieferungen nach Libyen, denn wo Waffen hinkommen, wird es Leid geben, so begrüssen wir Kriege mit offenen Armen. Was stattdessen immer dringlicher wird:
Eine längst fällige Ohrfeige für Gaddafi und die Anderen von Gott, jetzt in diesem Moment soll Gott zuschlagen,
klatschundwatsch, rechts und links die grossen, heiligen Hände mitten ins Gesicht!
"Götter lieben auch wenn sie schlagen", so zunächst der Arbeitstitel meines Stückes,
zum Thema!
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