Wenn ein Krokodil einen besonders mächtigen Brocken verschluckt, dann presst es ihm das Wasser aus den Augen – die sogenannten Krokodilstränen. Auch die Zeugin Viola S., eine der vielen Exgeliebten des Wettermoderators Jörg Kachelmann, vergießt vor dem Landgericht Mannheim Tränen.

Die Diplom-Kauffrau Viola S. hatte am 29. April 2010 – nachdem ihr klar geworden war, dass der wegen angeblicher Vergewaltigung einer anderen Frau festgenommene TV-Meteorologe Kachelmann einen ganzen Harem unterhielt – die Titelseite der Illustrierten Bunte geschmückt und im Heftinnern unter dem Decknamen Isabella ihren ehemaligen Liebhaber nach Kräften schlechtgemacht. Sie habe ihm »blind vertraut«, hieß es dort und: »Er hat mein Leben zerstört.« Die Fotos des zehn Seiten umfassenden Berichts zeigten eine junge Frau, onduliert im Look der Arztromane aus den fünfziger Jahren und mit leidender Miene. Allerdings ist jetzt, zwei Tage vor ihrem Zeugenauftritt in Mannheim, herausgekommen, dass Viola S. für die Darbietung ihres Intimlebens den Brocken von 50.000 Euro geschluckt hat. Vielleicht mag deshalb kaum einer im Saal mitweinen.

Auch die Richter der 5. Großen Strafkammer sehen unbeeindruckt aus, einer rügt die »Respektlosigkeit« der Frau, die – um ihre Zeugenrolle wissend – vorher noch »zur Presse marschiert« sei. Viola S. will sich herausreden, sie habe keine Erfahrung mit den Medien gehabt, sie habe noch nie zuvor ein Interview gegeben. Weder habe sie den Hintergrund der Ablichtungen ausgesucht noch die Inszenierung bestimmt.

»Ja, Sie haben sich auch nicht hingesetzt und sich auch nicht fotografieren lassen«, fährt Kachelmanns Verteidiger Johann Schwenn sarkastisch dazwischen. Sie habe Kachelmann jahrelang geglaubt und vertraut, fährt die Zeugin fort, sie habe seine Söhne in Kanada gekannt und mit einer Heirat gerechnet, dann aber plötzlich Dinge erfahren müssen, »die mich umgehauen haben«. Angesichts dieser Katastrophe seien ihr »ganz, ganz viele Gedanken durch den Kopf gegangen« und »ganz, ganz viele Gefühle« auf sie eingestürzt. Die Abrechnung in der Bunten nennt sie »meine Art, mit der Sache umzugehen«.

Fast ein Jahr vor ihrem öffentlichen Auftritt vor Gericht, am 1. April 2010, hat die Zeugin Viola S. eine Aussage bei der Polizei gemacht, in der sie die Beziehung zu »Jörg« deutlich weniger innig und vertrauensvoll schildert. Dort steht, sie habe »permanent versucht, in sein Leben reinzukommen«, habe aber immer draußen gestanden. Er habe zwar oft geäußert, »dass er mit mir zusammen sein will, in letzter Konsequenz habe ich aber gemerkt, dass dies nicht der Fall ist«. Auch dass der mit der Logistik seiner vielen Amouren zeitweise überforderte Kachelmann zu faustdicken Lügen griff, wusste die Zeugin, die ihm laut der Bunten doch »blind vertraut« haben will.

Im Dezember 2003 hatte er das gemeinsame Weihnachtsfest mit Viola S. per E-Mail abgesagt, angeblich weil er sich dringend einer Sexualtherapie in den USA unterziehen müsste. Später erfuhr Viola S. von Kachelmann selbst, dass das Humbug war. Im Sommer 2004 ersann Kachelmann kurz vor dem gemeinsamen Sommerurlaub mit Viola eine schwere genetische Erkrankung, die dringend behandelt werden müsse. Vor geplanten Ferienreisen oder Feiertagen sei Jörg oft überraschend von heftigen Übeln heimgesucht worden, berichtete Viola S. der Polizei. Um die Frau auf Abstand zu halten, machte Kachelmann ihr sogar einmal vor, er leide an Krebs, man habe etwas »in seinem Magen gefunden«, Viola solle ihn ziehen lassen, er müsse »jetzt alleine kämpfen«. Alles Unfug, erfuhr sie später. Und als er im Februar 2010 in einer EMail aus Kanada wieder einmal behauptete, eine schwere psychische Erkrankung auszubrüten, war für Frau S. auch das bloß eine weitere Ausrede, »um mich nicht sehen zu müssen«.

Sieben Jahre soll die Beziehung gewährt haben inklusive einer zweijährigen Unterbrechung, nach welcher sie ihm im Januar 2007 gesagt haben will, dass sie seine Lügen satthabe. Und nun plötzlich der Vorwurf des missbrauchten Vertrauens. Viola S. ist eine intelligente Frau von 32 Jahren, die jedenfalls medienerfahren genug war, um als Einzige unter den in der Bunten lästernden Kachelmann-Geliebten beim Burda-Verlag die Rekordsumme von 50000 Euro herauszuschlagen. Soll man glauben, dass sie all die Jahre nichts von der Beschaffenheit des Mannes gemerkt hat, mit dem sie da zusammen war? Und all die anderen Frauen, die sich gegen Geld öffentlich als Kachelmann-Geschädigte vorstellten und den Wettermoderator mit Dreck bewarfen – sind sie Opfer dieses Mannes? Oder sind sie bloß ihrer eigenen Verblendung aufgesessen?

Richtig ist, dass Kachelmann Frauen belogen und ausgenutzt hat . Er gaukelte ihnen große Gefühle und eine gemeinsame Zukunft vor, er erfüllte seine Schwüre nie, sondern löste Versprechen mit weiteren Versprechen ein. Solche Männer gibt es. Bleibt die Frage, warum viele dieser angeblich modernen selbstbewussten Geliebten sich so lange so behandeln ließen. Nicht wenige richteten ihr Leben nach Kachelmann aus. Einige zogen seinetwegen um. Wieder andere nahmen Geld von ihm. Warteten. Erbettelten Zusammenkünfte. Machten sich klein. Unterwarfen sich seinem Terminkalender, seinen sexuellen Wünschen. Fabulierten von der großen Liebe, obwohl die meisten ihn doch bloß ein paar Mal im Jahr zu Gesicht bekamen. Manche hofften auf bessere Zeiten, manche schickten ihm scharfe Selbstporträts, andere versuchten es mit bitteren Vorwürfen. Alle wurden von dem Fernsehstar mit durchsichtigen Schwindeleien, inhaltsarmen SMS und oberflächlichen E-Mails abgespeist und fieberten vor sich hin – dem nächsten Treffen entgegen. Für keine hatte er wirklich Zeit. Keine war wirklich zufrieden. Aber die meisten spielten mit. Kachelmanns Methoden mögen verwerflich gewesen sein – undurchschaubar waren sie nicht. Deshalb verrät der Kachelmann-Prozess nicht nur viel über den Lebenswandel einer Bildschirmfigur, sondern auch über die weibliche Bereitschaft zum Selbstbetrug.