StrafprozessKachelmanns Frauen

50.000 Euro für medienwirksame Bekenntnisse und ein blinder Feminismus: Der Mannheimer Strafprozess als gesellschaftliches Lehrstück von 

Jörg Kachelmann während des Strafprozesses

Jörg Kachelmann während des Strafprozesses  |  © Alex Grimm/Getty Images

Wenn ein Krokodil einen besonders mächtigen Brocken verschluckt, dann presst es ihm das Wasser aus den Augen – die sogenannten Krokodilstränen. Auch die Zeugin Viola S., eine der vielen Exgeliebten des Wettermoderators Jörg Kachelmann, vergießt vor dem Landgericht Mannheim Tränen.

Die Diplom-Kauffrau Viola S. hatte am 29. April 2010 – nachdem ihr klar geworden war, dass der wegen angeblicher Vergewaltigung einer anderen Frau festgenommene TV-Meteorologe Kachelmann einen ganzen Harem unterhielt – die Titelseite der Illustrierten Bunte geschmückt und im Heftinnern unter dem Decknamen Isabella ihren ehemaligen Liebhaber nach Kräften schlechtgemacht. Sie habe ihm »blind vertraut«, hieß es dort und: »Er hat mein Leben zerstört.« Die Fotos des zehn Seiten umfassenden Berichts zeigten eine junge Frau, onduliert im Look der Arztromane aus den fünfziger Jahren und mit leidender Miene. Allerdings ist jetzt, zwei Tage vor ihrem Zeugenauftritt in Mannheim, herausgekommen, dass Viola S. für die Darbietung ihres Intimlebens den Brocken von 50.000 Euro geschluckt hat. Vielleicht mag deshalb kaum einer im Saal mitweinen.

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Auch die Richter der 5. Großen Strafkammer sehen unbeeindruckt aus, einer rügt die »Respektlosigkeit« der Frau, die – um ihre Zeugenrolle wissend – vorher noch »zur Presse marschiert« sei. Viola S. will sich herausreden, sie habe keine Erfahrung mit den Medien gehabt, sie habe noch nie zuvor ein Interview gegeben. Weder habe sie den Hintergrund der Ablichtungen ausgesucht noch die Inszenierung bestimmt.

»Ja, Sie haben sich auch nicht hingesetzt und sich auch nicht fotografieren lassen«, fährt Kachelmanns Verteidiger Johann Schwenn sarkastisch dazwischen. Sie habe Kachelmann jahrelang geglaubt und vertraut, fährt die Zeugin fort, sie habe seine Söhne in Kanada gekannt und mit einer Heirat gerechnet, dann aber plötzlich Dinge erfahren müssen, »die mich umgehauen haben«. Angesichts dieser Katastrophe seien ihr »ganz, ganz viele Gedanken durch den Kopf gegangen« und »ganz, ganz viele Gefühle« auf sie eingestürzt. Die Abrechnung in der Bunten nennt sie »meine Art, mit der Sache umzugehen«.

Fast ein Jahr vor ihrem öffentlichen Auftritt vor Gericht, am 1. April 2010, hat die Zeugin Viola S. eine Aussage bei der Polizei gemacht, in der sie die Beziehung zu »Jörg« deutlich weniger innig und vertrauensvoll schildert. Dort steht, sie habe »permanent versucht, in sein Leben reinzukommen«, habe aber immer draußen gestanden. Er habe zwar oft geäußert, »dass er mit mir zusammen sein will, in letzter Konsequenz habe ich aber gemerkt, dass dies nicht der Fall ist«. Auch dass der mit der Logistik seiner vielen Amouren zeitweise überforderte Kachelmann zu faustdicken Lügen griff, wusste die Zeugin, die ihm laut der Bunten doch »blind vertraut« haben will.

Im Dezember 2003 hatte er das gemeinsame Weihnachtsfest mit Viola S. per E-Mail abgesagt, angeblich weil er sich dringend einer Sexualtherapie in den USA unterziehen müsste. Später erfuhr Viola S. von Kachelmann selbst, dass das Humbug war. Im Sommer 2004 ersann Kachelmann kurz vor dem gemeinsamen Sommerurlaub mit Viola eine schwere genetische Erkrankung, die dringend behandelt werden müsse. Vor geplanten Ferienreisen oder Feiertagen sei Jörg oft überraschend von heftigen Übeln heimgesucht worden, berichtete Viola S. der Polizei. Um die Frau auf Abstand zu halten, machte Kachelmann ihr sogar einmal vor, er leide an Krebs, man habe etwas »in seinem Magen gefunden«, Viola solle ihn ziehen lassen, er müsse »jetzt alleine kämpfen«. Alles Unfug, erfuhr sie später. Und als er im Februar 2010 in einer EMail aus Kanada wieder einmal behauptete, eine schwere psychische Erkrankung auszubrüten, war für Frau S. auch das bloß eine weitere Ausrede, »um mich nicht sehen zu müssen«.

