Schnurgerade zieht sich die Straße durch die weite, trockene Ebene. Hier ist nicht das Touristen-Tansania mit Schnee auf dem Kilimandscharo und grünen Hügeln. Diese weite, trockene Ebene ist das Zentrum des Landes, heiß, karg und arm. Felsen türmen sich zu bizarren Formationen, grün nur die Kakteenbäume. Hier und da blüht rot ein Flamboyant, wie brennend in der braunen Landschaft.

Von der Teerstraße zweigt eine Sandpiste ab. Die Erde wechselt ihre Farbe, von ocker zu zementgrau. Das Auge des Europäers sieht hier nur Dürre und Kargheit – kein Ort zum Leben, kein Ort zum Bleiben. Doch die Menschen, die hier leben, kämpfen genau darum: bleiben zu können. Die Zukunft ihrer dürren Heimat wird von einem Wort verdunkelt, das bis vor Kurzem niemand kannte. Ein Wort, das in der Landessprache Kisuaheli nicht einmal existiert: Uran.

14 Millionen Tonnen Uranerz birgt die gewaltige Bahi-Senke. Zwei australische Firmen, Mantra Resources und Uranex, wollen bald mit dem Abbau beginnen, hier und im Süden des Landes. Hinter Mantra steht Rio Tinto, der britische Minengigant. Im ostafrikanischen Staub sieht man die Folgen von Entscheidungen, die Tausende Kilometer entfernt getroffen werden – Renaissance der Atomkraft! Der Uranpreis boomt, Lagerstätten erstrahlen in neuer Profitabilität. Uran, Uran, reißt die Erde auf!

Still ziehen Schafe, Ziegen und Herden von mageren Rindern vorbei. Wo der Boden jetzt grau und glatt ist, wird in der Regenzeit Reis stehen, viele Hektar weit. Wenn es regnet, füllt sich die Senke, dann stauen sich oberirdische und unterirdische Wasserläufe zum Bahi-See, so reich an Fisch, dass Ad-hoc-Dörfer entstehen an seinen Ufern. Der Landstrich, der zur Trockenzeit so lebensfeindlich wirkt, ernährt mehr als nur die, die hier leben.

Millionen Tonnen Giftschlamm, entsorgt in einem Flussbett

So werden sich in diesem Bassin bald zwei Entwicklungsmodelle feindlich gegenüberstehen, die bäuerliche Subsistenzwirtschaft und die Extraktionsökonomie: Bodenschätze außer Landes schaffen; der Mensch, der einheimische, wird kaum gebraucht. Er ist überflüssig, er stört.

Im Dorf Makulu stehen Häuser aus Stöcken und zementgrauer Erde. Der Reisbauer Gaitan Iniyasi Iputu zeigt das Zuhause seiner 42-köpfigen Familie, ein Zuhause, von dem er ahnt, wie gefährdet es ist. »Ich kann an nichts anderes mehr denken«, sagt Iputu, ein magerer hochgewachsener, energischer Mann. Vier Langhäuser umgrenzen seinen Hof, in der Mitte ein Gehege für Vieh. Iputu hat zehn Kinder, eilig setzt er hinzu: »Und nur eine Frau! Ich bin Katholik.« Im ersten Langhaus, dem Empfangszimmer, glänzen im Halbdunkel die Augen von drei schwarzen Kälbern; Hühner picken herum, die Holzbänke sind blank gesessen. Ein stabiles Heim, eben noch.

Der Vizeminister für Bergbau kam ins Dorf, erzählt Iputu; den Namen des Mannes hat er längst vergessen; nicht zu vergessen ist, was er aus der Rede heraushörte: Wenn die Zeit gekommen ist, müsst ihr weg. »Ich hoffe, die Regierung wird uns dann zeigen, wo wir hinkönnen. Aber warum bringen sie diese Minen-Leute überhaupt her?« Er muss nun auf die Hilfe einer Regierung hoffen, der er nicht mehr traut. Über Uran weiß Iputu nur, dass man damit »Elektrizität und Waffen machen kann«, der Rest verschwimmt in seinem Kopf. Steckt Amerika dahinter? George Bush war einmal in Tansania, da muss es einen Zusammenhang geben.

In Bahi, dem Hauptdorf der Senke, stehen junge Bauern vor der Sammelstelle für Reis. Es ist Mittag, die Sonne brennt gnadenlos, die weißen Reissäcke blenden. Ein 30-Jähriger erzählt, er habe zufällig Radio gehört, als das Parlament über Uran debattierte. So erfuhr er, dass es ihn betrifft. Wütend malträtiert er die Pedale seines Fahrrads.

Das Wort uranium ist schwer auszusprechen, die lokale afrikanische Sprache kennt kein R. Meist benutzen die Leute Umschreibungen: das Projekt, die Sache, die Mineralien. Noch schwerer als die Aussprache ist es, sich eine Vorstellung zu machen, welches Umweltdesaster hinter dem schlichten Wort Uranabbau lauert. Die Konzentration von Uran im Erz ist sehr niedrig, deshalb müssen riesige Mengen an Gestein bewegt werden, sie bleiben als radioaktiv staubende Abraumhalden zurück. Das Uran wird mit Laugen aus dem Erz gewaschen, dabei fallen enorme Mengen chemisch verseuchter Rückstandsschlämmen an. Weil ihnen zwar das Uran, nicht aber dessen Zerfallsprodukte entzogen sind, bergen die Schlämme einen Großteil der ursprünglichen Radioaktivität.

Anthony Lyamunda hat sich durch all das durchgearbeitet, mit Ehrgeiz und Entsetzen. Der gelernte Elektroingenieur versteht sich als Aufklärer; er leitet Cesope, eine christlich motivierte Organisation, der Name bedeutet: Bürgererziehung ist die Lösung für Armut und Umweltprobleme. Davon ist Lyamunda tief überzeugt. »Die Menschen in der Uranregion müssen eine informierte Entscheidung über ihre Zukunft treffen können, in einem offenen, fairen Prozess.« Die Behörden hätten daran kein Interesse.

Der junge Ingenieur weiß, was Uranabbau anderswo in Afrika anrichtet; er war in Namibia, wo der weltgrößte Urantagebau, die Rössing-Mine, seit 30 Jahren ohne jegliches Strahlenschutzgesetz arbeitet. 250 Millionen Tonnen giftiger Schlämme, entsorgt in einem ehemaligen Flussbett. Hinter Rössing steht Rio Tinto, der Minengigant. Lyamunda weiß von Niger, wo dem französischen Staatskonzern Areva praktischerweise gleich das Krankenhaus gehört, in dem von Amts wegen niemals Lungenkrebs diagnostiziert wird. Lyamunda wurde in all das hineinkatapultiert, weil er in der Bahi-Region geboren wurde. Allmählich hat er begriffen, mit welch mächtigen Gegnern er sich einlässt. Er rollt die Schultern; über seine Angst zu reden, dafür ist er nicht der Typ.