Vor vielen Jahren gastierte in unserer Sangerhäuser Kirchgemeinde ein abenteuerlicher Mensch. Gernot Friedrich hieß er, war Pfarrer aus Jena und hielt einen Diavortrag über die Sowjetunion. Unerhörtes sah und hörte man, jenseits aller Klischees vom Lande Lenins. Das ganze Riesenreich hatte Friedrich durchreist, allein, ohne gültige Papiere. Obdach und Verpflegung fand er überall. Nach Wochen stand er an der mongolischen Grenze. Er präsentierte den Uniformierten sein Krankenversicherungsbüchlein (viele Stempel!) und durfte passieren. Die Mongolei bot Jurten, Stutenmilch und bemerkenswerte Bräuche. Zur Nacht, sprach Pfarrer Friedrich, wird dem Gast die Frau des Hausherrn angeboten. Das darf man nicht ablehnen.

Lustvoll entsetztes Schweigen im evangelischen Gemeindesaal. Friedrich lachte: Allerdings war die Frau meines Quartiergebers zur Entbindung im Krankenhaus.

Irgendwann geschah das Befürchtete. Die mongolische Miliz griff zu, enttarnte den Vagabunden und wollte ihn abschieben – via Japan in die Bundesrepublik. Friedrich erwirkte seine Ausreise in die DDR. Jetzt traf ich ihn unvermutet wieder, als einen von zwei Dutzend Autoren des lebensprallen Sammelbandes Unerkannt durch Freundesland. Illegale Reisen durch das Sowjetreich . Dem Westleser sei erklärt, dass DDR-Bürger die Sowjetunion nur per Pauschalgruppenreise besuchen konnten. Individuelle Visaanträge wurden grundsätzlich abgelehnt.

Eine Lücke blieb im Grenzregime: das Durchreisevisum, gültig für 48 Stunden. Wer sich eine Reiseroute via Polen und Sowjetunion nach Rumänien bastelte, gelangte ins Rote Reich. Einmal dort, konnte man die 48-Stunden-Frist ignorieren und das gewaltige Land durchmessen, immer auf der Hut vor staatlichen Organen. Man musste nur irgendwann kurz in Rumänien ankommen, zwecks Grenzstempel im Visum. 

Nicht sehr viele DDRler wagten das große »Go East«. Einige aber suchten jene Freiheit, die ihnen westwärts versperrt war, in der entgegengesetzten Richtung. Sie stellten die Propagandafloskel von der Völkerfreundschaft auf die Probe und fuhren ins Baltikum, nach Georgien, auf die Krim. Sie erklommen den Kaukasus und die Gipfel des Pamir. Sie sausten mit selbst gebauten Eisseglern über den Baikalsee. Tief nach Asien drangen sie vor, streiften durch Swanetien und das wilde Turkestan, fanden Buchara und Samarkand und sich selbst als freie Menschen. Wieder daheim, hängten sie ihre Abenteuer nicht an die große Glocke.

Aber sie kannten einander. Sie trafen sich, zeigten und bewunderten die Fotos, tauschten Erfahrungen und Adressen aus und fieberten dem nächsten Aufbruch entgegen. Dieser lose Bund von Gleichgesinnten nannte sich UdF: Unerkannt durch Freundesland.