Sieben Jahre soll die Beziehung gewährt haben inklusive einer zweijährigen Unterbrechung, nach welcher sie ihm im Januar 2007 gesagt haben will, dass sie seine Lügen satthabe. Und nun plötzlich der Vorwurf des missbrauchten Vertrauens. Viola S. ist eine intelligente Frau von 32 Jahren, die jedenfalls medienerfahren genug war, um als Einzige unter den in der Bunten lästernden Kachelmann-Geliebten beim Burda-Verlag die Rekordsumme von 50000 Euro herauszuschlagen. Soll man glauben, dass sie all die Jahre nichts von der Beschaffenheit des Mannes gemerkt hat, mit dem sie da zusammen war? Und all die anderen Frauen, die sich gegen Geld öffentlich als Kachelmann-Geschädigte vorstellten und den Wettermoderator mit Dreck bewarfen – sind sie Opfer dieses Mannes? Oder sind sie bloß ihrer eigenen Verblendung aufgesessen?

Richtig ist, dass Kachelmann Frauen belogen und ausgenutzt hat . Er gaukelte ihnen große Gefühle und eine gemeinsame Zukunft vor, er erfüllte seine Schwüre nie, sondern löste Versprechen mit weiteren Versprechen ein. Solche Männer gibt es. Bleibt die Frage, warum viele dieser angeblich modernen selbstbewussten Geliebten sich so lange so behandeln ließen. Nicht wenige richteten ihr Leben nach Kachelmann aus. Einige zogen seinetwegen um. Wieder andere nahmen Geld von ihm. Warteten. Erbettelten Zusammenkünfte. Machten sich klein. Unterwarfen sich seinem Terminkalender, seinen sexuellen Wünschen. Fabulierten von der großen Liebe, obwohl die meisten ihn doch bloß ein paar Mal im Jahr zu Gesicht bekamen. Manche hofften auf bessere Zeiten, manche schickten ihm scharfe Selbstporträts, andere versuchten es mit bitteren Vorwürfen. Alle wurden von dem Fernsehstar mit durchsichtigen Schwindeleien, inhaltsarmen SMS und oberflächlichen E-Mails abgespeist und fieberten vor sich hin – dem nächsten Treffen entgegen. Für keine hatte er wirklich Zeit. Keine war wirklich zufrieden. Aber die meisten spielten mit. Kachelmanns Methoden mögen verwerflich gewesen sein – undurchschaubar waren sie nicht. Deshalb verrät der Kachelmann-Prozess nicht nur viel über den Lebenswandel einer Bildschirmfigur, sondern auch über die weibliche Bereitschaft zum Selbstbetrug.

Leserkommentare
  1. Irgendwo tut er mir ja schon leid, wie ihm so mitgespielt wird. Ich meine, was er mit den Frauen macht / gemacht hat, war sicherlich nicht in Ordnung, aber was jetzt mit seinem Leben passiert ist auch nicht gerade schön. Ich weiß nicht, ob das die gerechte Strafe ist. Gerade das Ding mit Meteomedia finde ich krass. Bei sowas wird einem ja echt schlecht.

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    • cvnde
    • 08. April 2011 18:00 Uhr

    Der Mensch ist ja nicht mit Lieschen Müller von hinterm Blauen Berg verkehrt.
    Das waren doch alles halbwegs mit der modernen Welt vertraute Personen, die wollten den Kachelmann und der wollte nicht.

    Wenn man "den Schuss nicht hört", dann ist das doch nur PP.

  2. Unterhaltsame Lektüre. Etwas zugespitzt und zornig aber gut. Ich finde nur, Sie hätten etwas deutlicher sagen können, dass es dabei letztlich nicht darauf ankommt ob er am Ende schuldig ist. Denn dies könnte ja nach wie vor möglich sein. Wir sollten uns da nicht über das Gericht stellen. Aber ich lese zwischen den Zeilen, dass es sie es so meinten.

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  3. Man lege sich nie mit Frauen an.

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    Wir legen uns nicht/befassen uns am besten GAR NICHT mit dem großen Teil hochmanipulativer psychotischer Frauen, deren ganzes Leben eine einzige Dramaaufführung um einen Mann ist und die den ganzen lieben Tag keine andere Themen als Familienplanung, DSDS und achja: Die BUNTE kennen.

    • vuex
    • 08. April 2011 17:26 Uhr

    Ich verstehe nicht wieso die (deutsche) Welt so sehr an diesem Mann bzw. dem Prozess interessiert ist?

    Anstatt schlicht das Endresultat abzuwarten, wird man wöchentlich mit dieser vollkommen unbedeutenden Persönlichkeit zugemüllt.

    Wäre es nun eine wichtige Person würde ich das "breittreten" des Prozesses ja noch verstehen aber so ergibt eine solch intensive Berichterstattung derzeit gar keinen Sinn. Was ändert es denn, wäre er schuldig, er würde zurecht eingesperrt und dann berichtet halt ein anderer übers Wetter. Wie schlimm!

