Über 600 Menschen sind seit Januar bei dem Versuch ertrunken, aus Nordafrika nach Europa zu gelangen. Seit 1988 haben nach Angaben der Organisation Fortress Europe mindestens 10.000 Flüchtlinge den Tod gefunden. Das sind Opferzahlen wie in einem mittleren Krieg. Immer mal wieder ziehen Fischer aus ihren Netzen die Leichen der Ertrunkenen. Manche tragen noch Nike-Turnschuhe. Das Mittelmeer ist ein nasses Grab.

Man muss an diese Bilanz erinnern, wenn wir über Migration nach Europa streiten. Denn wir neigen dazu, über technische Details zu diskutieren, über Flüchtlingsquoten, Grenzzäune, Rückführungsverträge. Das alles ist wichtig. Aber zuerst geht es, so gefühlig das klingen mag, um Menschen. Um Menschen, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um vor Krieg und Not zu fliehen. Oder weil sie arbeiten, ihr Glück machen wollen im sagenhaft reichen Europa. Und die uns damit zwingen, uns die unangenehme Frage zu stellen, mit welchem Recht wir eigentlich einem tunesischen Vater verbieten wollen, das Beste für seine Kinder zu erstreben – und sei es in Europa? Wer wollen wir sein?

Man muss auch an die Zahl der Ertrunkenen erinnern, um die obszöne Wendung von Silvio Berlusconi einzuordnen , auf Europa rolle ein »menschlicher Tsunami« zu. Es ist eine ziemlich widerliche Verdrehung von Bedrohung und Risiko. Nicht den Küsten und deren Bewohnern droht existenzielle Gefahr, sondern den Menschen auf hoher See.

Nein, es brandet keine »Flutwelle« von Migranten gegen Europas Strände. Die arabische Revolution hat uns noch nicht erreicht. Im Gegenteil, angesichts der ungeheuren Umwälzungen in der arabischen Welt sind es eher wenige Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben. Zum Vergleich: Das kleine Tunesien – Einwohnerzahl zehn Millionen – hat fast 400.000 Bürgerkriegsflüchtlinge aus Libyen aufgenommen – und seine Grenzen dennoch nicht dichtgemacht. Da soll das 500 Millionen Menschen zählende, mächtige Europa nicht mit 20.000 Flüchtlingen auf Lampedusa fertig werden?

Ja, das mächtige Europa als Ganzes. Denn die Migration auf diesen Kontinent geht alle Mitgliedsstaaten der EU etwas an. Schon richtig, es gibt eine Arbeitsteilung. Das Land, in dem die Flüchtlinge ankommen, ist für sie zuständig, prüft ihre Asylanträge und sorgt für ihre Rückkehr in die Heimat, notfalls zwangsweise. Und wenn ein Staat damit überfordert ist, wie Malta aktuell und wie im Grunde auch Griechenland, dann springt ihm die Gemeinschaft bei.

Das ist die europäische Solidarität, auf die sich Silvio Berlusconi gerade beruft. Nur ist der italienische Ministerpräsident der Letzte, der sich darauf berufen darf. Wer seine Partner auszutricksen versucht wie Berlusconi, der hat keine Solidarität verdient. Und nichts anderes als eine Trickserei zulasten Dritter wäre es, den Flüchtlingen auf Lampedusa Touristenvisa auszustellen, damit sie möglichst rasch aus Italien verschwinden – nach Frankreich oder Österreich.