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  4. Wenn Kachelmann freigesprochen wird, stehen gegen das angebliche Opfer der Verdacht- strafbarer - falscher Anschuldigung und erhebliche Ansprüche wegen seiner Existenzschäden im Raum. Eine Strafverfolgung der Anzeigenden würde allerdings die gerichtliche Überzeugung von ihrem vorsätzlichen Lügen voraussetzen, für Schadensersatzansprüche gegen sie könnte u.U. Fahrlässigkeit ausreichen.

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    • Goofos
    • 08. April 2011 19:40 Uhr

    Die Antwort ist eigentlich ziemlich einfach und schlicht:
    Weil es ein Skandal ist wie dieser Prozess verläuft und wie es überhaupt zu diesem Prozess gekommen ist.

  5. Insbesondere was den Feminismus angeht, sind hier Widersprüche aufgezeigt worden, an die ich auch nicht gedacht habe. Vielleicht sollte Frau Schwarzer diesen Artikel mal lesen.

    Ich habe es übrigens schon immer für wahrscheinlich gehalten, dass die Vorwürfe wohl erfunden sind.
    Einmal weil schon die Statistiken dafür sprechen, nach denen in einem Drittel der Fälle die Vorwürfe völlig erfunden sind und in einem weiteren Drittel zumindest drastisch übertrieben wurde. Deckt sich auch mit meinen Erkenntnissen aufgrund der Lektüre des Lokalteils meiner Tageszeitung.

    Und weil dies einfach der klassische Fall ist, wo Frauen nur diese Möglichkeit sehen, einen Mann "angemessen" zu bestrafen. Dass er sich wie ein Schwein verhalten hat, ist ja nicht strafbar. Dass zumindest einige Affären wohl einen BDSMigen Hintergrund hatten und Vergewaltigungsspiele durchaus eine Rolle gespielt haben könnten, macht das Lügen nur noch einfacher.

    Bin übrigens kein Fan von ihm. Gehöre wohl zu den ganz wenigen, die vorher gar nicht wussten, wer er ist.

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    • Buh
    • 10. April 2011 8:33 Uhr

    Einen Artikel von Frau Schwarzer lesen. Es ist leicht eine Meinung zu haben, wenn man die Gegenargumente nicht verstehen oder überhaupt hören will.

    • Herr-M
    • 11. April 2011 11:20 Uhr

    „...Einmal weil schon die Statistiken dafür sprechen, nach denen in einem Drittel der Fälle die Vorwürfe völlig erfunden sind und in einem weiteren Drittel zumindest drastisch übertrieben wurde. Deckt sich auch mit meinen Erkenntnissen aufgrund der Lektüre des Lokalteils meiner Tageszeitung.“

    Ich weiß ja nicht, welche Tageszeitung Sie lesen. Es gibt nur keine seriöse Statistik, die Ihre Annahme auch nur halbwegs bestätigt. Sie werden da auch keine beibringen können – außer natürlich Ihre „Erkenntnisse“ aus der Tageszeitung.
    Davon abgesehen, dass Statistiken für die Beurteilung eines Individualfalles wenig hilfreich sind.

  6. - Tja, ich kann Frau Richter, was ihre Analyse von Alice Schwarzers Verhalten betrifft, nur Recht geben.
    Dazu kommt, dass offensichtlich die Staatsanwaltschft massiv gegen Kachelmann vorging ( Vorgestern lief ein Film in 3Sat)und missachtete, dass an dem Messer keine genetischen Spuren zu finden waren, obwohl welche hätten vorhanden sein müssen.
    Dass die Anklägerin den anonymen Brief, der Kachelmann denunzierte, selber schrieb, dass die Wunde am Hals keine Schnitt, sondern eine Schüfwunde war und dass die Hämatome an den Oberschenkeln nicht von Kachelmann stammen konnten.
    Es gibt keinerlei Beweise gegen Kachelmann, außer seinem Charakter und seinem Verhalten Frauen gegenüber. Das ist aber nicht strafbar.
    Dass Schwarzer und die Staatsanwaltschaft die Partei einer so fragwürdigen Anklägerin ergreift, ist ein Schlag ins Gesicht aller Frauen, die Tatsächlich Opfer einer sexuellen Attacke wurden.
    Dass Schwarzer sich dazu herablässt, in der Bild über Kachelmann herzuziehen,zerstört ihr eigene Glaubwürdigkeit.
    Es ist widerlich, wie ein vollkommen irre gewordenes Gericht, all die ehemaligen Geliebten Pikantes berichten lässt. Niemals zuvor wurde in der BRD ein solcher Aufwand um eine solche Anzeige betrieben.
    Die Frauen, die auf Kachelmann herein fielen, sedierten wohl ihren Stolz und ihre Bedenken mit dem ersehnten Abglanz des Wettermannes auf die eigene Person.

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    • zacc
    • 08. April 2011 17:35 Uhr

    Ja, der Absatz zum Feminismus und Alice Schwarzers aktueller Haltung in diesem Fall, ging ja mal runter wie Öl.

    Selbst ohne mich allzu sehr für die ganze Sache zu interessieren, kamen mir die Berichterstattung und Diskussion darum ziemlich und unnötig aufgebauscht vor.

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